Frische Kuhfladen wärmen die Füße
"Als der Zweite Weltkrieg am 1. September 1939 ausbrach, war ich gerade mal zehn Jahre alt", sagt Helmut Bleass. Auf den Dörfern war es üblich, dass man die Kühe im Herbst auf die Weide trieb und sie von Dorfjungen und Mädchen gehütet wurden. Bleass kam von der Stadt Saulgau zu einem Bauern - von denen es damals noch viele gab - nach Bolstern, der vier Kühe und etliche Kälber hatte.
"Das Vieh hüten machte großen Spaß, traf man doch gleichaltrige Jungen und Mädchen, die oft barfuß gingen. Ende August/September war es manchmal schon kühl. Dann stand man barfuß in den frischen Kuhfladen und wärmte die Füße. Gegen 17 Uhr trieb man das Vieh wieder dem Dorf und den Stallungen zu, denn es war Melkzeit", erinnert sich Bleass.
Dorftratsch ohne Mädchen
"Die Bauersfrau hat gemolken und die Milch wurde mit dem Handwägele zur Dorfmolkerei gebracht. Die Molkekannen klapperten im ganzen Dorf und die Hütejungen und Mädchen trafen sich und tauschten Neuigkeiten aus. Mich hatte es zu einer besonderen Bauersfamilie getroffen." Der Senior, 55 Jahre alt, war durch eine Krankheit nicht mehr arbeitsfähig. Seine drei Söhne und die Tochter gingen zum Arbeiten, wobei der Jüngste die Landwirtschaft betrieb und in Bleass eine gute Hilfe fand. Der zweitjüngste Sohn hatte einen Schuhmacherbetrieb in einer Kammer im Erdgeschoss, die gleichzeitig Schlafplatz für ihn war. Abends trafen sich die Dorfjungen ohne ihre Mädchen in dieser Kammer, um Neuigkeiten auszutauschen. Bleass' Schlafkammer im ersten Stock war hinter dem Schlafgemach der alten Bauersleute. "Da musste ich immer abends durchgehen", erinnert sich der Riedlinger. Der Senior-Bauer war - bedingt durch seine Krankheit - schon im Bett, aber noch wach. "Ich musste mit ihm jeden Abend den Rosenkranz beten. Die Bauersleute waren sehr christlich", sagt Bleass. Vielleicht lag es auch daran, dass das Pfarrhaus gegenüber lag.
Das Vierteljahr ging vorüber und Bleass war gespannt auf seinen Verdienst. Es waren 20 Mark für drei Monate. Dazu kamen noch gesunde Kost und freie Logis. Von dem ersten selbst verdienten Geld wurde dem Zehnjährigen dann der Kommunionanzug gekauft.
(Erschienen: 28.08.2008 00:05)







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