Lehrernachwuchs lauscht den Sprachkunstwerken Dürrsons
NEUFRA/WEINGARTEN - "Erst Krücke, dann Stab, dann Messer" - das sei die Sprache, erklärte der aktuelle Eichendorff-Preisträger und Schriftsteller Werner Dürrson jenen Studienreferendaren des Staatlichen Seminars für Schulpädagogik aus Weingarten, welche ihn in Neufra besuchten. Im Garten des Schlosses gab Werner Dürrson eine Lesung unter freiem Himmel.
Von unserem Redaktionsmitglied Guy-Pascal Dorner
An Hermann Hesses 100. Geburtstag konnte Werner Dürrson die Studienreferendare des von Wolfgang Aleker, Klaus Roth und anderen Lehrkräften geleiteten Seminars "Literaturlandschaft Oberschwaben" auf Schloss Neufra begrüßen. "Ohne Hesse wäre ich wohl kein Schriftsteller geworden", sagte Dürrson. Leider seien die Studienreferendare keine Abordnung irgendeines Sport- oder Musikvereins, sonst wären sie wohl vom Neufraer Ortsvorsteher oder gar vom Riedlinger Bürgermeister empfangen worden, so Dürrson. Seit 1983 lebt er in Neufra.
Mit Lyrik - "Sprachkunstwerk" (Dürrson) - konfrontierte der Schriftsteller die Studienreferendare. "Aphasie" schildert die Verzweiflung des Poeten, ohne Einfälle vor einem weißen Blatt Papier zu sitzen. Aus seiner eher politisch geprägten 68-er-Zeit stammen "Fließbandarbeiter" und "Verzierung", welche von der eintönigen und unpersönlichen Arbeit am Fließband handeln. "Sie merken, die Welt ist besser geworden", sagte Dürrson zu den Referendaren. Und widerlegte seine Aussage wenig später selbst: Mit der bis heute von vielen verdrängten NS-Vergangenheit setzt sich "Grafeneck" auseinander ("wer karrte die Seelen hinauf ... wer drehte den Hahn auf / schürte das Feuer ... niemand weiß").
Kritisch äußert sich Dürrson in seinen Gedichten auch gegenüber der katholisch-oberschwäbischen Bodenständigkeit. Neufra selbst ist "Dorf im März" gewidmet, welches dort keineswegs als barockes Idyll dargestellt wird - selbst "die Bäume sind weggelaufen". Deshalb sei er im Dorf nicht sonderlich beliebt, gesteht Dürrson den Referendaren. Auch am Bodensee, wo er zuvor gewohnt hatte, war er nicht immer freundlich gelitten. Nicht zuletzt deswegen, weil er sich stets der romantischen Verklärung der Landschaft entzog, statt dessen von "verkaufter Landschaft" und von der "Abfalltüte am Wegrand" schrieb.
Immer wieder suche ihn auch der Schalk heim, gestand Dürrson. So bilden in "das musikalische opfer" aneinandergereihte Namen von Musikern einen lyrischen Nonsens. Seine Zuhörerschaft war beeindruckt von der Kraft der Rhythmen. Der Schriftsteller zeigte sich zufrieden: "Wenn sich durch das Lesen meiner Gedichte etwas verändert hat in ihrer Wahrnehmung, das ist mein Wunsch." Trotzdem schiele er bei seiner Kunst nicht immer nach dem Leser, gestand Werner Dürrson. "Ich werde entweder angenommen oder nicht. Ich lasse mich nicht vermarkten."
(Erschienen: 05.07.2001 22:41)







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