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Seltener Gast: Krystian Zimerman spielt Chopin

Krystian Zimerman
Krystian Zimerman

Hamburg / dpa Für eines seiner wenigen Konzerte im Chopin-Jahr ist Krystian Zimerman in die Laeiszhalle nach Hamburg gekommen. Eine rare Gelegenheit den eigenwilligen Pianisten live zu hören. Der Abend mit Werken von Chopin hatte überwältigende, sehr starke Phasen, hinterließ aber auch Verwirrung.

Zimerman, der immer mit dem eigenen Flügel anreist, hat sein Wirken ganz der Musik untergeordnet und gilt als Perfektionist. Es gibt wenige erhältliche Aufzeichnungen seines Schaffens. Wenn seine Aufnahmen dem eigenen Anspruch nicht genügen, lässt er sie zurückziehen, ebenso wenn andere die gleichen Stücke nach seiner Auffassung besser eingespielt haben. Die Erwartungen an das Konzert waren also entsprechend hoch.

Trotz des großen Andrangs beginnt der Klavierabend, der am Namenstag von Frédéric Chopin (5. März) stattfand, mit nur fünfminütiger Verzögerung. Kaum ist der letzte Platz eingenommen, das Licht stimmungsvoll gedimmt, betritt der Künstler geschwind die Bühne. Unter begrüßendem Applaus verneigt er sich kurz, setzt sich ans Klavier und beginnt ansatzlos ohne Selbstinszenierung zu spielen.

Zum Auftakt des Recitals erklingt das Nocturne Fis-Dur op.15 Nr.2. Ein Unterschied zu früheren Chopin-Interpretationen Zimermans ist sofort wahrnehmbar: Weniger, fast gar kein Rubato, der Anschlag härter, die Dynamik weniger differenziert, der Klang des Flügels trocken und metallisch. Das Idol vieler angehender Pianisten wirkt seltsam unbeteiligt, sein Spiel hört sich fremd an. Die Darbietung hat wenig von einem "Nachtlied" – nüchtern und schnell ist es vorbei.

Bevor er mit der nächsten Komposition beginnt, hält der Klavierspieler einen Moment inne, auf die ihm eigene Weise über die Tasten gebeugt. Die große Sonate Nr.2 b-Moll op.35 steht auf dem Programm. Den ersten Satz beginnt Zimerman sehr energisch, laut und schnell, aber er verspielt sich öfter – das kennt man von diesem stets akribisch vorbereiteten Mann so nicht! Nach Ende des ersten Satzes brandet leider Beifall auf. Kein rügender Blick in Richtung des unwissenden Publikums; der als kapriziös und schwierig geltende Musiker erhebt sich halb zu einer dankenden Verbeugung; souverän und höflich lächelnd.

Im weiteren Verlauf des Abends zeigt sich dann, wie sehr es der Meister mit Können und Ausstrahlung vermag, den Saal zu beherrschen. Klatschen an der falschen Stelle gibt es nicht mehr. Ob er die einzelnen Sätze eines dahingehauchten letzten Laufs im Nichts verschwinden oder im kaskadierenden Fortissimo bravourös enden lässt, stets wird dies mit ehrfurchtsvoller Stille goutiert. Die Menschen halten tatsächlich den Atem an.

Auch im hämmernd, trocken gebrachten Scherzo hapert es mit der sonst so bewundernswerten Technik. Ein heftiger Fauxpas in mehreren Akkorden der rechten Hand, auf den Zimerman selbst gereizt reagiert, scheint ihn aufzuwecken, er wird sehr energisch. Vor dem Marche funébre sammelt er sich, als wolle er der Tragik gerecht werden. Und dann geht der Leiter der Meisterschule in Basel ganz im Spiel auf: Er lebt die Musik mit dem ganzen Körper, hoch dramatisch und emotionsgeladen, mit den vermissten Stimmungen, dem ersehnten Rubato, der chopinschen Lyrik. Zum Ausklang des Trauermarsches fällt er in sich zusammen, um dann im nahtlosen Übergang zum Presto technisch rasant aufzutrumpfen.

