Das "Blättle" hält Kontakt
Schon 1401 erhielten Juden in Buchau Wohnrecht. Ihre Aufnahme entwickelte sich zu einer bedeutenden Einnahmequelle. Mitte des 19. Jahrhunderts lebten 828 jüdische Einwohner im Ort. Die Familien betrieben Groß- und Kleinhandel mit Waren aller Art. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bauten sie die ersten Buchauer Industriebetriebe vor allem in der Textilbranche auf.
Zum Bau einer Synagoge mit bemerkenswerten Besonderheiten wie Glockenturm und Orgel kam es 1838. König Wilhelm I. von Württemberg steuerte 800 Gulden bei. Die Buchauer Synagoge war gottesdienstliches Zentrum und Rabbinat auch für die in Ravensburg, Leutkirch, Riedlingen, Wangen und Saulgau ansässigen Juden.
Die Durchsetzung der menschenverachtenden Politik Adolf Hitlers wird eindringlich auch mit Hilfe von Zeitzeugenberichten aufbereitet, ebenso die Zerstörung der Buchauer Synagoge am 9. November 1938 sowie Flucht und Abtransport der jüdischen Bevölkerung. Von den 1933 hier noch wohnhaften 162 jüdischen Einwohnern kamen mindestens 56 ums Leben.
Die Autorin befasst sich auch mit berühmten Juden, die in Buchau geboren wurden oder deren Vorfahren von hier stammten, wie etwa der Physiker Albert Einstein und Moritz Vierfelder, der aus den USA als Emigrant ab 1940 das "Buchauer Blättle" herausgab und über dieses Organ Kontakt zu seinen in alle Welt zerstreuten Landsleuten hielt.
Breiten Raum nehmen die biografischen Notizen zu den während des "Dritten Reichs" in Buchau lebenden Juden ein. Mayenbergers besonderes Anliegen war und ist aber auch der Kontakt zu Nachkommen einstiger jüdischer Familien. Dafür wurde sie 2008 mit dem "German Jewish History Award" ausgezeichnet. Sie will das "Zusammenleben der Buchauer Juden in der Stadt" aufzeigen. Dies wird in zahlreichen Zeitzeugenberichten dokumentiert und mit vielen Bildern unterlegt.
Der 1889 in Buchau geborene Siegbert Einstein, im ersten Weltkrieg mehrfach ausgezeichnet, wurde noch am 21. Februar 1945 in das KZ Theresienstadt deportiert. Er überlebte und kehr-te im Mai in seine Heimat zurück. Sein ganzes Streben galt der Wiedergutmachung für das an Juden geschehene Unrecht. 1968 starb Einstein "als letzter in Buchau lebender Jude der alten, ehemals großen jüdischen Gemein-de".
Kontakte tragen reiche Frucht
Sehr interessant ist die Anekdotensammlung aus der jüdischen Gemeinde Buchau. Ein Glossar mit der Erläuterung der wichtigsten Begriffe erleichtert das Verstehen der jüdischen (Glaubens-) Welt. Die Ausstattung des Buches mit einer erstaunlichen Fülle historischer Fotos wurde erst möglich durch die vielen Kontakte zu Buchauer Juden und deren Nachkommen in aller Welt, die Charlotte Mayenberger seit zwei Jahrzehnten und bis heute pflegt. Dass sie als gebürtige Buchauerin dieses Thema aufbereitete und ihre Forschungen nunmehr zusammenfasste, ist sehr verdienstvoll. Das Buch ist nicht nur für Buchauer von großer Bedeutung.
(Erschienen: 12.12.2008 00:05)
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