Anzeige Top Werbung
Die Autobörse im Süden
Die Immobörse im Süden
Die Jobbörse im Süden
Bildergalerien aus aller Welt & der Region
Internetfernsehen für die Region
Schrift kleiner groesser

Wir im Süden

"Wir müssen die Leistungen der Jugend würdigen"

(STUTTGART/sz) Gewalttätig, medienabhängig und politisch desinteressiert - die Jugend von heute wird häufig an den Pranger gestellt. Sie gilt auch als immun gegen Einflüsse von Schule und Eltern. Doch der baden-württembergische Kultusminister Helmut Rau will auch die besonderen Fähigkeiten junger Menschen gewürdigt wissen. Sie könnten die Informationsflut bewältigen und verfügten über mehr Basiswissen als frühere Generationen, hat der CDU-Politiker im Gespräch mit unserem Redakteur Andreas Schanz betont.

SZ: Fast schon regelmäßig berichtet die Polizei über Angriffe von Jugendlichen auf Fahrgäste im öffentlichen Nahverkehr. Sind die Jugendlichen heute rücksichtsloser und aggressiver als früher?

Rau: Man kann diesen Eindruck gewinnen, wenn man solche Meldungen liest. Ich bin mir nicht sicher, ob das zutrifft, glaube aber, dass die öffentliche Aufmerksamkeit für diese Themen heute größer ist. Zu meinen Jugendzeiten gab es so etwas wie Banden, die sich Kämpfe geliefert haben, um überschüssige Kraft los zu werden. Aber im Unterschied zu heute gab es ganz klare Regeln. Man hat die Angelegenheit nie betrieben, um den anderen zu zerstören - sondern um zu zeigen, wer der Stärkere ist.

SZ: Wie schätzen Sie derzeit die Gewalt an den Schulen ein?

Anzeige

Rau: An den Schulen gibt es immer wieder Situationen, in denen Gewalt eskaliert und die Regeln überschritten werden. Ich kann aber nicht beobachten, dass mehr geprügelt und getreten wird. Schüler sind heute mehr Konflikten ausgesetzt, die sie in die Schule mitbringen. Deswegen ist es sehr wichtig, dass Schüler selbst lernen, mit schwierigen Situationen in ihrem Leben umzugehen. Wir machen ausgesprochen gute Erfahrungen mit den Streitschlichtern an den Schulen. Sie haben die Sensibilität, Konflikte früher zu erkennen als es Lehrkräften vielleicht möglich ist. Bevor es zu einer Eskalation kommt, können Gleichaltrige versuchen auszugleichen. Ich halte es für wichtig, dass die Schulen ihre Präventionsarbeit weiter stärken, in der es darum geht, dass Jugendliche akzeptieren und verstehen, dass es nicht richtig ist, Gewalt anzuwenden.

SZ: Ist die Verrohung auf Defizite in der Erziehung zurückzuführen - innerhalb der Familien?

Rau: Da können viele Einflüsse eine Rolle spielen. Ich bin vorsichtig darin, die Ursachen auf nur einen Punkt zu reduzieren. Aber klar ist, dass die Eltern eine zentrale Rolle für ihre Kinder spielen und die Schule die Eltern nicht ersetzen kann. Beide werden ihrer Verantwortung am besten gerecht, wenn sie eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten und sich gegenseitig in der Verantwortung für die Kinder unterstützen. Natürlich muss man auch über den Einfluss der Medien diskutieren. Wenn ich erfahre, welcher Mist den ganz Tag im Fernsehen läuft und dass sich Kinder und Jugendliche oft stundenlang unreflektiert diesem Einfluss aussetzen, dann hat das vermutlich auch Auswirkungen auf das Denken der Jugendlichen. Wenn ich sehe, dass das Internet Inhalte vorhält, die gegen die Menschenwürde verstoßen, dann kann das nicht zu einer freien und selbstständigen Persönlichkeitsentwicklung beitragen. Aber wir haben hier leider wenige Interventionsmöglichkeiten.

SZ: Wie können die Lehrer diese Entwicklung beeinflussen? Sind sie Respektspersonen oder Krisenmanager?

Rau: Jeder Pädagoge hat die Chance, Jugendliche durch die Art und Weise zu überzeugen, wie er mit ihnen arbeitet, und das erzeugt Respekt. Ich weiß, dass wir bei 110 000 Lehrerinnen und Lehrern nicht davon ausgehen können, dass dies überall in gleicher Weise umgesetzt wird. Einigen Lehrkräften gelingt dies besser, anderen wiederum weniger.

SZ: Brauchen Jungen eine besondere Förderung in der Schule?

