Theaterwelt
Startenor Villazón will kein «Sklave» sein
«Ich hatte einfach das Bedürfnis, die Lieder zu singen, mit denen ich aufgewachsen bin, die ich mit meiner Familie oder mit Freunden am Lagerfeuer gesungen habe.» Einmal sei er sogar um zwei Uhr in der Nacht mit einer typisch mexikanischen Mariachi-Kapelle vor dem Fenster seiner Freundin aufgetaucht, um für sie zu singen. Heute sind die beiden verheiratet und leben mit ihren zwei Söhnen in Paris. Auf der Bühne dagegen wurde er als Partner der Starsopranistin Anna Netrebko berühmt.
Weil Mexiko in diesem Jahr seine 200-jährige Unabhängigkeit und den 100. Jahrestag der mexikanischen Revolution feiert, sieht Villazón den richtigen Zeitpunkt für das Album. Und dann erzählt er von der größten Party seines Heimatlandes, die jedes Jahr in der Nacht des 15. September stattfinde. Die ganze Nation ist dann auf den Straßen und feiert sich selbst. Und dazu gehört der bekannte Unabhängigkeitsschrei: «Viva Zapata! Viva! Viva Hidalgo! Viva!», ruft Villazón die Namen der mexikanischen Helden, fast so laut, als stünde er gerade inmitten der Menschenmassen in Mexiko City - dabei sitzt er im Besprechungsraum eines Hotels im vornehmen Londoner Stadtteil St. James.
Die Musik seiner Jugend hat den 38-Jährigen mit den dunklen Locken und kräftigen Augenbrauen nie losgelassen. «Ich singe ständig diese Lieder, überhaupt singe ich andauernd.» Für seine Frau, seine Kinder, beim Geschirrspülen, unter der Dusche. «Ich liebe es, unter der Dusche zu tanzen und zu singen», sagt er und lacht ausgelassen, «das macht einen wunderbaren Lärm.»
Einzig auf der Straße singe er nicht, aber nur aus Schüchternheit. Ein Mexikaner singt, um seine Gefühle herauszulassen, nicht um Anerkennung oder Applaus zu bekommen, sagt er. Ein Künstler dürfe gar nicht versuchen, seinen Zuhörern zu gefallen. «Als Sänger muss ich meine eigene Idee von der Musik verfolgen», meint Villazón, «sonst werde ich ein Sklave des Publikums, und das hat es nicht verdient.»
Im November wird er mit seinem Album auch in Deutschland unterwegs sein. Er genießt es besonders, dass er dann mal in seiner spanischen Muttersprache singen kann. Wenn er redet, spricht er laut und schnell und ohne lange nachzudenken. Nur einmal macht Villazón eine Pause. Es geht um seine Stimme. Im vergangenen Jahr hat er sich wegen einer Stimmbandzyste erfolgreich operieren lassen. Bereits seit 2006 musste er wegen Stimmproblemen immer wieder pausieren.
«Ich würde lügen, würde ich sagen, dass mich diese Erfahrung nicht geformt hat», sagt er. Aber mit seiner Stimme gehe er deshalb nicht anders um als vorher. «Was ich durchgemacht habe, war genetisch bedingt», sagt er, «das hatte nichts mit meinem Repertoire oder der Art wie ich singe zu tun.» Also gebe es keinen Grund, daran etwas zu ändern.
Trotzdem nimmt sich Villazón heute mehr Zeit zwischen seinen Auftritten. Er könne sich zehn freie Tage zwischen zwei Opernabenden leisten, warum also darauf verzichten. Dabei geht es ihm nicht um seine Stimme, sondern um das, was sonst noch wichtig ist in seinem Leben: lesen, mit den Jungs spielen oder mit seiner Frau Kaffee trinken. Jetzt sei er vor allem glücklich, wieder singen zu können.
(Erschienen: 03.09.2010 09:32)
«Ich hatte einfach das Bedürfnis, die Lieder zu singen, mit denen ich aufgewachsen bin, die ich mit meiner Familie oder mit Freunden am Lagerfeuer gesungen habe.» Einmal sei er sogar um zwei Uhr in der Nacht mit einer typisch mexikanischen Mariachi-Kapelle vor dem Fenster seiner Freundin aufgetaucht, um für sie zu singen. Heute sind die beiden verheiratet und leben mit ihren zwei Söhnen in Paris. Auf der Bühne dagegen wurde er als Partner der Starsopranistin Anna Netrebko berühmt.
Weil Mexiko in diesem Jahr seine 200-jährige Unabhängigkeit und den 100. Jahrestag der mexikanischen Revolution feiert, sieht Villazón den richtigen Zeitpunkt für das Album. Und dann erzählt er von der größten Party seines Heimatlandes, die jedes Jahr in der Nacht des 15. September stattfinde. Die ganze Nation ist dann auf den Straßen und feiert sich selbst. Und dazu gehört der bekannte Unabhängigkeitsschrei: «Viva Zapata! Viva! Viva Hidalgo! Viva!», ruft Villazón die Namen der mexikanischen Helden, fast so laut, als stünde er gerade inmitten der Menschenmassen in Mexiko City - dabei sitzt er im Besprechungsraum eines Hotels im vornehmen Londoner Stadtteil St. James.
Die Musik seiner Jugend hat den 38-Jährigen mit den dunklen Locken und kräftigen Augenbrauen nie losgelassen. «Ich singe ständig diese Lieder, überhaupt singe ich andauernd.» Für seine Frau, seine Kinder, beim Geschirrspülen, unter der Dusche. «Ich liebe es, unter der Dusche zu tanzen und zu singen», sagt er und lacht ausgelassen, «das macht einen wunderbaren Lärm.»
Einzig auf der Straße singe er nicht, aber nur aus Schüchternheit. Ein Mexikaner singt, um seine Gefühle herauszulassen, nicht um Anerkennung oder Applaus zu bekommen, sagt er. Ein Künstler dürfe gar nicht versuchen, seinen Zuhörern zu gefallen. «Als Sänger muss ich meine eigene Idee von der Musik verfolgen», meint Villazón, «sonst werde ich ein Sklave des Publikums, und das hat es nicht verdient.»
Im November wird er mit seinem Album auch in Deutschland unterwegs sein. Er genießt es besonders, dass er dann mal in seiner spanischen Muttersprache singen kann. Wenn er redet, spricht er laut und schnell und ohne lange nachzudenken. Nur einmal macht Villazón eine Pause. Es geht um seine Stimme. Im vergangenen Jahr hat er sich wegen einer Stimmbandzyste erfolgreich operieren lassen. Bereits seit 2006 musste er wegen Stimmproblemen immer wieder pausieren.
«Ich würde lügen, würde ich sagen, dass mich diese Erfahrung nicht geformt hat», sagt er. Aber mit seiner Stimme gehe er deshalb nicht anders um als vorher. «Was ich durchgemacht habe, war genetisch bedingt», sagt er, «das hatte nichts mit meinem Repertoire oder der Art wie ich singe zu tun.» Also gebe es keinen Grund, daran etwas zu ändern.
Trotzdem nimmt sich Villazón heute mehr Zeit zwischen seinen Auftritten. Er könne sich zehn freie Tage zwischen zwei Opernabenden leisten, warum also darauf verzichten. Dabei geht es ihm nicht um seine Stimme, sondern um das, was sonst noch wichtig ist in seinem Leben: lesen, mit den Jungs spielen oder mit seiner Frau Kaffee trinken. Jetzt sei er vor allem glücklich, wieder singen zu können.
(Erschienen: 03.09.2010 09:32)
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