Musik
Wie die Welfen den Waiblingern wichen
Von unserem Mitarbeiter Rolf Waldvogel
Schwer schnaubten die acht Pferde, als sie sich im Winter 1909/10 durch den verschneiten Altdorfer Wald quälten. Ihr Ziel: die Ruinen der Haslachburg bei Weingarten. Ihre Fracht: ein riesiger Findling, das Rohmaterial für ein Denkmal. Im Juni 1910 war es dann soweit: Unter begeisterten Jubel wurde der Barbarossastein eingeweiht. „Wanderer halt ein! / Es kündet dieser Stein / Treu bis zu diesem Tage / Von einer alten Sage / Sonder Fehl und Lüge / Hier stand Barbarossas Wiege…“ So verkündete eine Bronzetafel in markigen Worten.
Aber von wegen „sonder Fehl und Lüge“: Bis heute gibt es keinen Beweis, dass Friedrich I. Barbarossa, der berühmteste der Staufer-Kaiser, um das Jahr 1122 wirklich dort auf die Welt kam. Auch Waiblingen bei Stuttgart gilt als möglicher Geburtsort. Allerdings hatten die von patriotischem Feuer entflammten Weingartener ja nicht grundlos an der alten Legende weitergestrickt. Barbarossas Vater war zwar der Staufer Friedrich Einaug, Herzog von Schwaben, aber seine Mutter Judith stammte aus der Familie der Welfen, also aus jenem Geschlecht, das schon seit dem 9. Jahrhundert nördlich vom Bodensee saß und zunächst in Altdorf/Weingarten, später in Ravensburg seine Burgen baute. Da lag es nahe, den Rotbart, die große Galionsfigur des deutschen Reichsgedankens nach 1870/71, zu vereinnahmen. Die Ravensburger wollten übrigens keineswegs zurückstehen: Von einer ebenso unsicheren Quellenlage begünstigt, glorifizierten sie ihre Stadt als Geburtsort des Welfen Heinrichs des Löwen, Sohn von Judiths Bruder Heinrich dem Stolzen und damit Barbarossas Vetter. Aber auch hier fehlt die Gewissheit, wo genau im Jahr 1128 die Wiege des mächtigen Sachsen- und Bayernherzogs stand, der zum großen Widersacher des Staufers werden sollte.
Gewissheit gibt es in einem anderen Punkt: Im Herzen Oberschwabens ging gegen 1200 die Herrschaft der Welfen auf die Staufer über – allerdings unblutig. Während das ganze Reich vom immer wieder aufflammenden Machtkampf zwischen den Cousins Heinrich und Friedrich erzitterte und der Schlachtruf „Hie Welf – Hie Waibling!“ bis nach Italien schallte, wurde der Wechsel hierzulande durch einen Erbvertrag vollzogen. Schon Heinrichs Vater, der 1139 früh gestorbene Heinrich der Stolze, hatte sich mehr um die norddeutschen Besitztümer gekümmert, und sein Bruder Welf VI., Herr über den schwäbischen und bayerischen Teil, orientierte sich nach Osten hin. Seinem Neffen Heinrich dem Löwen ohnehin nicht grün, setzte er den Staufer Friedrich als Erben für die schwäbischen Güter ein – schließlich war dieser ebenfalls sein Neffe. Und mit Welfs VI. Tod im Jahr 1191 hatten die Welfen in Oberschwaben ausgespielt.
Dass die Staufer nun besonderen Anteil genommen hätten an ihrem neuen Besitz, lässt sich nicht sagen. Schaut man sich die Routen an, auf denen sich diese Reisekaiser des Mittelalters durch ihr immenses Reich bewegten, so sind die Abstecher nach Oberschwaben eher spärlich. Barbarossa war zwar 14 Mal in Ulm, sein Sohn Heinrich VI. (1165 – 1197) – als neuer König von Sizilien stark im Süden gebunden – allerdings nur ein Mal. Dessen Sohn Friedrich II. (1194 – 1250) machte dann doch wieder zehn Mal in Ulm Station, wohl weil er – geschwächt durch ständige Auseinandersetzungen mit dem Papst – im Norden zwischendurch unbedingt Präsenz zeigen musste. Weiterhin vermelden die Annalen Aufenthalte Barbarossas in Pfullendorf, Mengen und Überlingen. Friedrich II. war in Weingarten und ebenfalls in Überlingen. In Biberach lässt sich sein Besuch nachweisen, und auch Friedrichs II. Sohn Heinrich VII. (1211-1242), mit dem er sich 1232 überwarf, weilte einmal an der Riss. Ihren wichtigen Nachhall hatten solche Besuche aber meist in Stadternennungen. Unter anderem gehen Ulm, Biberach, Pfullendorf, Überlingen und Lindau auf die Stauferzeit zurück.
