Schwäbische.de - Nachrichten aus Ihrer Region

Schwäbische.de
Wolkig 8
Ravensburg

"Er lebte dann wie ein Mensch ohne Haut"

LAUPHEIM - Heute vor 25 Jahren ist der in Laupheim geborene jüdische Lyriker und Essayist Siegfried Einstein gestorben. Der Nazi-Barbarei entronnen, litt er doch zeit-lebens unter der Entwurzelung. Rolf Emmerich erinnert in dem folgenden Beitrag an einen Mann, der erst im Tod wieder Ruhe fand in seiner Heimatstadt.

"In meine Heimat möcht ich nicht zurück, nicht an den Ort aus dem sie mich vertrieben" - so beginnt ein spätes Gedicht von Siegfried Einstein. Es endet jedoch überraschend mit dem Vers "das Stückchen Land, das meine Ahnen so geliebt, es diene mir im Tod zur letzten Ruh". In dieser Ambivalenz, in dem hier sichtbaren Spannungsfeld lebte Siegfried Einstein gegenüber seiner Heimatstadt Laupheim.

Mit neun Jahren schrieb er seine ersten Verse. Mit dreizehn erlebte er die Anfänge der Nazi-Barbarei in Laup-heim. Am 1. April 1933 wurden alle vier Schaufenster am elterlichen Geschäft eingeschlagen. SA-Leute drangen in das Geschäft ein und versuchten mit Gewalt auch in die Wohnung der Familie Einstein zu gelangen.

Die Klasse grölt

Siegfried war geschockt. Tagelang konnte er nicht zur Schule. Kaum war er wieder im Unterricht, wurde er von einem Lehrer rassistisch gemobbt. In einem Interview zum 30. Januar 1983 schildert er den Vorfall: "Der Lehrer sagte, so sähe der Jude aus. Er wolle mit der Kreide meine Schädelform nachfahren; das tat er. Als ich von der Tafel zurücktrat, war ich entsetzt über mein Porträt. Ich hatte da eine riesenlange Nase und ungeheuer große Ohren, während ich in Wirklichkeit eher eine kleine Nase und kleine Ohren besaß. Bis auf einen Freund grölte die ganze Klasse. Der Lehrer sagte hämisch, ich könne nun nach Hause gehen, und ich ging nach Hause."

Acht Monate später wurde Siegfried Einstein in der Pause im Hof der Lateinschule mit Steinwürfen verletzt. Blutüberströmt schleppte er sich weg. "Diesem Steinhagel verdanke ich mein Leben", sagte er später.

Am 26. September 1934 wurde er zu Freunden der Familie in die Schweiz geschickt. Er besuchte das bedeutende Internat auf dem Rosenberg, lernte Englisch, Französisch und Spanisch und machte in den Folgejahren das Handelsdiplom. Als Ausländer bekam er jedoch keine Arbeitserlaubnis. Die Heimatlosigkeit belastete ihn. Das Gedicht "Abendlicher Monolog" spricht davon:

"Der Heimatlose bin ich hier und dort,

in allen Städten und auf allen Gassen.

Da ist soweit ich denken kann, kein Ort,

den nicht der Fremdling, der ich bin, verlassen."

Von Februar 1941 bis Juni 1945 war Siegfried Einstein in neun verschiedenen schweizerischen Internierungs-lagern festgesetzt. Die Bedingungen in diesen Lagern waren hart, meist sehr ungesund. Trotz der schlechten Voraussetzungen schrieb er auch in den Kriegsjahren Gedichte. Sie erschienen, teilweise vermischt mit neuen Texten, 1946 unter dem Titel "Melodien in Dur und Moll". Einstein arbeitete in diesen Jahren als Journalist für verschiedene Schweizer Zeitungen und als Lektor des kleinen Pflug-Verlages.

1947 wurde sein Sohn Daniel geboren. Eines seiner stärksten Gedichte entstand in dieser Zeit:

Schlaflied für Daniel

Wir fahren durch Deutschland, mein Kind

Und es ist Nacht.

Die Scheiben klirren im Wind,

Da sind die Toten erwacht,

die Toten von Auschwitz, mein Sohn.

