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Horvaths «Glaube Liebe Hoffnung» in Hamburg

'Glaube Liebe Hoffnung'
'Glaube Liebe Hoffnung'

Hamburg (dpa) - Zu Beginn des Stücks steht Elisabeth in einem hellroten Kleid einsam an der Rampe und blickt verstört in den Zuschauerraum. "Im Dezember werden es jetzt 16 Monate, dass ich abgebaut bin", sagt sie.

Und: "Überall haben sie einen ausgenutzt und betrogen." Doch zwischen diesen Sätzen macht sich die junge Frau immer wieder selbst Mut: "Aber ich habe den Kopf nicht hängengelassen", wiederholt sie immer und immer wieder - bis es nicht mehr geht und sie springt. Um wieder mal den "gigantischen Kampf zwischen Individuum und Gesellschaft" zeigen zu können, schrieb Ödön von Horváth 1932 sein Stück "Glaube Liebe Hoffnung".

Ob Buletten, Pfandbons oder Maultaschen: Auch heute lauert hinter jedem Vergehen des kleinen Angestellten die Entlassung - und damit der soziale Abstieg. In diesem Kontext scheint Horváths Stück über die Korsett-Verkäuferin Elisabeth aktueller denn je. Sie, die sich wünscht, "dass es doch auch ein bisschen weniger ungerecht zugehen könnt", ist vorbestraft, weil sie ohne Wandergewerbeschein gearbeitet hat. Um die Geldstrafe bezahlen zu können, leiht sie sich 150 Mark bei einem Präparator - ohne ihm den wahren Grund zu nennen, wofür sie das Geld braucht. Prompt zeigt dieser sie wegen Betrugs an - und Elisabeth muss daraufhin ins Gefängnis. Auch die Liebe zu einem jungen Schutzmann scheitert, als dieser von ihren Vorstrafen erfährt. Und am Ende stirbt auch Elisabeths Hoffnung.

Regisseurin Karin Henkel, die am Schauspielhaus bereits mit "Medea" und "Minna von Barnhelm" Erfolge feierte, nimmt Horváths Anweisung "Individuum gegen Gesellschaft" wörtlich: Elisabeth, eindringlich und überzeugend gespielt von Schauspielhaus-Star Jana Schulz, spielt alleine gegen alle anderen; d. h. die sechs anderen Schauspieler Marco Albrecht, Peter Bernhardt, Tim Grobe, Hedi Kriegeskotte, Tristian Seith und Sören Wunderlich schlüpfen abwechselnd in alle anderen Rollen: Sie alle sind Präparator, Polizist oder Geliebter - es ist egal, wer wen spielt, denn sie sind alle die Gesellschaft, der Stellung und Ansehen, der eigene Profit und das eigene Fortkommen wichtiger sind als die Nöte und Sorgen ihrer Mitmenschen.

Um ihre Unmenschlichkeit und Scheinheiligkeit noch zu betonen, lässt die Regisseurin alle mit übergroßen Pappmaché-Köpfen auftreten, die reichlich lädiert sind: Sie alle sind nicht authentisch, spielen eine Rolle, sind im wörtlichen Sinn angeschlagen. Nur Elisabeth hat sich ihre Menschlichkeit und ihren Glauben bewahrt und will sich ihr Glück nicht nehmen lassen: "Ich hab dich halt nicht verlieren wollen, lieber Alfons", erklärt sie ihrem Geliebten, doch dem ist seine vermeintliche Karriere mehr wert. Selbst als Elisabeth halb tot vor ihm liegt, zeigt er keine menschlichen Regungen: "Was kann ich denn dafür, dass Du ins Wasser gehst?", weist er alle Schuld von sich.

www.schauspielhaus.de

(Erschienen: 23.11.2009 12:20)

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