Musik
Ohne die Damen gibt es keine Geschichte
Von unserem Mitarbeiter Rolf Waldvogel
„Wer heute die weihevolle Grablege betritt, wird ergriffen vom wehenden Willensodem unserer großen Kaiser und Könige“: Also sprach der SS-Obersturmbannführer 1937 im Kloster Lorch, wo eine pompöse Staufergedenkstätte entstehen sollte. Was die Nazis allerdings verdrängten: In der riesigen Tumba inmitten der Kirche liegen wohl viele Staufer-Gebeine, aber keines der gekrönten Häupter. Von Kaiser Friedrich I. Barbarossas sterblichen Überresten fehlt nach seinem Tod 1190 im Fluss Saleph in Kleinasien jede Spur. Sein Sohn Kaiser Heinrich VI. fand seine letzte Ruhestätte 1198 in Palermo. Dessen Bruder König Philipp wurde nach seiner Ermordung 1208 in Bamberg bestattet und dann später nach Speyer umgebettet. Der Sarkophag des 1250 gestorbenen Kaisers und Barbarossa-Enkels Friedrich II. steht ebenfalls im Dom von Palermo. Seinen bei ihm in Ungnade gefallenen und 1242 tödlich verunglückten Sohn Heinrich VII. wiederum ließ er in Cosenza beerdigen, und der letzte Stauferkönig, der 1254 gestorbene Konrad IV., liegt in Messina... Der enorme Expansionsdrang dieser Familie aus dem Schwäbischen lässt sich sehr wohl auch an den Grabstätten ablesen.
Aber wen haben nun die Benediktiner des von Barbarossas Großvater Herzog Friedrich 1102 gegründeten Klosters Lorch in den 1475 errichteten Sammelsarg gelegt? Auf jeden Fall den Stifter und seine Gemahlin Agnes, die Tochter des Salier-Kaisers Heinrich IV. Und dann vor allem Irene, die Gattin jenes in den Wirren des staufisch-welfischen Machtkampfs erschlagenen Königs Philipp. Aus Konstantinopel war die Tochter des byzantinischen Kaisers Isaak II. in den rauen Norden verheiratet worden, hochschwanger musste sie den Mord an ihrem Mann erleben, und bei der Geburt ihrer Tochter starb sie auf dem Hohenstaufen. Dieses Schicksal muss die Zeitgenossen sehr gerührt haben. Dem Minnesänger Walther von der Vogelweide war die Schöne einige Gedichtzeilen wert: „Rose ohne Dornen, Taube sonder Galle… Auf einer Gedenkplatte im Querhaus sind die Verse zu lesen. Und mag diese Kirche auch ständig umgebaut worden sein, heute atmet sie mit ihrer ihren typischen Flechtbändern, Blattfriesen und von Fabelwesen bevölkerten Kapitellen doch wieder den Geist der staufisch-hochromanischen Baukunst.
Rund 15 Kilometer ist es von Kloster Lorch zu jenem Hohenstaufen bei Göppingen, wo die arme Irene ihr junges Leben lassen musste. Aber so geschichtsträchtig die Burg auch sein mag, wohin Herzog Friedrich um das Jahr 1080 vom nahen Wäscherschlösschen bei Büren zog, so wenig ist von ihr erhalten. Ein paar Mauerreste, ein Denkmal – sonst nichts. Indes ist kein Mangel an Burgen auf der „Straße der Staufer“, die 1977 zur Stuttgarter Staufer-Ausstellung eingeweiht wurde und sich über 300 Kilometer durch die Landkreise Göppingen, Heidenheim und den Ostalbkreis zieht. Hohenrechberg und Staufeneck sind – trotz Zerstörung und Verfall, Um- und Einbauten – heute noch als imposante Bollwerke erkennbar. Ob sie die Anregung nun aus Frankreich bekamen oder nicht – die Baumeister der Staufer arbeiteten bei ihren Mauern für Burgen und Bergfriede vor allem mit Buckelquadern, also erhaben behauenen Steinen, die diesen Gebäuden jenen trutzigen Eindruck von Uneinnehmbarkeit verleihen.
Auch auf Schloss Hellenstein bei Heidenheim – als Kulisse für Freilichtopernfestspiele ein Begriff – sind die Reste eines staufischen Palas erhalten. Aber besonders mittelalterlich mutet Burg Katzenstein unweit von Neresheim an. Immer wieder einmal gebrandschatzt, geplündert und die letzten 150 Jahre fast dem Verfall anheimgefallen, wurde das alte Gemäuer von 1970 an wiedererweckt, von Denkmalschützern gesichert und von den heutigen rührigen Besitzern zum Kristallisationspunkt für Mittelalterseligkeit gemacht. Besonders reizvoll: die kleine Laurentius-Kapelle mit ihren Fresken aus dem 13. Jahrhundert. Christus als Schmerzensmann in der Mandorla – gerade in seiner Schlichtheit anrührend.