Du weißt es nicht

und träumst von Sternschnupp und Mohn

und Sonn und Mondgesicht.

Wir fahren durch Deutschland, mein Kind.

Und es ist Nacht.

Die Toten stöhnen im Wind:

Viel Menschen sind umgebracht.

Du darfst nicht schlafen, mein Sohn,

und träumen von seliger Pracht.

Sieh doch! Es leuchtet der Mohn

wie Blut so rot in der Nacht.

Wir fahren durch Deutschland, mein Kind.

Und es ist Nacht.

Die Toten klagen im Wind -

und niemand ist aufgewacht...

In Einsteins Buch "Eichmann - Chefbuchhalter des Todes" heißt es dazu: "Geschrieben für alle Toten, die vergessen sind, weil sie ,nur Juden' waren!"

Dieses Gedicht wurde mehrfach vertont und nachgedruckt. Aber: Der Ausländer mit dem unehelichen Sohn bekam Probleme mit kantonalen Behörden; sein aufbrausendes Temperament hat dabei sicher eine Rolle gespielt. 1953 kehrte Einstein nach Deutschland zurück, nach Lampertheim in Hessen, nahe Mannheim. Nach verschiedenen Novellen erschien 1950 sein bedeutendster Gedichtband, "Das Wolkenschiff".

Im Laupheimer Museum zur Geschichte von Christen und Juden werden alle gedruckten Bücher Einsteins gezeigt. Er bekam verschiedene Auszeichnungen für sein literarisches Werk, darunter die Thomas-Mann-Spende und den Tucholsky-Preis 1961, Letzteren für sein Eichmann-Buch. Einstein nannte dies sein schmerzlichstes Buch. Er rechnete darin mit restaurativen Tendenzen in der Bundesrepublik ab und nannte entsprechende Politiker beim Namen. Eine zweite Auflage kam nicht zustande, weil er sich weigerte, Streichungen vorzunehmen.

Seine Lyrik, seine Literatur insgesamt reichte nicht, um den Lebens-unterhalt zu bestreiten. So schrieb er für verschiedene Zeitungen, voller Entrüstung über Ewiggestrige. Mehrere Jahre war er Autor für die "Andere Zeitung", die sich gegen die Wiederaufrüstung Deutschlands engagierte. Er hielt Lesungen und Vorträge über verfolgte Dichter. Bemerkenswert auch: Zum 100. Todestag Heinrich Heines hielt Siegfried Einstein die Gedenkrede am Grab auf dem Montmartre in Paris. Dem Autor und Menschen Heine fühlte er sich besonders nahe.

"Siegfried, du muscht jetzt gange"

Bei Besuchen in Laupheim hielt es ihn nur kurz. Trotzdem kam er immer wieder. Er besuchte das Grab der Schwester Klärle und befreundete Familien, die in den braunen Jahren sauber geblieben waren. Er ereiferte sich dabei sehr schnell und wurde hitzig. "Siegfried, du muscht jetzt gange, habe ich dann immer gesagt", beschreibt eine Schulkameradin diesen Vorgang. Seine Frau Ilona musste in solchen Momenten auf dem schnellsten Wege das Auto aus Laupheim hinausfahren. "Er lebte dann wie ein Mensch ohne Haut; so empfindlich, so verletzlich", bestätigt sie.

Siegfried Einsteins Herz hatte mehrere Infarkte gerade noch überstanden. Sein Tod kam dennoch plötzlich; am 25. April 1983, auf dem Weg zum Arzt, starb er im Alter von 63 Jahren. Fast 50 Jahre nach ihrem tragischen Ende - sie wurde vom Blitz erschlagen - ließ sich Siegfried Einstein neben seiner Schwester Klärle auf dem jüdischen Friedhof in Laupheim beerdigen.

 
URL: http://www.schwaebische.de/home_artikel,-_arid,2360030.html
Copyright: Schwäbisch Media Digital GmbH & Co. KG / Schwäbischer Verlag GmbH & Co. KG Drexler, Gessler. Jegliche Veröffentlichung, Vervielfältung und nicht-private Nutzung nur mit schriftlicher Genehmigung.
Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an online@schwaebische.de.