Südfinder
Südfinder JOB
Südfinder AUTO
Südfinder IMMO
Südfinder TICKET
Südfinder HANDWERK
bodensee
Lakeparty
Regio-TV
inserieren
abo
e-paper
Schwäbisch.Media

Die Staufer: Gescheitert – und doch unvergessen

Die Statue aus Stein "Thronender König" (1230 - 1235) in der Ausstellung "Die Staufer und Italien"
Die Statue aus Stein "Thronender König" (1230 - 1235) in der Ausstellung "Die Staufer und Italien" (Foto: Ronald Wittek)

Mannheim / sz 300 000 Besucher hatte man sich 1977 erhofft, 650 000 kamen schließlich, gefesselt vom Blick auf die eigene glanzvolle Geschichte, der den Deutschen nach 1945 aus guten Gründen lange Zeit so schwer gefallen war. Kein Wunder, dass „Die Zeit der Staufer“ seither als „Mutter aller Mittelalterausstellungen“ gilt. Und kein Wunder, dass man nun an sie zurückdenkt, wenn sich Mannheim anschickt, erneut die Massen für jenes alte Herrschergeschlecht aus dem Schwäbischen zu mobilisieren. Die 3,5-Millionen-Euro-Schau „Die Staufer und Italien“ ist völlig anders gelagert, aber überzeugt auf ihre Art.

Von unserem Mitarbeiter Rolf Waldvogel 

Also Vorsicht: Wer sich jetzt aus diesem Schwäbischen ins Nordbadische aufmacht, darf die unterschiedliche Gewichtung nie außer Acht lassen. Was 1977 zur 25-Jahr-Feier des neu geschaffenen Bundeslandes Baden-Württemberg über die Stuttgarter Bühne ging, war zu einem Gutteil ein Sinnstiftungsspektakel. Im alten Herzogtum Schwaben sah man die Klammer, die die beiden Landesteile einst geeint hatte, und in den Relikten aus der Stauferzeit die Widerspiegelungen einer gemeinsamen grandiosen Kultur. Diese Schätze wurden ausgebreitet, und Hunderttausende staunten.

Fairerweise sei es allerdings angemerkt: Auch von den Machern der Ausstellung vor 33 Jahren wurde schon jene gewaltige Aufbruchsstimmung beschworen, die die Epoche der Staufer zwischen 1150 und 1250 prägte – mit Auswirkungen bis in die Jetztzeit. Daran knüpft Mannheim an, nur anders akzentuiert. In den Reiss-Engelhorn-Museen – ohnehin eine hervorragende Adresse für historische Ausstellungen – wird der Bogen weit gespannt: von den staufischen Kernlanden an Rhein, Neckar und Main über Oberitalien bis nach Sizilien.

Schlau beruft man sich dabei auf einen der größten Geschichtsschreiber der Zeit: Bischof Otto von Freising. Er pries jenes Dreieck zwischen Mainz, Frankfurt und Speyer als die „größte Kraft des Reiches“, die Po-Ebene als einen „Garten der Wonnen“ und Sizilien als „glückliche Insel“. Zwar war er als Onkel Kaiser Barbarossas wohl nicht ganz unbefangen, aber sein Urteil galt etwas. Wer nun – ganz EU-bewusst – drei „Innovationsregionen im mittelalterlichen Europa“ vorstellen wollte, wie der Untertitel der Schau verrät, musste also nur zugreifen. Dass sich damit gleich drei Bundesländer – Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Hessen – als Geldgeber einspannen ließen, war ein willkommener Mitnahmeeffekt, und wertvolle Exponate zum Wirken der Staufer in Italien konnten den Reiz dieser Schau ja nur erhöhen. In Sachen Präsentation zieht sie nun auch alle Register. Die über 500 wunderbaren Dinge – von den Skulpturen über die Goldschmiedearbeiten, Handschriften, Textilien, Elfenbeinschnitzereien, Münzen und Urkunden bis zum 7,5-Tonnen-Sarkophag – sind großzügig arrangiert und effektbewusst durch Power-Point-Demos, Filme oder Architektur-Animationen belebt.

Schwaben mögen über eine gewisse Unterbelichtung der Stauferregionen rund um Göppingen mit seinem Hohenstaufen, aber auch anderswo in Württemberg klagen. Aber zum einen findet sich manches: So ist die kostbare Welfenchronik, kurz vor 1200 im Kloster Weingarten geschaffen und auch als Stammbaum Barbarossas zu lesen, aus Fulda gekommen – allerdings aus konservatorischen Gründen nur die ersten drei Monate zu sehen. In einer Nische steht zudem die archaisch-hoheitsvolle Muttergottes mit Kind aus der Schwäbisch Gmünder Johanniskirche. Zum anderen muss man eben zur Kenntnis nehmen, dass es die Staufer in ihrem Expansionsdrang aus der engeren schwäbischen Heimat fortgezogen hatte. In Worms war Barbarossa allein 19 Mal, in Mainz hielt er seine großen Hoftage ab, in Speyer wollte er begraben sein, und auf Italien richtete sich all sein imperiales Sinnen – die Musik spielte anderswo.

