Musik
Tief im Berg thront der Kaiser und wartet
Von unserem Mitarbeiter Rolf Waldvogel
Mit der deutschen Einigung war es beim Wiener Kongress von 1814/15 wieder nichts geworden, aber wenigstens die Dichter ließen die Hoffnung nicht fahren. So hatte Friedrich Rückert 1817 frohe Kunde für das Vaterland: Tief drinnen im Kyffhäuser sitzt der Staufer Friedrich I. in hehrer Halle und wartet auf seine ruhmreiche Wiederkehr. Schwer stützt er sich auf sein Schwert, der rote Bart ist längst durch den Tisch gewachsen. Von Zeit zu Zeit schickt der Alte seinen Knappen hinaus, um zu schauen, ob die Raben noch um den Berg fliegen: „Und wenn die alten Raben / noch fliegen immerdar, / so muss ich auch noch schlafen, verzaubert hundert Jahr.“
Den Deutschen – schwer gebeutelt von den Befreiungskriegen gegen Napoleon – klang es wohl in den Ohren, und Barbarossa war bald zur Symbolfigur für die entschwundene Größe des Reiches verklärt. Aber die Erzählung vom verehrten Herrscher, der in Zeiten der Not wieder aufersteht und sein Volk rettet, ist viel älter und auch weder auf den Berg in Thüringen zu beschränken, noch ist sie deutsches Nationalgut. Sie kann vielmehr als Paradebeispiel für eine Wandersage gelten.
Mythos der verzauberten Helden
Im Kyffhäuser wartet wohl Barbarossa, aber er soll angeblich auch unter dem Trifels hausen, oder im Kaisersberg bei Kaiserslautern. Im Untersberg bei Salzburg sitzt dagegen Karl der Große, und auch im nordhessischen Odenberg schläft der Karolinger. In einer Schweizer Version träumt – wer sonst! – Wilhelm Tell im Fels und harrt eidgenössischer Heldentaten. In Frankreich übertrug man die Geschichte auf Napoleon, der unterirdisch der ewigen Gloire entgegenfiebert. Und in Polen haben wir eine feministische Variante: Unter dem Schloss von Schubin soll eine Königin wohnen – natürlich ohne Bart.
Die Wurzeln dieser Erlösungsprophetien reichen bis tief hinab in das archaische Denken der Völker Europas. Der Mythos von der rettenden Wiederkehr des Helden findet sich in der griechischen Sage ebenso wie in der nordischen. Zudem liegen die Parallelen zu außereuropäischen messianischen Heilsideen nahe. Wann diese magische Schablone für den deutschen Sagenkreis übernommen wurde, lässt sich nicht genau sagen. Karl der Große dürfte der erste Kandidat gewesen sein. Ihre volle Wirkkraft erlangte sie aber erst, als man sie auf den Stauferkaiser Friedrich II. ummünzte, also Barbarossas Enkel. Diesem außergewöhnlichen Herrscher – mehr Italiener als Schwabe, von seinen Anhängern zum Weltenretter überhöht und von seinen papsttreuen Gegnern als Antichrist verketzert – traute man sofort die Unsterblichkeit zu, zunächst im Ätna, dann im Kyffhäuser, der schon lange als verwunschener Ort galt.
In einem Volksbuch des frühen 16. Jahrhunderts tauchte dann aber plötzlich der alte Barbarossa an seiner Stelle auf. Der feingeistige Sizilianer musste dem kampferprobten Raubein aus den deutschen Stammlanden weichen. Friedrich I. hatte um 1150 ein durch innere Kämpfe zerrissenes Reich vorgefunden und gefestigt. Somit taugte er bestens als Galionsfigur einer Einheitsideologie. An dieser Legende wurde fleißig weitergestrickt, und auf sie berief sich Friedrich Rückert. Seine Barbarossa-Ballade traf dann auch genau den Nerv der Zeit. Frühe Romantiker wie Achim von Arnim oder Clemens Brentano fanden Deutschlands Größe im Mittelalter wieder. Von Dichterfantasie verklärt, formte sich der Gedanke einer nur schlummernden, alten Größe, einer vorherbestimmten Sendung der Nation. Und dieses Denken kristallisierte sich schließlich in der Legende vom Reichserneuerer aus dem Kyffhäuser. Barbarossa wurde zum Leitstern der Kriegervereine, die nach 1815 allerorten aus dem Boden schossen und 1900 im Kyffhäuserbund mündeten.
Kaum einer wagte im 19. Jahrhundert gegen diesen Barbarossa-Kult anzugehen. Dem Spötter Heinrich Heine war er allerdings eine gallige Satire wert: Auch er ließ in „Deutschland – ein Wintermärchen“ den alten Rotbart wieder auferstehen – aber mit einer schwarz-rot-goldenen Fahne im Kampf gegen die deutschtümelnde Reaktion. Das Bild vom trutzigen Recken war jedoch nicht mehr zu revidieren. Allenfalls noch zu erweitern: Der Gründer des Zweiten Deutschen Reiches, der Preuße Kaiser Wilhelm I. mit seinem schlohweißen Backenbart, trat 1871 nach dem Sieg über Frankreich als Barbablanca an seine Seite. Und auf dem Kyffhäuser entstand jenes bombastische Denkmal – unten Friedrich im Berg, oben Wilhelm hoch zu Ross.
