Israels Irrweg: Jüdischer Professor prangert Politik seines Landes an
Wenn - wie in den vergangenen Wochen geschehen - ein amerikanischer Präsident erstmals neue Töne gegenüber Israel anschlägt und dessen Ministerpräsident Netanjahu daraufhin öffentlich der Gründung eines Palästinenserstaates zustimmt, dann sind alle Voraussetzungen für den Erfolg eines Vortrags gegeben, der Israels bisherige Politik als "Irrweg" brandmarkt.
Werden die entsprechenden Argumente von einem überzeugten Juden vorgetragen, sind Resonanz und Wirkung umso größer. Wenn dieser dann auch noch das fehlende Verständnis deutscher Politik für das Unrecht beklagt, das in "seinem" Land gegenüber der palästinensischen Bevölkerung verübt wird, dann ist das gleichzeitig eine Ermutigung für all diejenigen, die sich immer wieder dem Verdacht des Antisemitismus ausgesetzt sehen, sobald sie sich gegenüber Israels Politik kritisch äußern.
Rolf Verleger ist 1951 im benachbarten Ravensburg geboren und lebt in Lübeck. Seine Biographie trägt viele der unglücklichen Merkmale jüdischer Biographien: von seinen Großeltern hat niemand das Dritte Reich überlebt und von der ersten Ehe seines Vaters blieb nur er übrig - seine Frau und die drei Kinder wurden von den Nazis ermordet. Rolf entstammt also der zweiten Ehe, und seine beiden Geschwister sind das, was man unter orthodoxen Juden versteht.
Aus diesem persönlichen Rückblick entwickelte Rolf Verleger einen kurzen Überblick über die Bedeutung der Thora und die Logik des Talmud; danach fasste er noch einmal die Hintergründe zusammen, die zur Entstehung des von Theodor Herzl angestoßenen und im Jahre 1948 gegründeten "Judenstaates" führten. Viele Zuhörer werden dabei vergessen haben, dass seinerzeit neben Palästina auch Argentinien und Uruguay als Staatsterritorien im Gespräch waren.
Was dann in dem "Stück Land" passierte, " das den palästinensischen Arabern Heimat war und den Juden als einzig mögliche Heimat erschien", schildert der Professor aus Lübeck nüchtern und mit realistischem Blick. Er benennt die bis heute andauernden Folgen, die der UN-Teilungsplan und der Rückzug der Briten nach dem Auslaufen ihres Mandats in diesem Gebiet ausgelöst haben.
Gleichwohl kommt er zu dem Schluss: "Wie wir die Moslems behandelt haben, ist der Wahnsinn: Jetzt werden die Juden zu Despoten." Doch das zentrale jüdische Gebot in 3. Mose 19,18, das für ihn entscheidend ist, lautet: "Liebe deinen Nächsten wie Dich selbst" oder, wie es in der Formulierung des von ihm geschätzten Rabbi Hillel heißt: "Was Dir verhasst ist, tu Deinem Nächsten nicht an."
Vehement widerspricht er dem "nationalistischen Irrsinn," dass Gott ihnen das gelobte Land versprochen habe - als würde Gott und nicht die Juden selbst das Problem lösen müssen. Auf die Frage in der anschließenden Diskussion, wie er selbst denn dieses Problem konkret lösen würde, denkt er eine Weile nach und antwortet dann mit zwei Vorschlägen: zum einen müsse wieder direkt mit der Hamas geredet werden, und zum anderen: "Die israelische Seite muss sich zu ihrer Schuld bekennen, nämlich der Enteignung von 1948. Das war Unrecht."
Land ist in einer Sackgasse
Diese eindeutige Haltung hat ihm Ärger mit dem Zentralrat der Juden eingebracht. Darüber hinaus hat ihm sein Landesverband "Jüdische Gemeinschaft Schleswig-Holstein" das Mandat als Delegierter im Direktorium des Zentralrats entzogen. Verleger will das nicht überbewerten. Doch er ist überzeugt: "Israel befindet sich in einer Sackgasse, weil es sich unglaubwürdig macht." Und um dem entgegenzusteuern, nimmt er gern Konflikte aus den eigenen Reihen in Kauf.
(Erschienen: 30.06.2009 00:08)





