Pink in Salem: Der Springteufel trägt Prada
Trotz eines missglückten Stunts tags zuvor in Nürnberg zeigte sich Pink einmal mehr von ihrer artistischen Seite.
Von unserem Redakteur Daniel Drescher
Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen, sagt man. Pink pfeift auf diese Weisheit. Sie betritt die Bühne nicht, sie stürzt ihr entgegen. Die Fans blicken mit großen Augen und offenen Mündern gen Himmel, als der Kran die überdimensionale Box mit den großen Luftballons Richtung Bühne hievt. Sendet Pink in diesem Konstrukt gerade Stoßgebete gen Himmel, dass der Stunt besser klappen möge als eine Showeinlage am Tag zuvor in Nürnberg? Plötzlich ein Knall, Dutzende Luftballons regnen auf die Zuschauer nieder, Pink stürzt – von einem Seil gehalten – mit Flügelkostüm Richtung Bühne. Das Springteufel-Prinzip umgekehrt, die Masse jubelt. Das Rockspektakel kann beginnen.
Das Konzert entschädigt die Fans für organisatorische Fehler – man wartet 45 Minuten beim Getränkeholen, die Shuttlebusse sind völlig überfüllt. Mit einer verrockten Version des Hits „Get the party started“ und dem Titelsong des aktuellen Albums „Funhouse“ steigt Pink ein. Bei dem kurzen Konzert präsentiert die Exzentrikerin eine abgespeckte Version ihrer „Funhouse“ Hallentour. Weniger Kirmeskitsch – aber immer noch genügend Pomp, um die Fans glücklich zu machen. Gegen Ende der Show rollt die duchtrainierte Sängerin in einer transparenten Kugel – Fans des Extremsports Zorbing kennen das Teil – über die Masse hinweg.
Pink bietet Musik und was fürs Auge: Stück für Stück fallen bei ihrem Auftritt die Hüllen, das Prada-verdächtige Minikleid weicht einem offenherzigen Body. Man muss mit Kolleginnen wie Lady Gaga mithalten – auch wenn Pink musikalisch mehr Substanz hat, was ihre Fans schätzen. Der kalkulierte Tabubruch gehört dazu: Zu „Ave Mary A“ flimmern Monty-Python-artige Videoprojektionen über die Bühne. Umgedrehte Kreuze, ein zombiegesichtiger Sensenengel – ein schöner Kontrast zu den altehrwürdigen Klostermauern, innerhalb derer sich die Konzertgänger befinden. Auch Pink als Marienfigur taucht in der Sequenz auf – wer war noch gleich Madonna?
Pink setzt nicht nur auf Eigenkompositionen wie „Just like a pill“ oder „I don’t believe you“. Für ein Medley holt sie den Songschreiber Butch Walker, der auch im Video zu „So What“ mitgespielt hat und in Salem vor Pink auftrat, auf die Bühne. The Who’s „My Generation“ und Green Day’s „Basket Case“ feiern die Massen, mit „Roxanne“ von The Police gibt es auch eine Remineszenz an Baz Luhrmans Staffagen-Film „Moulin Rouge“, dessen Soundtrack-Single „Lady Marmelade“ Pink 2001 zum Durchbruch verhalf. Auch Linda Perry, mit der sie die Songs zum „M!ssundaztood“-Album schrieb, kommt zu Ehren: Als Pink deren Hit „What’s up“ covert, fallen die ersten Regentropfen.
Nach gut eineinhalb Stunden ist Schluss. Der Regen erwischt die meisten noch auf dem Weg zum Auto. Joel Madden, Sänger der Vorband Good Charlotte, verabschiedete sich mit einem unartigen „Ick liebe you, yeah, motherfucker“ vom Publikum. Das hätte Pink so unterschrieben.
(Erschienen: 19.07.2010 09:45)







