Theaterwelt
Kafka trifft Kassandra - Zuschauer spielen mit
Zum Glück durfte das Publikum in Düsseldorf bei der Uraufführung des Stücks "Kein Science-Fiction" von Tine Rahel Völcker in der Regie von Nora Schlocker am Samstag mitspielen. Damit wurde der Zwei-Stunden-Abend im Kleinen Haus des Schauspielhauses etwas aufgelockert.
Die 1979 geborene Autorin Völcker hat Mykene-König Agamemnon und die Seherin Kassandra aus der griechischen Troja-Mythologie in das von der Finanzkrise geschüttelte Kapitalismus-Europa verpflanzt. Agamemnon leitet als Finanzmogul die "Burg", Sitz der Firma Atreus. Kassandra ist eine Fremde, die es als Beraterin in den Vorstand geschafft hat. Die Firma, gemeint ist Europa, wird unterwandert von einem Nazi-Kampfbund, der Kassandra und die vielen ausländischen Angestellten ausschaltet. Kafka ist eine grüblerische Angestellte, die mit Mihaljo aus der Welt der Produktivität ausbrechen will und sich dem Suff hingibt.
Die etwa 120 Zuschauer werden zu Beginn nicht auf ihre Plätze, sondern mitten auf die Bühne geleitet, wo sie wie auf einem Marktplatz den Endzeit-Prophezeiungen Kassandras lauschen. Sie werden auch als Statisten bei einer Mitarbeiterversammlung von Atreus eingesetzt. Später darf das Publikum sich auf Kissen auf den Bühnenboden setzen, während Kafka und Kassandra über die Stuhlreihen turnen. Den Bühnenhintergrund bilden in sich verkeilte Zugwaggons. Für die musikalische Begleitung mit sparsam eingesetzten Tönen sorgt Gregor Kerkmann mit E-Gitarre und Computer.
So richtig betroffen macht die Idee eines zusammenbrechenden Geld-Europas trotz der Zuschauermitwirkung aber nicht. Viel wird geredet über Afrika, Europa, Geld, Markt, Rosa Luxemburg und die Frage, warum sich die Angestellten vom Dach der Burg stürzen. Der Kampfbund zischt fremdenfeindliche Hassmonologe. Schließlich stürzt Europa in einen Kapitalismus-Krieg, den Agamemnon mit Schwert und Kettenhemd führt.
Dass der Abend doch noch unterhaltsam wird, ist der Leistung von Xenia Noetzelmann (Kassandra), Ingo Tomi (Agamemnon), Aleksandar Radenkovic (Mihaljo/Krieger) und Elena Schmidt (Kafka/Aerope) zu verdanken. Sie proben mit Hingabe den Spagat zwischen antikem Orakel und brutalem Markt und schlüpfen in mehrere Rollen. Die 1983 geborene Nora Schlocker, Hausregisseurin in Düsseldorf, die in Weimar und Berlin Erfolge feierte, schafft es nur mit einigen Regietricks und mit Hilfe der engagierten Schauspieler, das kopflastige Stück doch noch sehenswert zu machen.
(Erschienen: 12.02.2012 12:42)
Zum Glück durfte das Publikum in Düsseldorf bei der Uraufführung des Stücks "Kein Science-Fiction" von Tine Rahel Völcker in der Regie von Nora Schlocker am Samstag mitspielen. Damit wurde der Zwei-Stunden-Abend im Kleinen Haus des Schauspielhauses etwas aufgelockert.
Die 1979 geborene Autorin Völcker hat Mykene-König Agamemnon und die Seherin Kassandra aus der griechischen Troja-Mythologie in das von der Finanzkrise geschüttelte Kapitalismus-Europa verpflanzt. Agamemnon leitet als Finanzmogul die "Burg", Sitz der Firma Atreus. Kassandra ist eine Fremde, die es als Beraterin in den Vorstand geschafft hat. Die Firma, gemeint ist Europa, wird unterwandert von einem Nazi-Kampfbund, der Kassandra und die vielen ausländischen Angestellten ausschaltet. Kafka ist eine grüblerische Angestellte, die mit Mihaljo aus der Welt der Produktivität ausbrechen will und sich dem Suff hingibt.
Die etwa 120 Zuschauer werden zu Beginn nicht auf ihre Plätze, sondern mitten auf die Bühne geleitet, wo sie wie auf einem Marktplatz den Endzeit-Prophezeiungen Kassandras lauschen. Sie werden auch als Statisten bei einer Mitarbeiterversammlung von Atreus eingesetzt. Später darf das Publikum sich auf Kissen auf den Bühnenboden setzen, während Kafka und Kassandra über die Stuhlreihen turnen. Den Bühnenhintergrund bilden in sich verkeilte Zugwaggons. Für die musikalische Begleitung mit sparsam eingesetzten Tönen sorgt Gregor Kerkmann mit E-Gitarre und Computer.
So richtig betroffen macht die Idee eines zusammenbrechenden Geld-Europas trotz der Zuschauermitwirkung aber nicht. Viel wird geredet über Afrika, Europa, Geld, Markt, Rosa Luxemburg und die Frage, warum sich die Angestellten vom Dach der Burg stürzen. Der Kampfbund zischt fremdenfeindliche Hassmonologe. Schließlich stürzt Europa in einen Kapitalismus-Krieg, den Agamemnon mit Schwert und Kettenhemd führt.
Dass der Abend doch noch unterhaltsam wird, ist der Leistung von Xenia Noetzelmann (Kassandra), Ingo Tomi (Agamemnon), Aleksandar Radenkovic (Mihaljo/Krieger) und Elena Schmidt (Kafka/Aerope) zu verdanken. Sie proben mit Hingabe den Spagat zwischen antikem Orakel und brutalem Markt und schlüpfen in mehrere Rollen. Die 1983 geborene Nora Schlocker, Hausregisseurin in Düsseldorf, die in Weimar und Berlin Erfolge feierte, schafft es nur mit einigen Regietricks und mit Hilfe der engagierten Schauspieler, das kopflastige Stück doch noch sehenswert zu machen.
(Erschienen: 12.02.2012 12:42)
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