Rau: Es sieht so aus, als ob Jungen mehr Schwierigkeiten bereiten. Die Mädchen sind durch eine eindeutige Förderpolitik in ihren Bildungslaufbahnen sehr erfolgreich geworden und können ihre Möglichkeiten besser umsetzen - legt man deren Abschlüsse zugrunde. Das ist nicht automatisch eine Misserfolgsgeschichte für die Jungen. Die Jungen haben mehr Verhaltensweisen, mit denen sie anecken. Das kann aber nicht der Schule angelastet werden, das wäre eine Überforderung. Es ist sicher auch nicht hilfreich, dass ein Schüler in den ersten Grundschulklassen selten einen Mann zum Lehrer hat. Jungen brauchen in der Schule neben den weiblichen auch männliche Vorbilder. Daher bedauere ich, dass heute so wenig junge Männer offensichtlich wegen eines vorhandenen Rollenklischees bereit sind, Grundschullehrer zu werden.

SZ: Welche Unterstützung kann die Ganztagsschule leisten? Wird bald nur noch ganztags unterrichtet?

Rau: Sie ist eine mögliche und auch gewünschte Antwort auf die veränderten Lebensumstände. Kinder wären sonst zuhause oft sich selbst überlassen und wüssten in dieser Zeit nichts Vernünftiges mit sich anzufangen. Die Ganztagsschule ist eine Antwort auf veränderte Familienstrukturen und auch eine Antwort darauf, wie Lernen heute organisiert werden sollte. Die Ganztagsschule soll nicht ein Mehr vom Gleichen sein, sondern sie soll das Lernen in anderen organisatorischen Formen ermöglichen. Es war sicher notwendig und richtig, diesen Weg zu gehen. Wir haben im Land jetzt über 1220 Ganztagsschulen, das ist schon ein ziemlich großer Schritt. Aber ich finde, dass es nach wie vor so sein sollte, dass man sich vor Ort überlegen muss, ob die Schule eine Ganztagsschule sein soll. Die heutige Zeit ist nicht vergleichbar mit der früherer Generationen, aber ich war froh, dass ich nicht jeden Tag von morgens bis am späten Nachmittag in die Schule musste.

SZ: Viele Eltern sträuben sich ja noch gegen die Ganztagsschule. Woran liegt das?

Rau: Sie haben sicher auch Sorge, es könnte zu viel schulische Belastung sein. Die Ganztagsschule kann für die Schüler eine Entlastung sein - weil sie mehr individuelle Förderung und Angebote für besondere Interessen der Kinder und Jugendlichen beinhaltet. Ich sehe allerdings auch, dass außerhalb der Schule viele Möglichkeiten bestehen, seinen Neigungen und Vorlieben nachzugehen - wie der Musik, dem Sport oder im Umweltschutz. Das respektiere ich und sollte auch einen besonderen Stellenwert behalten. Es gibt aber Vereine, die behaupten, sie hätten wegen der Ganztagsschule weniger Zulauf von Jugendlichen bekommen. Ich kenne keine Zahlen, die das belegen würden. Als Präsident des Bundes deutscher Blasmusikverbände stelle ich fest, dass wir erfreulicherweise immer noch enormen Zulauf erhalten.

SZ: Sind heute mehr Jugendliche im Ehrenamt engagiert als vor zehn oder 20 Jahren?

Rau: Baden-Württemberg ist das Land, dass gemessen an der Bevölkerung den höchsten Anteil ehrenamtlich Tätiger aufweist. Das ist kein Verdienst der Regierung, sondern der Menschen in Baden-Württemberg. Die Quote liegt derzeit bei 42 Prozent, das ist ein herausragender Wert. Die Shell-Jugendstudie besagt, dass drei Viertel aller Jugendlichen bereit sind, eine ehrenamtliche Aufgabe zu übernehmen - jedoch in anderen Formen als man sie bisher kannte. Wir Erwachsenen denken an den Vorsitzenden, Schriftführer und Kassier. Daran denken Jugendliche heute nicht. Sie suchen Themen, die sie brennend interessieren und wollen sich daran in Form von Projekten beteiligen. Das macht ihnen Freude. Die grundsätzliche Bereitschaft von Jugendlichen, sich ehrenamtlich zu engagieren, bewerte ich sehr positiv. Sie muss auch angemessen gewürdigt werden und in der Schule ausgelebt werden können. In den Mentorenprogrammen bereiten wir beispielsweise Schülerinnen und Schüler mit externen Partnern darauf vor, Verantwortung für Gruppen zu übernehmen. Damit haben wir riesigen Erfolg.

SZ: Wie stark ist bei den Jugendlichen das politische Interesse ausgeprägt?

Rau: Ich bin 1967 in die Junge Union eingetreten - zur Zeit der Studentenunruhen. Da gab es eine enorme Politisierung, auch eine Polarisierung. Es gab viele, die aus Elternhäusern kamen, in denen man Politik bewusst gemieden hat - bei mir war das nicht der Fall. Sowohl für meinen Vater wie für meinen Großvater hat Politik eine wichtige Rolle gespielt. Mit meinem Vater habe ich über Politik gesprochen. Manches davon ist mir im Gedächtnis geblieben. Von beiden habe ich erfahren, dass ich meine eigene Position finden muss. Heute habe ich die Sorge, dass zu wenige Jugendliche für sich eine eigene Position bestimmen. Zu einer selbstständigen Persönlichkeit gehört, dass Jugendliche die größeren Zusammenhänge verstehen, in denen sie leben, und dass sie in der Lage sind, sich ein eigenständiges Urteil zu bilden.

