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Struwwelpeter schwätzt schwäbisch

MITTELBIBERACH ach Der Lehrer Hugo Brotzer aus Mittelbiberach hat den "Struwwelpeter"„ das weltweit meist verkaufte Kinderbuch des Frankfurter Arztes Heinrich Hoffmann, ins Oberschwäbische übersetzt. "Wie kann der nur...", werden manche kritisieren; andere werden lesend lachen und ihn genießen, den "Strublpetr".

30 Millionen Mal ist der "Struwwel-peter" seit seinem Erscheinen im Jahr 1845 verkauft worden. Der Oberschwabe Hugo Brotzer konnte ihn als Kind auswendig hersagen. Er ist damals zugleich fasziniert und gefangen vom traurigen Schicksal des "Suppenkaspars". Später, während seines Lehrerstudiums in Weingarten, ruft der Vortrag eines Jugendpsychiaters seine schlummernden Empfindungen aus der Kindheit wieder wach. Bald beschäftigt Brotzer sich intensiv mit dem ebenso berühmten wie berüchtigten Buch, er hält Vorträge und Seminare und übersetzt den "Struwwelpeter" für sein Publikum ins Oberschwäbische. Jetzt liegt dieser "Strublpetr" als Buch vor, und zwar mit den Originalbildern, wie Millionen Kinder ihn kennen gelernt haben.

"Dr Friedrich war en beesa Bua, / en Waidag sait ma au drzua. / Der Siach, der reißt em ganza Haus / de Fluiga alle Fliegl raus": So beginnt Brotzers Übersetzung der Geschichte des "Bösen Friedrich". Wer sich in den oberschwäbischen "Strublpetr" einliest, ist versucht zu glauben, es habe nie einen anderen gegeben. Reim, Versmaß und Dialekt entwickeln aus dem Original eine originelle neue Version. Die drastische Sprache scheint wie geschaffen für die teils bekannt tragischen Geschichten. Im "Subbakaschbr" heißt es: "Am nägschda Dag jo, s isch en Graus / do sieht dr Kaschbr firchdig aus. / Ond wiedr fangt r a zom Schreia: Dia Subba kasch en Schittstoe keia!"

Nun hat Hugo Brotzer aber viel mehr geleistet, als ein erfolgreiches Kinderbuch in Mundart zu übertragen. Er beschäftigt sich seit langem mit den psychoanalytischen, entwicklungspsychologischen, pädagogischen und gesellschaftlichen Deutungen dieser zumindest für den heutigen Blick befremdlichen Geschichten. Brotzer sagt, in der Regel seien es die Eltern, die den Struwwelpeter ablehnten, nicht die Kinder. "Ich frage mich manchmal, ob es vielleicht daran liegt, dass die Erwachsenen in diesen Geschichten keine allzu glückliche Rolle spielen." So enden zum Beispiel zwei Geschichten mit dem Tod des Kindes, weil die Eltern nicht einfühlsam handelten, denn sie seien es, und nicht das Kind, die die Zündhölzer liegen lassen, und sie seien es, die ihr Kind verhungern lassen. "Der Suppenkaspar verhungert am gedeckten Tisch", sagt Brotzer. Offensichtlich werde er gezwungen, die Suppe zu essen, und seine eigene Haltung sei nichts als eine Trotzreaktion den Eltern gegenüber.

Hugo Brotzer hält nichts von irgend einer Holzhammer- Pädagogik: Einem Daumen lutschenden Kind sollte man natürlich nicht den "Konrad" vorlesen, sagt er. "So ist es nicht gedacht." Eltern, die den "Strublpetr" vorlesen, sollten sich mit ihm beschäftigt, über ihn nachgedacht haben und mit ihren Kindern darüber reden. Kinder könnten sich in diesen Geschichten jedenfalls mit allen ihren guten und schlech-ten Eigenschaften wiederfinden: "Irgend etwas muss doch dran sein an diesem Buch, das sicht heute noch jährlich 1 000 000 Mal verkauft." }

"Dr Obrschwäbische Strubl-petr" ist im Verlag Naumann, Nidderau erschienen (ISBN 3-61-2). Erhältlich ist das Buch im Buchhandel, bei Hugo Brotzer in Mittelbiberach und in der Rottumtalschule in Ochsenhausen. Der Reinerlös aus dem Verkauf kommt dem Förderverein der Rottumtalschule zugute.}

Hugo Brotzer aus Mittelbiberach hat den "Struwwelpeter" ins Oberschwäbische übersetzt. Der Sonderschullehrer und Diplom-Pädagoge beschäftigt sich seit 30 Jahren mit den Kindergeschichten des Frankfurter Arztes Heinrich Hoffmann, die 1845 erstmals erschienen sind . Foto: Zepp

 
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