Mit bebenden Knöcheln geklopft
Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Trauma von Versailles schwappte dann die Barbarossa-Welle erneut hoch. Beim Rotbart – „unsterblich wie die Volkskraft“ – wurde „mit bebenden Knöcheln angeklopft“, und der alte Haudegen führte die „wegsuchenden Geschlechter“ aus „Knechtschaft und Kerker“ zum Sieg. „Von seinen Erdentagen geht ein Leuchten aus, das heute noch widerstrahlet“, so rühmte Richard Suchenwirth in der unsäglichen „Deutschen Geschichte“ von 1934. Friedrich musste schließlich als Ahnherr der Ostkolonisation herhalten, und am Ende stand der Feldzug gegen die Sowjets unter seinem Namen: „Unternehmen Barbarossa“. Es wurde zum Desaster.
Karl Kraus hatte schon 1915 gespottet, die Deutschen müssten sich irgendwann statt an Kyffhäuser an Kaufhäuser gewöhnen. Mit etwas Verspätung hat er Recht behalten. Zu DDR-Zeiten wollten die Kommunisten gar das ganze Denkmal sprengen. Angeblich hat ein Sowjet-Offizier es verhindert. „Lernt endlich mal mit eurer Geschichte leben!“, so soll er gesagt haben. Und die Geschichte hat es schließlich gut gemeint mit den Deutschen: Die Einheit kam 1989 über Nacht. Das ganze Deutschland wurde es zwar nicht mehr, aber immerhin. Heute ist der Kyffhäuser ein beliebtes Touristen-Ziel – gesamtdeutsch, wohlgemerkt. Kaiser Rotbart jedoch sitzt immer noch da und wartet – irgendwie arbeitslos wie so viele im Osten.
Die Staufer-Serie der Schwäbsichen Zeitung:
Teil 2: Wie die Welfen den Waiblingern wichen
Teil 3: Ohne die Damen gibt es keine Geschichte
Teil 4: Gescheitert - und doch unvergessen
(Erschienen: 01.09.2010 11:55)
Von unserem Mitarbeiter Rolf Waldvogel
Mit der deutschen Einigung war es beim Wiener Kongress von 1814/15 wieder nichts geworden, aber wenigstens die Dichter ließen die Hoffnung nicht fahren. So hatte Friedrich Rückert 1817 frohe Kunde für das Vaterland: Tief drinnen im Kyffhäuser sitzt der Staufer Friedrich I. in hehrer Halle und wartet auf seine ruhmreiche Wiederkehr. Schwer stützt er sich auf sein Schwert, der rote Bart ist längst durch den Tisch gewachsen. Von Zeit zu Zeit schickt der Alte seinen Knappen hinaus, um zu schauen, ob die Raben noch um den Berg fliegen: „Und wenn die alten Raben / noch fliegen immerdar, / so muss ich auch noch schlafen, verzaubert hundert Jahr.“
Den Deutschen – schwer gebeutelt von den Befreiungskriegen gegen Napoleon – klang es wohl in den Ohren, und Barbarossa war bald zur Symbolfigur für die entschwundene Größe des Reiches verklärt. Aber die Erzählung vom verehrten Herrscher, der in Zeiten der Not wieder aufersteht und sein Volk rettet, ist viel älter und auch weder auf den Berg in Thüringen zu beschränken, noch ist sie deutsches Nationalgut. Sie kann vielmehr als Paradebeispiel für eine Wandersage gelten.
Mythos der verzauberten Helden
Im Kyffhäuser wartet wohl Barbarossa, aber er soll angeblich auch unter dem Trifels hausen, oder im Kaisersberg bei Kaiserslautern. Im Untersberg bei Salzburg sitzt dagegen Karl der Große, und auch im nordhessischen Odenberg schläft der Karolinger. In einer Schweizer Version träumt – wer sonst! – Wilhelm Tell im Fels und harrt eidgenössischer Heldentaten. In Frankreich übertrug man die Geschichte auf Napoleon, der unterirdisch der ewigen Gloire entgegenfiebert. Und in Polen haben wir eine feministische Variante: Unter dem Schloss von Schubin soll eine Königin wohnen – natürlich ohne Bart.