Der erschöpfte Maestro wurde noch zwei Mal vom euphorischen Publikum auf die Bühne geklatscht, um nach einer kleinen Erholung frisch wiederzukehren. Nach seiner typischen Verbeugung mit der Linken am Flügel legt er mit dem Scherzo Nr.2 b-moll op.31 los. Das zunächst teils verloren geglaubte Können blitzt auf, und der folgende Applaus will nicht enden, bis der zierliche weißhaarige Pole mit charmanten Gesten lächelnd auf die Pause aufmerksam macht: "Trinken wir etwas und dann sehen uns gleich wieder".

Die zweite Hälfte des Konzertprogramms startet mit der Sonate Nr.3 h-moll op.58, und bietet wie der Beginn des Abends ein Wechselbad der Gefühle: Eine trockene, mäßig grün tönende Steppe mit wenig Atmosphäre, dann eine wohltuende kleine lyrische Passage, die über ein müdes Largo zum sehr dynamischen Presto ma non tanto des vierten Satzes führt. Sehr kraftvoll, aber wieder mit kleinen Patzern. Und erneut ein eindrucksvolles Finale das einen Sturm der Begeisterung entfacht: Trampeln und Bravorufe vom Parterre bis zur Galerie!

Die den Abschluss des Konzerts bildende Barcarolle Fis-Dur op.60 klingt von den ersten Noten an wie die Zeitgenossen Chopins ihn wohl schätzten: Geheimnisvoll raunend, voller melodischer Delicatesse und aristokratischer Noblesse. Einmal hängt der Ausnahmekünstler eine Note so übermäßig lang auf, dass man sich fragt, ob die Fortsetzung wohl noch kommen wird – ein verwirrend extremes Rubato. Das wiederum stark auftrumpfende Finale reißt die Zuhörer von den Sitzen.

Die einzige Zugabe ist der Walzer cis-moll op.64 Nr. 2, wundervoll gespielte ganz große Kunst. Hätte man an diesem Abend bloß mehr dieser starken Momente erleben können. Der Beifall will nicht enden. Nach mehreren Minuten verabschiedet sich der Virtuose ermattet.

Chopin, mitunter ein Langweiler? Beileibe nicht. Doch was macht eine gute und musikalisch angemessene Chopin-Interpretation aus? Der Klavierabend macht sehr deutlich, dass es andere, ungewöhnliche Herangehensweisen an die Musik des großen polnischen Komponisten gibt: Revidierte, anders als die traditionell kultivierte Auffassung. Es ist zwar selten, dass jemand wagt, Hand an die Schöpfungen des Genies zu legen. Doch Zimerman ist als strenger Analytiker bekannt, so darf man also vermuten, dass seine Darbietung Ausdruck einer von ihm neu entdeckten Interpretationsmöglichkeit - inklusive einer auffallend experimentell anmutenden Nutzung des Hall-Pedals - war. Leider gab es nach dem Konzert keine Möglichkeit, den Künstler persönlich zu befragen, man kann nur spekulieren.

Der bis zum heutigen Tage jüngste Gewinner des Chopin-Wettbewerbs im Jahr 1975, wirkte müde. Sollte er sich vom Konzertleben ganz zurückziehen, wäre es nach diesem Eindruck nicht verwunderlich. Das Spiel war technisch nicht perfekt, was bei dem fast schon pedantischen Virtuosen zu Spekulationen über sein Befinden Anlass gibt.

Auch versetzte der sonst zugängliche Landsmann Chopins einige Bewunderer, die vergeblich eine Stunde lang ausharrten. Erst als ihnen bekundet wurde, dass der Meister nicht kommen wird, trollte sich die enttäuschte, aber durch das Konzert vollauf befriedigte kleine Schar und stapfte durch den Schnee davon.

Der 1956 in Polen geborene Zimerman scheint scheu und verletzlich geworden. Aber was macht das schon. Der Künstler gibt viel, wenn er sich über die Musik mitteilt. Seine Bühnenauftritte sind selten und kostbar. In seinem Heimatland Polen ist man allerdings sehr enttäuscht, dass Zimerman zum Chopin-Jahr dort nicht gastieren wird. Die Konzertbesucher in Hamburg dürfen also über diesen Abend sehr dankbar sein, auch ohne ein Autogramm.

www.proarte.de

(Erschienen: 09.03.2010 15:00)

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