Ulms Bahnhofsviertel soll Vorzeige-Quartier werden
Von unserem Redakteur Otto Benz
Wer als Reisender oder Pendler den Ulmer Hauptbahnhof betritt, der fühlt sich zunächst einmal um 50 Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt. Das betagte Empfangsgebäude versprüht den spröden Charme einer riesigen Wartehalle aus den Sechziger-Jahren, und vor dem Hauptbahnhof liefern sich Fußgänger, Radfahrer, Taxis, Busse, Straßenbahnen und der Autoverkehr täglich einen Kleinkrieg um die Vorherrschaft auf engstem Raum.
Weil es nur wenige Flächen für Kurzparker gibt, herrscht vor allem in den Stoßzeiten morgens und abends am Bahnhof das blanke Verkehrschaos. Auch städtebaulich ist das Bahnhofsquartier keine Visitenkarte für die kleine Großstadt Ulm. Ein Sammelsurium zum Teil leer stehender Gebäude der Post, der Bahn und der Telekom sowie stillgelegte Gleise bilden die „vereinigten Hüttenwerke von Ulm“.
Auch Oberbürgermeister Ivo Gönner beklagte in seiner Schwörrede den traurigen Zustand des Bahnhofs und seines Umfeldes. Immerhin 40000 Fahrgäste und Besucher passieren täglich diese Mobilitätsdrehscheibe, an der insgesamt sieben Bahnlinien andocken. „Deswegen haben wir einen Masterplan für den City-Bahnhof entwickelt“, verkündete das Stadtoberhaupt den Ulmern vom Schwörhaus-Balkon herunter.
Großer Wurf aus einem Guss
Und so holt die Stadt jetzt zum Befreiungsschlag aus. Nicht kosmetische Schönheitsoperationen, sondern ein großer Wurf aus einem Guss soll das marode Bahnhofsviertel in den nächsten zehn bis 15 Jahren in ein modernes Stadtquartier verwandeln – mit einem neuen Citybahnhof im Zentrum sowie Neubauten für Dienstleistung, Handel und Hochschulen. Ferner sind drei neue Tiefgaragen für den ruhenden Verkehr geplant.
Der künftige Citybahnhof soll über eine unterirdische Passage direkt an die Fußgängerzone und an ein dort geplantes neues Einkaufszentrum namens „Sedelhöfe“ angebunden werden. Zugleich erhält der Bahnhof einen zweiten Zugang westlich der Gleise. Auch der schmucklose Bahnhofsvorplatz, vor dem Krieg ein repräsentativer Platz mit einem großen Brunnen, soll einladender werden. Für Ulms ehrgeizigen Baubürgermeister Alexander Wetzig ist die Sanierung des Bahnhofsviertels ein Jahrhundertprojekt, das die Kommunalpolitik die nächsten zehn bis 15 Jahre beschäftigen wird. Ähnlich wie in der „Neuen Mitte“, wo eine nach dem Krieg mitten durch die Altstadt geschlagene Verkehrsschneise zurückgebaut wurde, geht es laut Wetzig am Bahnhof um eine Korrektur des Wiederaufbaus in den Fünfziger-Jahren. Damals wurde auf den Trümmern der zerstörten Altstadt die autogerechte Stadt geplant – mit breiten Straßen und wenig öffentlichem Raum.
„Das gibt ein völlig neues Stadtquartier rund um den Bahnhof“, schwärmt Wetzig schon jetzt, „da geht es um viel mehr als nur um eine neue Bahnhofshalle“. Dem Baubürgermeister schwebt das Idealbild einer kompakten, urbanen europäischen Stadt vor, in der die Sünden des Wiederaufbaus nicht mehr sichtbar sind.
Dabei stehen Stadtverwaltung und Gemeinderat vor einer Herkulesaufgabe. Das 22 Hektar große Bahnhofsviertel kann nur stufenweise umgemodelt werden. Allein die Zahl der betroffenen Grundstückseigentümer – von der Bahn über Post und Telekom bis zu Privatfirmen -- ist so groß, dass es mühsam ist, sie alle unter einen Hut zu bringen. Immerhin ist es der Stadt gelungen, die Deutsche Bahn mit ins Boot zu holen. Sie ist im Preisgericht des Ideenwettbewerbs vertreten und beteiligt sich auch an dessen Kosten. Spätestens im Jahr 2019, wenn auf der ICE-Neubaustrecke Wendlingen-Ulm die ersten Züge rollen werden, will sich Ulm seinen Gästen am Bahnhof als selbstbewusste Stadt des 21. Jahrhunderts präsentieren. Bis dahin fließt freilich noch eine Menge Wasser die Donau hinunter.
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(Erschienen: 29.07.2010 07:25)