Spuren hinterließen die Staufer auch im oberschwäbischen Adel. Wenn bis heute im Wappen des Hauses Waldburg – wie ja auch im baden-württembergischen Landeswappen – die drei schwarzen staufischen Löwen auf goldenem Grund einherschreiten, so hat das seine Wurzeln im 13. Jahrhundert. Zuvor noch welfische Ministerialen, wurden die Waldburger nach 1191 staufische Untertanen – und wohl auch bald sehr geschätzt. 1221 setzte Friedrich II. den Truchsessen Eberhard von Tanne-Waldburg und seinen Neffen Schenk Konrad von Tanne-Winterstetten als Verwalter der staufischen Güter in Schwaben ein. Das Vertrauen ging dabei soweit, dass die Waldburg – weil der Kaiser so oft in Italien weilte – nach 1220 für einige Zeit die Reichskleinodien beherbergen durfte.
Eine besonderes Amt wuchs schließlich Eberhards Sohn, Eberhard II. von Waldburg, zu: Seit 1248 Bischof von Konstanz, wurde er 1262 auch zum Vormund erst zehnjährigen Konradin ernannt. Und auch als der unglückliche Enkel Friedrichs II. und letzte legitime Staufer-Erbe in die Hände seines Gegners Karl von Anjou fiel und 1268 in Neapel hingerichtet wurde, war ein Waldburger dabei. Noch vom Schafott soll Konradin seinem Freund Heinrich von Waldburg den Siegelring zugeworfen haben – für treue Dienste an seinem blutjungen Herrn.
Die Staufer-Serie der Schwäbsichen Zeitung:
Teil 1: Tief im Berg thront der Kaiser und wartet
Teil 3: Ohne die Damen gibt es keine Geschichte
Teil 4: Gescheitert - und doch unvergessen
(Erschienen: 07.09.2010 16:50)
Von unserem Mitarbeiter Rolf Waldvogel
Schwer schnaubten die acht Pferde, als sie sich im Winter 1909/10 durch den verschneiten Altdorfer Wald quälten. Ihr Ziel: die Ruinen der Haslachburg bei Weingarten. Ihre Fracht: ein riesiger Findling, das Rohmaterial für ein Denkmal. Im Juni 1910 war es dann soweit: Unter begeisterten Jubel wurde der Barbarossastein eingeweiht. „Wanderer halt ein! / Es kündet dieser Stein / Treu bis zu diesem Tage / Von einer alten Sage / Sonder Fehl und Lüge / Hier stand Barbarossas Wiege…“ So verkündete eine Bronzetafel in markigen Worten.
Aber von wegen „sonder Fehl und Lüge“: Bis heute gibt es keinen Beweis, dass Friedrich I. Barbarossa, der berühmteste der Staufer-Kaiser, um das Jahr 1122 wirklich dort auf die Welt kam. Auch Waiblingen bei Stuttgart gilt als möglicher Geburtsort. Allerdings hatten die von patriotischem Feuer entflammten Weingartener ja nicht grundlos an der alten Legende weitergestrickt. Barbarossas Vater war zwar der Staufer Friedrich Einaug, Herzog von Schwaben, aber seine Mutter Judith stammte aus der Familie der Welfen, also aus jenem Geschlecht, das schon seit dem 9. Jahrhundert nördlich vom Bodensee saß und zunächst in Altdorf/Weingarten, später in Ravensburg seine Burgen baute. Da lag es nahe, den Rotbart, die große Galionsfigur des deutschen Reichsgedankens nach 1870/71, zu vereinnahmen. Die Ravensburger wollten übrigens keineswegs zurückstehen: Von einer ebenso unsicheren Quellenlage begünstigt, glorifizierten sie ihre Stadt als Geburtsort des Welfen Heinrichs des Löwen, Sohn von Judiths Bruder Heinrich dem Stolzen und damit Barbarossas Vetter. Aber auch hier fehlt die Gewissheit, wo genau im Jahr 1128 die Wiege des mächtigen Sachsen- und Bayernherzogs stand, der zum großen Widersacher des Staufers werden sollte.