Womit wir noch einmal bei der staufischen Kunst wären. Eine der markantesten Stationen ist Schwäbisch Gmünd. Auch hier rückt eine Frau ins Blickfeld: jene salische Kaisertochter Agnes, deren Heirat mit Herzog Friedrich den Staufern den Weg zum Ruhm erst so richtig geebnet hatte. Von ihr geht die Sage, sie habe auf der Jagd ihren Ehering verloren, ihn wieder gefunden – und dann gelobt, an dieser Stelle eine Kirche zu bauen. Ob die Bildhauer daran dachten, als sie an die Westfassade der dann nach 1200 aus der ursprünglichen Kapelle entstandenen Kirche St. Johannis Jäger und Wildtiere setzten, wissen wir nicht. Gefangen nimmt diese grandiose Bildwelt der Romanik mit ihren Fratzen, Gnomen, Ungeheuern, Drachen und Schlangen allemal.
Eine Frau war schließlich indirekt der Anlass für eines der schönsten Zeugnisse Ostwürttembergs aus der Stauferzeit: die Galluskirche von Sontheim an der Brenz. Um das Jahr 1147 heiratete der spätere Kaiser Friedrich I. Barbarossa die Markgrafentochter Adela aus dem heute oberbayerischen Vohburg, und zu ihrer Mitgift gehörten auch Ländereien auf der Ostalb. Dass die Kirche auf Anregung Barbarossa zurückgeht, ist augenfällig. Allein schon die Dimensionen, die 100 Meter langen, originell geschmückten Bogenfriese rund um das Gebäude und nicht zuletzt eine Herrscherempore im Innern sprechen dafür. Barbarossa war 1152 zum König gewählt worden. Da musste man repräsentieren – auch auf dem flachen Land. 1153 wurde die kinderlos gebliebene Ehe vom Papst annulliert – wahrscheinlich wegen Untreue der guten Adela. Unfruchtbar kann sie nicht gewesen sein, denn mit ihrem zweiten Gemahl, Dietho von Ravensburg, hatte sie mehrere Kinder. Barbarossa übrigens auch mit seiner Beatrix von Burgund – gleich fünf Söhne, damit die Geschichte der Staufer weiterging.
Vom 19. September bis zum 20. Februar 2011 widmen die Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim dem bedeutendsten europäischen Herrschergeschlecht des 12. und 13. Jahrhunderts unter dem Titel „Die Staufer und Italien“ eine große kulturhistorische Ausstellung.
Die Staufer-Serie der Schwäbsichen Zeitung:
Teil 1: Tief im Berg thront der Kaiser und wartet
Teil 2: Wie die Welfen den Waiblingern wichen
Teil 4: Gescheitert - und doch unvergessen
(Erschienen: 07.09.2010 16:50)
Von unserem Mitarbeiter Rolf Waldvogel
„Wer heute die weihevolle Grablege betritt, wird ergriffen vom wehenden Willensodem unserer großen Kaiser und Könige“: Also sprach der SS-Obersturmbannführer 1937 im Kloster Lorch, wo eine pompöse Staufergedenkstätte entstehen sollte. Was die Nazis allerdings verdrängten: In der riesigen Tumba inmitten der Kirche liegen wohl viele Staufer-Gebeine, aber keines der gekrönten Häupter. Von Kaiser Friedrich I. Barbarossas sterblichen Überresten fehlt nach seinem Tod 1190 im Fluss Saleph in Kleinasien jede Spur. Sein Sohn Kaiser Heinrich VI. fand seine letzte Ruhestätte 1198 in Palermo. Dessen Bruder König Philipp wurde nach seiner Ermordung 1208 in Bamberg bestattet und dann später nach Speyer umgebettet. Der Sarkophag des 1250 gestorbenen Kaisers und Barbarossa-Enkels Friedrich II. steht ebenfalls im Dom von Palermo. Seinen bei ihm in Ungnade gefallenen und 1242 tödlich verunglückten Sohn Heinrich VII. wiederum ließ er in Cosenza beerdigen, und der letzte Stauferkönig, der 1254 gestorbene Konrad IV., liegt in Messina... Der enorme Expansionsdrang dieser Familie aus dem Schwäbischen lässt sich sehr wohl auch an den Grabstätten ablesen.
Aber wen haben nun die Benediktiner des von Barbarossas Großvater Herzog Friedrich 1102 gegründeten Klosters Lorch in den 1475 errichteten Sammelsarg gelegt? Auf jeden Fall den Stifter und seine Gemahlin Agnes, die Tochter des Salier-Kaisers Heinrich IV. Und dann vor allem Irene, die Gattin jenes in den Wirren des staufisch-welfischen Machtkampfs erschlagenen Königs Philipp. Aus Konstantinopel war die Tochter des byzantinischen Kaisers Isaak II. in den rauen Norden verheiratet worden, hochschwanger musste sie den Mord an ihrem Mann erleben, und bei der Geburt ihrer Tochter starb sie auf dem Hohenstaufen. Dieses Schicksal muss die Zeitgenossen sehr gerührt haben. Dem Minnesänger Walther von der Vogelweide war die Schöne einige Gedichtzeilen wert: „Rose ohne Dornen, Taube sonder Galle… Auf einer Gedenkplatte im Querhaus sind die Verse zu lesen. Und mag diese Kirche auch ständig umgebaut worden sein, heute atmet sie mit ihrer ihren typischen Flechtbändern, Blattfriesen und von Fabelwesen bevölkerten Kapitellen doch wieder den Geist der staufisch-hochromanischen Baukunst.
