Und die Musikkapelle spielt auf jeden Fall dazu
Von unserer Mitarbeiterin Carin Walther
Eines vorab: Die Freiwillige Feuerwehr tritt am kommenden Sonntag nicht zurück. "Egal, wer Bürgermeister wird, wir werden mit ihm oder ihr zusammenarbeiten", stellt Kommandant Edgar Bader auf Nachfrage der Schwäbischen Zeitung klar. Diese Auffassung teilen im Übrigen Franz Gutemann, Geschäftsführer des Winzervereins, und Hubert Ehrlinspiel von der Bürgerinitiative "Für den demokratischen Gedanken und gegen anonyme Anschuldigungen".
Damit sind drei Gerüchte widerlegt: Erstens, dass - sollte Simon Blümcke gewählt werden - die Feuerwehr zurücktrete. Zweitens, dass der Winzerverein die Zusammenarbeit verweigere, sollte es hier einen Bürgermeister Blümcke geben. Drittens ist auch klar, dass die Bürgerinitiative als Unterstützerin von Simon Blümcke nicht herumbockt, wenn jemand anderer Schultes wird. Dass die Musikkapelle bei Blümckes Wahl nicht spiele, ist allerdings kein Gerücht. Aber auch nicht wahr, wohlgemerkt. "Ich habe das im ersten Ärger über den letzten Wahlausgang gesagt", sagt Thomas Urnauer. Nachdem sich bei dem Musikdirigenten die Emotionen gelegt haben, betrachtet er die Sache mit kühlem Kopf. Urnauer betont: "Die Musikkapelle spielt am Sonntag auf jeden Fall."
Ein Dorf am Bodensee sucht einen passenden Bürgermeister - die Geschichte ist bekannt: Simon Blümcke wird am 23. Februar im zweiten Wahlgang zum Bürgermeister gewählt. Das Landratsamt in Friedrichshafen annulliert diese Wahl am 31. März. Blümckes Berufsangabe "Jurist" sei nicht richtig, es fehle das notwendige Staatsexamen, lautet die Begründung. Wegen der anhaltenden Anfeindungen gegen seine Person zieht Blümcke die Kandidatur zur Wiederholungswahl am 29. Juni zurück. Darauf mobilisiert die Bürgerinitiative viele Wähler, und der 29-Jährige erhält mit 40 Prozent der Stimmen die Mehrheit. Am Sonntag tritt er neben sieben anderen Bewerbern wieder an.
Das alles wäre an sich kein Drama. Schlimm sind die Dinge, die unterschwellig ablaufen. Wie ein Krebsgeschwür haben sich in den vergangenen sieben Monaten unzählige Gerüchte in den Köpfen eingenistet. Da hieß es, der eine Kandidat sei schwul und der andere nehme Drogen, der eine sei die Marionette von diesen, der andere von jenen. "Der hat gesagt, die hat gesagt" - belegt ist kaum eine dieser Flüstereien. Genauso wenig wie der Inhalt anonymer Briefe. Wegen eines solchen hat der Bürgermeisterstellvertreter Werner Hiestand nun Ermittlungen der Kriminalpolizei am Hals. "Untreue im Amt" lautet der Tatvorwurf.
Ganz offensichtlich hat sich eine Dorfgemeinschaft auseinander dividieren lassen. So schlimm, dass keiner keinem mehr traut. Der Pfarrer sah sich gezwungen, dazu ein paar Takte von der Kanzel herunterzuwettern. Konrad Barth kennt seine Hagnauer als aufgeschlossene, weltoffene Menschen. Charmant seien sie und fröhlich, hin und wieder eigensinnig - aber so etwas wie im vergangenen halben Jahr hat er in all den 28 Jahren seiner Hagnauer Zeit nicht erlebt. "Gebt den Anonymen keine Chance, erzählt Gerüchte nicht weiter, werft anonyme Schreiben in den Ofen", appellierte der 69-jährige Pater jüngst an seine Schäfchen.
Jetzt, wenige Tage vor der Wahl, sind viele Hagnauer zermürbt vom Hickhack, wer denn nun den besseren Bürgermeister abgibt. Sie scheinen in sich zu gehen. Günther Leiss etwa, Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr, befürchtet, dass langjährige Freundschaften zerbrechen, und es stimmt ihn nachdenklich. Franz Gutemann ist entsetzt über den "aggressiven Umgang" und hofft wie Hubert Ehrlinspiel, dass "die Gemeinschaft wieder zueinander findet." Aber wie? Hotelier Hans Bröcker weiß es auch nicht. "Ein Neutraler muss her, Mann oder Frau, jemand, der mit alldem nichts zu tun hat", sagt der Ex-Blümcke-Wähler.
Die Hagnauer scheinen die Nase voll zu haben von Gerüchten und Bösartigkeiten. Man weiß ja nicht einmal, ob diese im Ort entstanden sind. Die Emotionen im Streit um den richtigen Schultes weichen langsam der Frage: Wer ist der neue Bürgermeister? Ist es Schriftsteller Werner Tereba, Rechtsanwältin Sabine Moncef, Richter a. D. Klemens Falke, Vermessungsbeamter Gernot Münzing oder Unternehmensberater Volker Kirchner? Wird Unternehmer Roland Federolf gewählt oder einer, der seinen Hut kürzlich in den Ring geworfen hat: Edgar Lamm, Realschullehrer und Ortsvorsteher? Oder ist es Simon Blümcke, Dozent für öffentliches Recht (die Reihenfolge entspricht dem Stimmzettel)? Die Hagnauer werden am Sonntag entscheiden, wenn es heißt: "Bürgermeisterwahl, die vierte!".
(Erschienen: 17.07.2003 00:34)






