"Die Violetten" wollen globale Probleme lösen
Eine ihrer Aktivistinnen ist Christine Coelho aus Ravensburg. Die 45-Jährige nennt sich Gesundheits-, Erziehungs- und Lebensberaterin. Sie hat keinen medizinischen oder therapeutischen Abschluss, auch keine Heilpraktikerschule besucht, sieht sich als "Autodidaktin". Folglich ist eines ihrer politischen Ziele die "freie Therapiewahl". Coelho findet es "bevormundend", wenn Krankenkassen nur schulmedizinische Therapien bezahlen und sieht in Deutschland eine "einseitige Begünstigung der Pharmaindustrie". Die Frage, ob dieses politische Ziel nicht ein klitzekleines bisschen eigennützig ist - Klientelpolitik werfen die "Violetten" schließlich den etablierten Parteien vor - verneint die autodidaktische Gesundheitsberaterin. "Ich kann mit meinen Potenzialen alles Mögliche machen." Motiviert sei das durch "eine sehr tiefe Liebe zur Natur". Ein besserer Umweltschutz ist denn auch die zweite große Forderung der "Violetten".
Coelho und ihr Parteifreund, der Freiburger Direktkandidat Markus Benz, müssen auf Nachfrage jedoch zugeben, dass dieses Thema von den Grünen schon vor einiger Zeit entdeckt worden ist, aber diese verfolgen Umweltbelange nach Meinung der Violetten nicht mehr radikal genug. Vor allem, seit sie in der rot-grünen Bundesregierung Mitverantwortung trugen für die "Gifte in der Ernährung", das "egomane Denken" und die "Probleme, die wir auf dem Planeten haben". Einige Violette seien ehemalige Grüne, das stimme, und mit dieser Partei könne man sich eine Zusammenarbeit vorstellen. Wobei: Koalitionen wollen die Spirituellen dann doch lieber nicht eingehen. "Wir sehen uns mehr als Impulsgeber", sagt Benz.
Das Weltbild scheint ausgesprochen negativ, auch wenn die "Violetten" nach eigenem Bekunden an das Gute im Menschen glauben. "Am Bildungssystem hat sich seit der industriellen Revolution nichts geändert. Schule tötet Kreativität", meint Coelho. Das läge daran, dass sich nach dem Zweiten Weltkrieg die "deutsche Mentalität gehalten hat", das Obrigkeitsdenken, der Glaube an Zeugnisse und Zertifikate, meint die 45-Jährige. Das läge auch daran, pflichtet Benz ihr bei, "dass die Deutschen alle vier Jahre ihre Eliten wählen und die Verantwortung abgeben", ausgerechnet an jene Politiker, die sich dem "schmutzigen Geschäft der Prostitution mit den Mächtigen" hingegeben hätten.
Und haben die Violetten auch Antworten auf regionale Fragen, die in der Bundespolitik gerade eine Rolle spielen? Sind sie für oder gegen den Bau der B30 Süd zum Beispiel? Coelho antwortet ausweichend. "Seit der Globalisierung hat der Lastwagenverkehr zugenommen. Die Menschen sollten doch mal überlegen, ob sie unbedingt mit dem Auto in die Stadt fahren müssen." Also lieber keine neuen Straßen bauen, sondern alle zum Busfahren animieren.
Überhaupt könnten viele Probleme der Menschheit durch ein paar einfache technische Fortschritte gelöst werden. Benz schlägt für Fernreisen Magnetröhren am Boden des Ozeans vor, die Flugzeuge überflüssig machen würden, Coelho fände das wiederum nicht so gut, wegen des Eingriffs in die Natur. Dafür bringt sie das Erdmagnetfeld ausnutzende Skalarwellen als strahlungsarme Alternative zum Handy ins Spiel. Bionik, auf die Erde gerichtete "Gamma-Ray-Strahlen" und das Ende des Maya-Kalenders 2012 sind weitere Themen, mit denen sich die Violetten gern beschäftigen.
Aber auch der schnöde Mammon beschäftigt die Parteimitglieder. Da Arbeit bald zum Luxusgut werde, schwebt ihnen ein "bedingungsloses Grundeinkommen" für alle in Höhe von 1200 bis 1500 Euro vor. Denn wenn niemand Geldsorgen habe, so ihre Utopie, könnte sich jeder seine Arbeit aussuchen oder sein sonstiges Potenzial voll ausschöpfen. Unangenehmere Arbeiten wie die Müllabfuhr müssten dann besser bezahlt werden. Wie kann man das finanzieren? Benz: "Man darf nicht immer vom materialistischen Weltbild ausgehen und fragen: Wie können wir das bezahlen?" Wenn man die jetzige Bürokratie bei den sozialen Transferleistungen abschaffen würde, sei Geld genug da, meint Benz. Und dann werde ein "kreativer Urknall in der Gesellschaft" gezündet, weil jeder seiner Existenzsorgen entledigt sei.
Von unserer Redakteurin
Annette Vincenz
(Erschienen: 22.09.2009 10:30)