Die Wurzeln dieser Erlösungsprophetien reichen bis tief hinab in das archaische Denken der Völker Europas. Der Mythos von der rettenden Wiederkehr des Helden findet sich in der griechischen Sage ebenso wie in der nordischen. Zudem liegen die Parallelen zu außereuropäischen messianischen Heilsideen nahe. Wann diese magische Schablone für den deutschen Sagenkreis übernommen wurde, lässt sich nicht genau sagen. Karl der Große dürfte der erste Kandidat gewesen sein. Ihre volle Wirkkraft erlangte sie aber erst, als man sie auf den Stauferkaiser Friedrich II. ummünzte, also Barbarossas Enkel. Diesem außergewöhnlichen Herrscher – mehr Italiener als Schwabe, von seinen Anhängern zum Weltenretter überhöht und von seinen papsttreuen Gegnern als Antichrist verketzert – traute man sofort die Unsterblichkeit zu, zunächst im Ätna, dann im Kyffhäuser, der schon lange als verwunschener Ort galt.
In einem Volksbuch des frühen 16. Jahrhunderts tauchte dann aber plötzlich der alte Barbarossa an seiner Stelle auf. Der feingeistige Sizilianer musste dem kampferprobten Raubein aus den deutschen Stammlanden weichen. Friedrich I. hatte um 1150 ein durch innere Kämpfe zerrissenes Reich vorgefunden und gefestigt. Somit taugte er bestens als Galionsfigur einer Einheitsideologie. An dieser Legende wurde fleißig weitergestrickt, und auf sie berief sich Friedrich Rückert. Seine Barbarossa-Ballade traf dann auch genau den Nerv der Zeit. Frühe Romantiker wie Achim von Arnim oder Clemens Brentano fanden Deutschlands Größe im Mittelalter wieder. Von Dichterfantasie verklärt, formte sich der Gedanke einer nur schlummernden, alten Größe, einer vorherbestimmten Sendung der Nation. Und dieses Denken kristallisierte sich schließlich in der Legende vom Reichserneuerer aus dem Kyffhäuser. Barbarossa wurde zum Leitstern der Kriegervereine, die nach 1815 allerorten aus dem Boden schossen und 1900 im Kyffhäuserbund mündeten.
Kaum einer wagte im 19. Jahrhundert gegen diesen Barbarossa-Kult anzugehen. Dem Spötter Heinrich Heine war er allerdings eine gallige Satire wert: Auch er ließ in „Deutschland – ein Wintermärchen“ den alten Rotbart wieder auferstehen – aber mit einer schwarz-rot-goldenen Fahne im Kampf gegen die deutschtümelnde Reaktion. Das Bild vom trutzigen Recken war jedoch nicht mehr zu revidieren. Allenfalls noch zu erweitern: Der Gründer des Zweiten Deutschen Reiches, der Preuße Kaiser Wilhelm I. mit seinem schlohweißen Backenbart, trat 1871 nach dem Sieg über Frankreich als Barbablanca an seine Seite. Und auf dem Kyffhäuser entstand jenes bombastische Denkmal – unten Friedrich im Berg, oben Wilhelm hoch zu Ross.
Mit bebenden Knöcheln geklopft
Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Trauma von Versailles schwappte dann die Barbarossa-Welle erneut hoch. Beim Rotbart – „unsterblich wie die Volkskraft“ – wurde „mit bebenden Knöcheln angeklopft“, und der alte Haudegen führte die „wegsuchenden Geschlechter“ aus „Knechtschaft und Kerker“ zum Sieg. „Von seinen Erdentagen geht ein Leuchten aus, das heute noch widerstrahlet“, so rühmte Richard Suchenwirth in der unsäglichen „Deutschen Geschichte“ von 1934. Friedrich musste schließlich als Ahnherr der Ostkolonisation herhalten, und am Ende stand der Feldzug gegen die Sowjets unter seinem Namen: „Unternehmen Barbarossa“. Es wurde zum Desaster.
Karl Kraus hatte schon 1915 gespottet, die Deutschen müssten sich irgendwann statt an Kyffhäuser an Kaufhäuser gewöhnen. Mit etwas Verspätung hat er Recht behalten. Zu DDR-Zeiten wollten die Kommunisten gar das ganze Denkmal sprengen. Angeblich hat ein Sowjet-Offizier es verhindert. „Lernt endlich mal mit eurer Geschichte leben!“, so soll er gesagt haben. Und die Geschichte hat es schließlich gut gemeint mit den Deutschen: Die Einheit kam 1989 über Nacht. Das ganze Deutschland wurde es zwar nicht mehr, aber immerhin. Heute ist der Kyffhäuser ein beliebtes Touristen-Ziel – gesamtdeutsch, wohlgemerkt. Kaiser Rotbart jedoch sitzt immer noch da und wartet – irgendwie arbeitslos wie so viele im Osten.
Die Staufer-Serie der Schwäbsichen Zeitung:
Teil 2: Wie die Welfen den Waiblingern wichen
Teil 3: Ohne die Damen gibt es keine Geschichte
Teil 4: Gescheitert - und doch unvergessen
(Erschienen: 01.09.2010 11:55)
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