Rechte bedrohen Demjanjuk-Ermittler Walther
Vor gut zwei Wochen hatte die Schwäbische Zeitung Lindau über den neuen Job des früheren Lindauer Amtsrichters Thomas Walther berichtet. Walther hatte Lindau 2006 verlassen und war zur Zentralstelle zur Verfolgung von Naziverbrechen nach Ludwigsburg gewechselt. Dort war er derjenige, der sich auf die Spuren des früheren Wachmanns im Vernichtungslager Sobibor, John Demjanjuk, gemacht hatte. Aufgrund seiner Ermittlungen wurde Demjanjuk Anfang Mai von den USA an Deutschland ausgeliefert und wartet jetzt in der JVA München Stadelheim auf seinen Prozess. Gestern hat die zuständige Staatsanwaltschaft München bekannt gegeben, dass sie Anklage beim Landgericht erhoben hat. Jetzt rechnet man damit, dass der Prozess im Herbst beginnen kann.
Aber der Bericht in der SZ hatte noch eine andere Folge: Er wurde nämlich auf der rechtsextremen Internetseite altermedia.info veröffentlicht und mit Kommentaren versehen. Bei der Veröffentlichung wird der Text aus der Schwäbischen Zeitung abschnittsweise zitiert und dann mit Kommentaren versehen. Zum Beispiel: Es sei ein Skandal, dass "abgehalfterte Richter und Beamte, die man im öffentlichen Leben sonst nirgends zu etwas Nützlichem gebrauchen kann, Beweismittel produzieren, absichtlich fehlinterpretieren und verfälschen, um 64 Jahre nach Kriegsende eine Art Stellvertreterkrieg gegen halbtote Greise führen". In ähnlichem Ton geht es noch eine ganze Weile, aber dann schließt sich an den Bericht ein Diskussionsforum an, in dem die Diskutanten dann gar kein Blatt mehr vor den Mund nehmen.
Unverhohlene Drohungen
"Der Grad der Verkommenheit der deutschen Richter ist wirklich erschreckend", kommentiert ein Leser. Ein anderer schreibt: "Die Juden und ihre Helfer machen (...) einen alten Mann zum Märtyrer für uns. In der Haut des Richters möchte ich nicht stecken." Weiter geht es mit ziemlich unverhohlenen Drohungen: "Thomas Walther aus Wangen/Allgäu, (...) demnächst wird er dann in eine Anwaltskanzlei aus Kempten einsteigen. Wertvolle Informationen. Es wird Zeit mal wieder Urlaub im schönen Allgäu zu machen."
So geht das über insgesamt 19 Seiten, eine Mischung aus Unterstellungen, Beleidigungen und Drohungen. Teilweise dümmlich, teilweise geben die Diskussionsbeiträge erschreckende Aufschlüsse über die Gedankenwelt der rechten Szene. Der Richter sei etwas "für den Staatsanwalt des künftigen deutschen Reichs", heißt es etwa. Und ein "stolzes, freies Deutschland" werde entstehen "samt einer entsprechenden Organisation in schwarzer Uniform" - sprich der SS.
Thomas Walther berichtet, dass er "schon ein merkwürdiges Gefühl" gehabt habe, als er diese Drohungen vor zehn Tagen zum ersten Mal gelesen habe. Er selbst nehme das alles nicht allzu ernst und verweist auf die zuständigen Behörden, die sich gegebenenfalls darum kümmern müssten. Er selbst hat aber keine Strafanzeige gegen die Verfasser gestellt. Für ihn sind die Äußerungen - wie er sagt - "rechtsextremistisches Geblubber", und die Schreiber seien "politische Exhibitionisten, die sich im Internet hinter Büschen verstecken". Und Walther verweist darauf, dass die Parteinahme der Rechtsextremen für Demjanjuk im Grunde paradox sei. Fakt ist nämlich, dass alle Schreiber davon ausgehen, dass Demjanjuk unschuldig sei, dass er eben kein Wachmann in Sobibor gewesen sei . Aber wenn er das tatsächlich nicht war, argumentiert Walther weiter: "Warum setzen sich die Rechten dann für einen früheren ukrainischen Kriegsgefangenen ein, der seinen eigenen Angaben zufolge sogar gegen die deutsche Wehrmacht gekämpft hat. Entweder er war KZ-Wachmann, dann sei der Einsatz der Rechten für Demjanjuk wenigstens nachvollziehbar. Oder er war es nicht, aber warum setzen sie sich dann für ihn ein?"
Die Tatsache, dass jetzt Anklage gegen John Demjanjuk erhoben wurde macht Walther indes "sehr zufrieden". "Vor nicht allzu langer Zeit", sagt er, "hätte kaum ein Mensch damit gerechnet, dass das überhaupt möglich ist". Jetzt sei Demjanjuk in Deutschland, die Anklage erhoben und der Prozess stehe vor der Tür . Das sei doch was.
(Erschienen: 15.07.2009 00:07)
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