Gewissheit gibt es in einem anderen Punkt: Im Herzen Oberschwabens ging gegen 1200 die Herrschaft der Welfen auf die Staufer über – allerdings unblutig. Während das ganze Reich vom immer wieder aufflammenden Machtkampf zwischen den Cousins Heinrich und Friedrich erzitterte und der Schlachtruf „Hie Welf – Hie Waibling!“ bis nach Italien schallte, wurde der Wechsel hierzulande durch einen Erbvertrag vollzogen. Schon Heinrichs Vater, der 1139 früh gestorbene Heinrich der Stolze, hatte sich mehr um die norddeutschen Besitztümer gekümmert, und sein Bruder Welf VI., Herr über den schwäbischen und bayerischen Teil, orientierte sich nach Osten hin. Seinem Neffen Heinrich dem Löwen ohnehin nicht grün, setzte er den Staufer Friedrich als Erben für die schwäbischen Güter ein – schließlich war dieser ebenfalls sein Neffe. Und mit Welfs VI. Tod im Jahr 1191 hatten die Welfen in Oberschwaben ausgespielt.
Dass die Staufer nun besonderen Anteil genommen hätten an ihrem neuen Besitz, lässt sich nicht sagen. Schaut man sich die Routen an, auf denen sich diese Reisekaiser des Mittelalters durch ihr immenses Reich bewegten, so sind die Abstecher nach Oberschwaben eher spärlich. Barbarossa war zwar 14 Mal in Ulm, sein Sohn Heinrich VI. (1165 – 1197) – als neuer König von Sizilien stark im Süden gebunden – allerdings nur ein Mal. Dessen Sohn Friedrich II. (1194 – 1250) machte dann doch wieder zehn Mal in Ulm Station, wohl weil er – geschwächt durch ständige Auseinandersetzungen mit dem Papst – im Norden zwischendurch unbedingt Präsenz zeigen musste. Weiterhin vermelden die Annalen Aufenthalte Barbarossas in Pfullendorf, Mengen und Überlingen. Friedrich II. war in Weingarten und ebenfalls in Überlingen. In Biberach lässt sich sein Besuch nachweisen, und auch Friedrichs II. Sohn Heinrich VII. (1211-1242), mit dem er sich 1232 überwarf, weilte einmal an der Riss. Ihren wichtigen Nachhall hatten solche Besuche aber meist in Stadternennungen. Unter anderem gehen Ulm, Biberach, Pfullendorf, Überlingen und Lindau auf die Stauferzeit zurück.
Spuren hinterließen die Staufer auch im oberschwäbischen Adel. Wenn bis heute im Wappen des Hauses Waldburg – wie ja auch im baden-württembergischen Landeswappen – die drei schwarzen staufischen Löwen auf goldenem Grund einherschreiten, so hat das seine Wurzeln im 13. Jahrhundert. Zuvor noch welfische Ministerialen, wurden die Waldburger nach 1191 staufische Untertanen – und wohl auch bald sehr geschätzt. 1221 setzte Friedrich II. den Truchsessen Eberhard von Tanne-Waldburg und seinen Neffen Schenk Konrad von Tanne-Winterstetten als Verwalter der staufischen Güter in Schwaben ein. Das Vertrauen ging dabei soweit, dass die Waldburg – weil der Kaiser so oft in Italien weilte – nach 1220 für einige Zeit die Reichskleinodien beherbergen durfte.
Eine besonderes Amt wuchs schließlich Eberhards Sohn, Eberhard II. von Waldburg, zu: Seit 1248 Bischof von Konstanz, wurde er 1262 auch zum Vormund erst zehnjährigen Konradin ernannt. Und auch als der unglückliche Enkel Friedrichs II. und letzte legitime Staufer-Erbe in die Hände seines Gegners Karl von Anjou fiel und 1268 in Neapel hingerichtet wurde, war ein Waldburger dabei. Noch vom Schafott soll Konradin seinem Freund Heinrich von Waldburg den Siegelring zugeworfen haben – für treue Dienste an seinem blutjungen Herrn.
Die Staufer-Serie der Schwäbsichen Zeitung:
Teil 1: Tief im Berg thront der Kaiser und wartet
Teil 3: Ohne die Damen gibt es keine Geschichte
Teil 4: Gescheitert - und doch unvergessen
(Erschienen: 07.09.2010 16:50)
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