Theaterwelt
Kafkas Happy End in München
Auch beim Stück "The Happy Ending of Kafka's Castle" steht das Publikum erst einmal in der Kälte, lauscht klagendem Singsang und Trommeln, geschlagen mit Stöcken in Knochenform. Es ist die Uraufführung der Performance-Gruppe Showcase Beat Le Mot am Samstagabend im Marstall des Münchner Residenztheaters.
An der Fassade leuchten Zitate, unweit des Eingangs etwa eins aus der Kafka-Parabel "Vor dem Gesetz": "Konnte niemand sonst Einlass erhalten?" Manche Zuschauer zünden sich eine Zigarette an, schließlich qualmen auch die Holzfeuer, die den Platz vor dem Theater in unwirkliches Licht tauchen.
Ein "menschheitserschütterndes" Happy End hat die Gruppe versprochen. 1997 wurde sie von vier Studenten der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen gegründet und hat seitdem international Beachtung erlangt. "Ein Schloss des guten Ausgangs, eine Oase für Verzweifelte" und "eine Welt, in der niemand fehl am Platze ist" soll es geben. Kafka hat den Roman nicht vollendet. Er bricht die immer enger verstrickte Erzählung einfach mitten im Satz ab. In dem Roman versucht der Landvermesser K., sich dem Schloss zu nähern und Anerkennung zu finden - doch ohne Erfolg. Das Schloss bleibt eine unnahbare Autorität, dessen Apparat nach unerklärlichen Regeln funktioniert.
So erwartet den Zuschauer nach dem Kälteerlebnis eine Art Epilog im Flur vor den Toiletten mit urschrei-ähnlichen Liedern sowie ein Herr K. als hilflos hopsende Marionette. Danach führt der Weg weiter in eine vernebelte und groteske Szenerie: Ein Skelett auf einem roten Plüschstuhl, ein Ritter, der an einer alten Nähmaschine arbeitet, vorsintflutliche Gerätschaften vom Rollstuhl bis zum Telefon aus dem vergangenen Jahrhundert, eine Vitrine gefüllt mit jenen Knochen von der Trommel - alles gruppiert um einen riesigen Turm aus Boxen. So könnte es schon aussehen, in diesem ominösen Schloss.
In diesem Ambiente darf sich der Zuschauer umsehen. Es gibt Bier, Käse, Wurst und Obst, während Männer in Anzügen - Schauspieler des Residenz-Theaters unterstützen die Gruppe - allerlei Geschäftigkeiten entwickeln. Musik entsteht mit Tischtennisbällen in Krügen, ein Geigenbogen entlockt den Speichen des Rollstuhls Töne, eine alte Schreibmaschine klackt, der Ritter klappert mit der Rüstung, eine Percussion-Konstruktion schafft Rhythmus. Herr K. telefoniert - wie im Roman - langwierig und erfolglos mit einer Behörde.
Es solle "einen unkafkaesken Ausweg aus dem totalitären Alptraum" geben, hat die Gruppe angekündigt. "Auf dieses Ende hat sich Kafka so gefreut, dass er nie dazu gekommen ist, es aufzuschreiben." Die Spannung steigt: Wie wird dieses Happy End aussehen? Das Skelett trägt mittlerweile einen Zylinder mit knallgrüner Feder, das Buffet ist leer, das Bier ist aus, ein Darsteller springt wild auf einem Knochen-Haufen. "Meine Damen und Herren, das war unser Theaterstück", heißt es dann nach zwei Stunden. "Wir haben uns sehr gefreut, dass Sie bei uns waren."
Einige Zuschauer haben den Marstall zu dieser Zeit bereits verlassen, andere sitzen entspannt und amüsiert in den Kissen. Ein unkafkaeskes Ende. Vielleicht auch ein wenig untheatralisch. Es kommt jedenfalls zur rechten Zeit, denn viel länger hätte die Event-Inszenierung wohl nicht getragen - insofern wirklich ein Happy End.