SZ: Welche Ursachen haben diese Defizite?

Rau: Jugendliche sind heute vielen Reizen ausgesetzt, sie kommen in der Welt herum und viele bekommen alles, was sie wollen. Sie erfahren Politik auf eine Art und Weise, die sie denken lässt: das ist nicht meins. Sich in Ruhe mit politischen Fragen auseinandersetzen, die einen beschäftigen, ist schwieriger geworden. Daran sind auch Medien und Politiker schuld.. Die Jugendlichen bekommen ein Schauspiel vorgesetzt, das ihnen Politik nicht unbedingt attraktiv erscheinen lässt.

SZ: Was kann die Schule dagegen tun?

Rau: Wir haben den 20. Jahrestag der friedlichen Revolution. Man kann sich dem Fall der Mauer, freien Wahlen und der Wiedervereinigung durch Zeitzeugen und historische Quellen nähern, die die Zeit greifbar werden lassen und deutlich machen, dass es sehr existentielle Situationen gibt, die mit Politik zusammenhängen. Mich hat im Alter von 17 Jahren am meisten interessiert, wie es um die Freiheit in einem Gemeinwesen bestellt ist. Ich habe genügend Zeit gehabt, darüber zu lesen und mit Lehrern im Gemeinschaftskundeunterricht zu diskutieren. Heute ist es viel zu selten üblich, in eine vertiefte Debatte um politische Fragen einzutreten. Nicht jeder hat Lust, Zusammenhänge zu sehen und kritisch zu reflektieren.

SZ: Immer mehr Schüler besuchen das Gymnasium, sind sie heute intelligenter als früher?

Rau: Wir gestalten jeden Schulabschluss so werthaltig, dass damit Anschlüsse möglich sind. Möglicherweise war das Gymnasium in den sechziger Jahren so ausgerichtet, dass nur der Teil der Schülerschaft aufgenommen wurde, der sich im stärkeren Drittel bewegt hat. Das war entwicklungsbedürftig. Es war schon richtig zu sagen: Mehr sollten die Chance auf die Hochschulreife haben, mehr sollten studieren können - weil wir heute in vielen Lebensbereichen ohne eine solche Ausbildung gar nicht mehr auskommen. Das bedeutet aber keine Abwertung der anderen Schularten, sondern eine Verschiebung der Parameter. Sie hat nichts damit zu tun, dass man jetzt auf Leistungsanforderungen verzichten würde.

SZ: Was können die Schüler von heute besser oder auch schlechter als vor zehn, 20 Jahren oder noch früher?

Rau: Der Vorwurf, dass Schüler manches nicht mehr so gut können wie man glaubt, es selbst gekonnt zu haben, höre ich immer wieder. Um für zukünftige Anforderungen gerüstet zu sein, ist es entscheidend, dass an den erworbenen Kompetenzen angeknüpft und darauf aufgebaut werden kann. Ich glaube, dass die Schüler in dieser Hinsicht heute weiter sind als meine Schülergeneration. Den Jugendlichen wird heute abgefordert, mit einer Flut von Informationen zurechtzukommen. Wir Älteren müssen diese Leistung erkennen und würdigen.

SZ: Woran hapert es heute?

Rau: Manches, was früher selbstverständlich war, ist es heute offensichtlich nicht mehr in dem Maß. Ein Thema ist die Rechtschreibreform, mit der wir selbst dazu beigetragen haben, dass Rechtschreibung beliebig geworden ist. Die Möglichkeiten und die Art und Weise, sich im Internet und auf dem Handy auszudrücken, tragen auch dazu bei. Ich bedaure diese Verwahrlosung von Sprache, aber Kommunikation ist trotzdem nicht unmöglich geworden.

SZ: Ist das Abitur heute mehr oder weniger wert als vor ein paar Jahrzehnten?

Rau: Es bringt die gleichen Berechtigungen, hat aber inzwischen sehr viel mehr Anschlussmöglichkeiten. Insofern ist es mehr wert. Die Universitäten können aber in Fächern, in denen sie zu wenige Studienplätze haben, ein Auswahlverfahren durchführen. Sie müssen sich nicht an der Note orientieren, sondern können auch die Persönlichkeit betrachten. Das finde ich in Ordnung. Was die Reifeprüfung angeht, so hat sie zu meiner Zeit noch 50 Prozent der Gesamtnote ausgemacht, heute ist es ein Drittel. Damals kam es bei der Anmeldung nur auf die letzte Klasse an, heute muss man im ganzen Kurssystem die Punkte sammeln.

(Erschienen: 17.10.2009 14:20)


weitere Meldungen aus Wir im Süden