Wie sie spielte, ist nun auf rund 2300 Quadratmeter zu erleben. Zunächst tauchen die Mythen um die Staufer auf, bis hin zum Nazi-Wahn des „Unternehmens Barbarossa“. Die Protagonisten der Dynastie werden vorgestellt – auf Siegeln und Münzen, aber auch mit einem singulären Stück wie dem goldenen Barbarossakopf aus Cappenberg, einst Emblem der Stuttgarter Schau. Doch dann kommt bereits der Schwenk nach Italien, wohin sich die Staufer allein schon wegen des Machtanspruchs der römischen Kirche wenden mussten, wo sie aber auch ihre Vorbilder in der Antike fanden. Erlesene Werke aus den Hofwerkstätten – Büsten, Kelche, Schalen, Gemmen – belegen diese Identifikation.

Welch tief greifender Wandel in Gesellschaft, Wirtschaft, Religion und Kultur das Europa der Stauferzeit umtrieb, macht dann der Parcours durch die drei ausgeflaggten „Innovationsregionen“ deutlich. Drei Portale mit Herrscherporträts weisen jeweils den Weg: eine unbestimmbare Königsgestalt aus Speyer, die noch die alte Zeit atmet, eine Barbarossa-Karikatur aus Mailand, mit der die Lombarden wohl ihre Abneigung gegenüber den ungeliebten Herren aus dem Norden signalisierten, und schließlich die Büste des Barbarossa-Enkels Friedrich II. von der Porta Capuana, in der sich der Kunstsinn des gebürtigen Sizilianers manifestierte. Unweit davon steht dann auch der „Thronende König“ aus dem New Yorker Metropolitan, der das Logo der Mannheimer Schau abgab. Ob die exquisit gearbeitete Figur nun als staufische Machtdemonstration zu werten ist oder aber als anti-staufische Allegorie der Gerechtigkeit im Auftrag eines oberitalienischen Magistrats, lässt sich allerdings nicht sagen.

Unter dem Titel „Gelebte Vielfalt“ darf man ein buntes Panoptikum erwarten. Es wird wahrlich viel geboten – von der Kochkunst bis zur Falkenjagd, von der Dichtung bis zur Begräbniskultur. Besonders bemerkenswert: ein kleiner Grabstein aus Sizilien mit Inschriften in Hebräisch, Arabisch, Lateinisch und Griechisch, der eine bis dato unbekannte Offenheit im Umgang miteinander zeigt.

Diese Demonstration der dramatischen Wandlungen jener Zeit ist es schließlich, die die Ausstellung so anregend macht. Reich und selbstbewusst gewordene Städte entwickelten neue Verwaltungsformen, in jungen Universitäten strebten die Wissenschaften zu neuen Ufern, neue alternative Glaubensgemeinschaften wie die Franziskaner tauchten auf, und in den Künsten brachen sich neue Sichtweisen Bahn. Die Staufer mögen manches noch mit angestoßen haben, aber zu überzogen war ihr universeller Anspruch, zu stark wirkten Gegenkräfte, und im Endeffekt rollten viele dieser dynamischen Prozesse über sie hinweg.

Gleich am Eingang der Schau sitzt riesengroß der Barbarossa vom Kyffhäuser-Denkmal – aber aus rohem Karton, brüchig, rissig, in Auflösung begriffen. Man weiß sofort, woher der Wind weht. Mit ihrer Idee vom unangreifbaren, immerwährenden Sacrum Imperium sind die Staufer letztlich gescheitert – und dennoch unvergessen.

Vom 19. September 2010 bis zum 20. Februar 2011 in den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen. Katalog in zwei Bänden mit 800 Seiten und rund 1000 Abbildungen: 39,90 Euro in der Ausstellung, 59,90 Euro im Buchhandel. Tel: 0621 / 293 3150. Alle Infos über das umfängliche Rahmenprogramm: www.staufer2010.de. Spezielle Informationen für Ostwürttemberg: www.stauferland.de.

Die Staufer-Serie der Schwäbsichen Zeitung:

Teil 1: Tief im Berg thront der Kaiser und wartet

Teil 2: Wie die Welfen den Waiblingern wichen

Teil 3: Ohne die Damen gibt es keine Geschichte

(Erschienen: 17.09.2010 22:55)

- Anzeige -
Artikelfunktionen
drucken
Bewertungen
0.0
0,0 (0 Stimmen)
Das könnte Sie auch interessieren
- Anzeige -
- Anzeige -

Die letzten Leserkommentare

Partybilder aus unserer Region
ONE YEAR BIRTHDAY PARTY "80ies Edition" am 12. Mai 2012 in Lindenberg im Allgäu
ONE YEAR BIRTHDAY PARTY "80ies Edition" am 12. Mai 2012 in Lindenberg im Allgäu
- Anzeige -