Rund 15 Kilometer ist es von Kloster Lorch zu jenem Hohenstaufen bei Göppingen, wo die arme Irene ihr junges Leben lassen musste. Aber so geschichtsträchtig die Burg auch sein mag, wohin Herzog Friedrich um das Jahr 1080 vom nahen Wäscherschlösschen bei Büren zog, so wenig ist von ihr erhalten. Ein paar Mauerreste, ein Denkmal – sonst nichts. Indes ist kein Mangel an Burgen auf der „Straße der Staufer“, die 1977 zur Stuttgarter Staufer-Ausstellung eingeweiht wurde und sich über 300 Kilometer durch die Landkreise Göppingen, Heidenheim und den Ostalbkreis zieht. Hohenrechberg und Staufeneck sind – trotz Zerstörung und Verfall, Um- und Einbauten – heute noch als imposante Bollwerke erkennbar. Ob sie die Anregung nun aus Frankreich bekamen oder nicht – die Baumeister der Staufer arbeiteten bei ihren Mauern für Burgen und Bergfriede vor allem mit Buckelquadern, also erhaben behauenen Steinen, die diesen Gebäuden jenen trutzigen Eindruck von Uneinnehmbarkeit verleihen.
Auch auf Schloss Hellenstein bei Heidenheim – als Kulisse für Freilichtopernfestspiele ein Begriff – sind die Reste eines staufischen Palas erhalten. Aber besonders mittelalterlich mutet Burg Katzenstein unweit von Neresheim an. Immer wieder einmal gebrandschatzt, geplündert und die letzten 150 Jahre fast dem Verfall anheimgefallen, wurde das alte Gemäuer von 1970 an wiedererweckt, von Denkmalschützern gesichert und von den heutigen rührigen Besitzern zum Kristallisationspunkt für Mittelalterseligkeit gemacht. Besonders reizvoll: die kleine Laurentius-Kapelle mit ihren Fresken aus dem 13. Jahrhundert. Christus als Schmerzensmann in der Mandorla – gerade in seiner Schlichtheit anrührend.
Womit wir noch einmal bei der staufischen Kunst wären. Eine der markantesten Stationen ist Schwäbisch Gmünd. Auch hier rückt eine Frau ins Blickfeld: jene salische Kaisertochter Agnes, deren Heirat mit Herzog Friedrich den Staufern den Weg zum Ruhm erst so richtig geebnet hatte. Von ihr geht die Sage, sie habe auf der Jagd ihren Ehering verloren, ihn wieder gefunden – und dann gelobt, an dieser Stelle eine Kirche zu bauen. Ob die Bildhauer daran dachten, als sie an die Westfassade der dann nach 1200 aus der ursprünglichen Kapelle entstandenen Kirche St. Johannis Jäger und Wildtiere setzten, wissen wir nicht. Gefangen nimmt diese grandiose Bildwelt der Romanik mit ihren Fratzen, Gnomen, Ungeheuern, Drachen und Schlangen allemal.
Eine Frau war schließlich indirekt der Anlass für eines der schönsten Zeugnisse Ostwürttembergs aus der Stauferzeit: die Galluskirche von Sontheim an der Brenz. Um das Jahr 1147 heiratete der spätere Kaiser Friedrich I. Barbarossa die Markgrafentochter Adela aus dem heute oberbayerischen Vohburg, und zu ihrer Mitgift gehörten auch Ländereien auf der Ostalb. Dass die Kirche auf Anregung Barbarossa zurückgeht, ist augenfällig. Allein schon die Dimensionen, die 100 Meter langen, originell geschmückten Bogenfriese rund um das Gebäude und nicht zuletzt eine Herrscherempore im Innern sprechen dafür. Barbarossa war 1152 zum König gewählt worden. Da musste man repräsentieren – auch auf dem flachen Land. 1153 wurde die kinderlos gebliebene Ehe vom Papst annulliert – wahrscheinlich wegen Untreue der guten Adela. Unfruchtbar kann sie nicht gewesen sein, denn mit ihrem zweiten Gemahl, Dietho von Ravensburg, hatte sie mehrere Kinder. Barbarossa übrigens auch mit seiner Beatrix von Burgund – gleich fünf Söhne, damit die Geschichte der Staufer weiterging.
Vom 19. September bis zum 20. Februar 2011 widmen die Reiss-Engelhorn-Museen in Mannheim dem bedeutendsten europäischen Herrschergeschlecht des 12. und 13. Jahrhunderts unter dem Titel „Die Staufer und Italien“ eine große kulturhistorische Ausstellung.
Die Staufer-Serie der Schwäbsichen Zeitung:
Teil 1: Tief im Berg thront der Kaiser und wartet
Teil 2: Wie die Welfen den Waiblingern wichen
Teil 4: Gescheitert - und doch unvergessen
(Erschienen: 07.09.2010 16:50)
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