Klosterarchiv birgt viele Schicksale
Recht schmal und unscheinbar wirkt das Ergebnis von über zwei Jahren Archivarbeit. Doch in der roten Broschüre, dem sogenannten Findbuch, die jetzt den Sponsoren des Projektes präsentiert wurde, sind alle Bücher, Dokumente und Fotos aufgeführt, die der Historikerin Christine Brugger bei ihrer Arbeit seit 2006 in die Hände gekommen sind. Neben der Stadt Weingarten und dem Landkreis haben unter anderem auch die Gesellschaft Oberschwaben und die Kreissparkasse Geld beigesteuert, damit das Archiv im Kloster gründlich gesichtet und neu sortiert werden kann.
Pater Adalbert hatte damit begonnen das Archiv aufzubauen. Es umfasst alles, was sich seit der Neugründung des Klosters im Jahr 1922 angesammelt hat. Darunter auch Überraschendes, wie eine Gesteinssammlung oder archäologische Artefakte. Pater Adalbert starb 1999. Eine wirkliche Übersicht, was alles archiviert ist, hinterließ er nicht. "Es war ein wildes Durcheinander", sagt Hans-Ulrich Rudolf. Der emeritierte Geschichtsprofessor der Pädagogischen Hochschule hatte die Idee zur Neuordnung des Klosterarchivs.
Christine Brugger, die sonst in Teilzeit am Bauernhausmuseum Wolfegg arbeitet, erhielt 2006 den Auftrag, das "Durcheinander" zu sichten. "Wir haben mit der Fotosammlung angefangen", sagt Brugger. Ihr wichtigster Mitarbeiter war dabei Pater Anselm. Der 97-Jährige trat 1923 mit 12 Jahren in die Klostergemeinschaft ein. Pater Anselm kennt fast alle, die auf den vielen Fotos in der Sammlung abgebildet sind. Fast täglich habe er bei Christine Brugger vorbeigeschaut, und ihr geholfen, sagt er.
Klosterarchive hätten historisch schon immer eine besondere Bedeutung gehabt, sagt Prior Pater Basilius. Das alte Archiv des Klosters, das die Zeit von 1056 bis 1803 umfasst, habe nach der Säkularisation "der Staat kassiert". Es ist heute Teil des Staatsarchivs in Stuttgart. Dennoch fand Christine Brugger auch in der neuen Sammlung einige sehr alte Bücher. So zum Beispiel eine Sammlung mit Gerichtsberichten von 1571. Als das alte Archiv nach Stuttgart geschafft wurde, waren die Bücher vermutlich gerade ausgeliehen. "Sie kamen dann auf verschlungenen Pfaden zurück ins Kloster", erklärt Christine Brugger.
Fotos sind Besonderheit
Beim neuen Archivmaterial fallen die Fotos besonders auf. Die Bildmotive zeigen den klösterlichen Alltag vom Anfang des 20. Jahrhunderts bis in jüngere Zeit: Priesterweihen, Ausflüge, Blutfreitag. "Das sind ganz normale Fotoalben. Wie bei einer Familie", sagt Pater Pirmin. In den 40er-Jahren dominieren dann plötzlich Uniformen auf den Bildern. Während des Zweiten Weltkriegs mussten auch die Mitglieder der Klostergemeinschaft ins Feld ziehen. "Die Hälfte der Brüder und Patres kam nicht mehr zurück", sagt Pater Pirmin. Ein Bruder war sogar als Fallschirmjäger im Einsatz. Er blieb in Russland vermisst.
Die Sammlung des Klosters ist jetzt systematisch erfasst, allerdings wird das Archiv auch künftig für die Öffentlichkeit nicht zugänglich sein. "Für Forschungszwecke können die Schriften natürlich eingesehen werden", sagt Prior Pater Basilius.
Für Christine Brugger gibt es noch einiges zu tun. Bis zum Frühjahr will sie sich auch die Kunstsammlung mit Reliquaren und Kruzifixen vornehmen. Was wird ihr aus der bisherigen Zeit im Kloster in Erinnerung bleiben? "Als Frau in einem Benediktinerkloster zu arbeiten, das war schon etwas Besonderes", sagt Brugger. Ihre Erkenntnis: "Klostergeschichte ist Männergeschichte".
(Erschienen: 29.11.2008 00:06)
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