(Erschienen: 12.02.2012 12:12)
Auch beim Stück "The Happy Ending of Kafka's Castle" steht das Publikum erst einmal in der Kälte, lauscht klagendem Singsang und Trommeln, geschlagen mit Stöcken in Knochenform. Es ist die Uraufführung der Performance-Gruppe Showcase Beat Le Mot am Samstagabend im Marstall des Münchner Residenztheaters.
An der Fassade leuchten Zitate, unweit des Eingangs etwa eins aus der Kafka-Parabel "Vor dem Gesetz": "Konnte niemand sonst Einlass erhalten?" Manche Zuschauer zünden sich eine Zigarette an, schließlich qualmen auch die Holzfeuer, die den Platz vor dem Theater in unwirkliches Licht tauchen.
Ein "menschheitserschütterndes" Happy End hat die Gruppe versprochen. 1997 wurde sie von vier Studenten der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen gegründet und hat seitdem international Beachtung erlangt. "Ein Schloss des guten Ausgangs, eine Oase für Verzweifelte" und "eine Welt, in der niemand fehl am Platze ist" soll es geben. Kafka hat den Roman nicht vollendet. Er bricht die immer enger verstrickte Erzählung einfach mitten im Satz ab. In dem Roman versucht der Landvermesser K., sich dem Schloss zu nähern und Anerkennung zu finden - doch ohne Erfolg. Das Schloss bleibt eine unnahbare Autorität, dessen Apparat nach unerklärlichen Regeln funktioniert.
So erwartet den Zuschauer nach dem Kälteerlebnis eine Art Epilog im Flur vor den Toiletten mit urschrei-ähnlichen Liedern sowie ein Herr K. als hilflos hopsende Marionette. Danach führt der Weg weiter in eine vernebelte und groteske Szenerie: Ein Skelett auf einem roten Plüschstuhl, ein Ritter, der an einer alten Nähmaschine arbeitet, vorsintflutliche Gerätschaften vom Rollstuhl bis zum Telefon aus dem vergangenen Jahrhundert, eine Vitrine gefüllt mit jenen Knochen von der Trommel - alles gruppiert um einen riesigen Turm aus Boxen. So könnte es schon aussehen, in diesem ominösen Schloss.
In diesem Ambiente darf sich der Zuschauer umsehen. Es gibt Bier, Käse, Wurst und Obst, während Männer in Anzügen - Schauspieler des Residenz-Theaters unterstützen die Gruppe - allerlei Geschäftigkeiten entwickeln. Musik entsteht mit Tischtennisbällen in Krügen, ein Geigenbogen entlockt den Speichen des Rollstuhls Töne, eine alte Schreibmaschine klackt, der Ritter klappert mit der Rüstung, eine Percussion-Konstruktion schafft Rhythmus. Herr K. telefoniert - wie im Roman - langwierig und erfolglos mit einer Behörde.
Es solle "einen unkafkaesken Ausweg aus dem totalitären Alptraum" geben, hat die Gruppe angekündigt. "Auf dieses Ende hat sich Kafka so gefreut, dass er nie dazu gekommen ist, es aufzuschreiben." Die Spannung steigt: Wie wird dieses Happy End aussehen? Das Skelett trägt mittlerweile einen Zylinder mit knallgrüner Feder, das Buffet ist leer, das Bier ist aus, ein Darsteller springt wild auf einem Knochen-Haufen. "Meine Damen und Herren, das war unser Theaterstück", heißt es dann nach zwei Stunden. "Wir haben uns sehr gefreut, dass Sie bei uns waren."
Einige Zuschauer haben den Marstall zu dieser Zeit bereits verlassen, andere sitzen entspannt und amüsiert in den Kissen. Ein unkafkaeskes Ende. Vielleicht auch ein wenig untheatralisch. Es kommt jedenfalls zur rechten Zeit, denn viel länger hätte die Event-Inszenierung wohl nicht getragen - insofern wirklich ein Happy End.
(Erschienen: 12.02.2012 12:12)
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