Steine sagen: "Der Terror begann hier"
Der Ravensburger Gemeinderat sprach sich einstimmig für das Projekt aus, das von der Jahrgangsstufe 13 des Welfen-Gymnasiums angestoßen worden ist. Gemeinsam mit ihrem Lehrer, Stadtrat Wilfried Krauss (Bürger für Ravensburg), haben zwölf Schülerinnen und Schüler Akten im Stadtarchiv gelesen, die Schicksale der acht jüdischen Familien Adler, Erlanger, Harburger, Heimann, Herrmann, Landauer, Rose und Sondermann studiert und dann die Texte für die "Stolpersteine" verfasst.
Damit ist Ravensburg eine von 127 deutschen Städten, die sich an der Aktion des Kölner Künstlers Gunter Demnig beteiligen. Die zwölf mal zwölf Zentimeter großen Messingsteine tragen den Namen und das Schicksal des Opfers in Kurzform. Beispiel: "Hier wohnte Jakob Harburger, *1897, 1938 deportiert ins KZ Dachau, 1942 ermordet im KZ Auschwitz." Sie werden so im Boden verlegt, dass sie gut sichtbar sind und die Betrachter geistig (nicht körperlich) darüber stolpern. Eine bessere Rechtsschutzversicherung bräuchten die heutigen Besitzer der Häuser nicht abzuschließen, betonte Stadtarchivar Dr. Andreas Schmauder in der Sitzung des Gemeinderates.
Das Echo ist geteilt
Das Echo auf die Aktion sei bei den heutigen Hausbesitzern geteilt. Ein Drittel sei begeistert und wolle selbst die 95 Euro teure Patenschaft für die Herstellung des Steins übernehmen, ein weiteres Drittel sei zumindest nicht dagegen, und ein drittes Drittel habe sich noch etwas Bedenkzeit ausgebeten, um sich mit dem Gedanken anzufreunden. Die Gedenktafel in der Grüner-Turm-Straße erinnere übrigens nicht an die Nazi-Opfer, sondern an ein Pogrom in den 1430er-Jahren, sagte Schmauder. Nach einem Ritualmord an einem christlichen Jungen seien damals alle Ravensburger Juden vertrieben oder ermordet worden, ihre Synagoge in der Grüner-Turm-Straße, der damaligen "Judengasse", zerstört. Es sollte fast vier Jahrhunderte dauern, bis sich 1802 wieder jüdische Kaufleute in der Stadt ansiedelten.
Als Hitler die Macht übernahm, lebten acht jüdische Familien in der Türmestadt. 28 Männer, Frauen und Kinder. Die Familie Sondermann etwa führte ein Schuhhaus an der Kirchstraße (heute Keckeisen), die Familie Landauer ein Kaufhaus am Marienplatz (heute Zentralapotheke), die Familie Erlanger den Burachhof, ein landwirtschaftliches Mustergut. Nach 1933 wurden sie diskriminiert, verfolgt, ihres Eigentums beraubt. Wer nicht rechtzeitig emigrierte oder untertauchte, wurde ins KZ deportiert, fünf wurden umgebracht.
Alle Fraktionen im Gemeinderat sprachen sich für das Projekt aus. Dessen Initiator, Wilfried Krauss, sagte mit wenigen Worten sehr viel. "Es gibt hierzulande eine offizielle Gedenkkultur, eine organisierte «Trauerarbeit", die einerseits «entlastet" und andererseits echte Erinnerung oft nachhaltig verhindert. So verschwinden Menschen hinter Analysen, Theorien, Statistiken, erscheinen nur noch als anonyme Objekte der Verfolgung, als passive Opfer. Mit den Stolpersteinen in Ravensburg holen wir die vertriebenen und ermordeten jüdischen Mitbürger aus der Anonymität zurück, sie werden wieder Individuen, ihre schon fast vergessenen Namen kehren in das kollektive Gedächtnis der Stadt und ihrer Bewohner zurück. Der Terror, sagen die Stolpersteine, begann hier, in dieser Straße, in diesem Haus."
Pinchas Erlanger, der mit seiner Familie 1939 zwangsweise ausgewandert ist und heute in Israel lebt, will zur Verlegung des ersten Stolpersteines am 13. September nach Ravensburg kommen.
(Erschienen: 06.07.2006 00:15)
Der Ravensburger Gemeinderat sprach sich einstimmig für das Projekt aus, das von der Jahrgangsstufe 13 des Welfen-Gymnasiums angestoßen worden ist. Gemeinsam mit ihrem Lehrer, Stadtrat Wilfried Krauss (Bürger für Ravensburg), haben zwölf Schülerinnen und Schüler Akten im Stadtarchiv gelesen, die Schicksale der acht jüdischen Familien Adler, Erlanger, Harburger, Heimann, Herrmann, Landauer, Rose und Sondermann studiert und dann die Texte für die "Stolpersteine" verfasst.
Damit ist Ravensburg eine von 127 deutschen Städten, die sich an der Aktion des Kölner Künstlers Gunter Demnig beteiligen. Die zwölf mal zwölf Zentimeter großen Messingsteine tragen den Namen und das Schicksal des Opfers in Kurzform. Beispiel: "Hier wohnte Jakob Harburger, *1897, 1938 deportiert ins KZ Dachau, 1942 ermordet im KZ Auschwitz." Sie werden so im Boden verlegt, dass sie gut sichtbar sind und die Betrachter geistig (nicht körperlich) darüber stolpern. Eine bessere Rechtsschutzversicherung bräuchten die heutigen Besitzer der Häuser nicht abzuschließen, betonte Stadtarchivar Dr. Andreas Schmauder in der Sitzung des Gemeinderates.
Das Echo ist geteilt
Das Echo auf die Aktion sei bei den heutigen Hausbesitzern geteilt. Ein Drittel sei begeistert und wolle selbst die 95 Euro teure Patenschaft für die Herstellung des Steins übernehmen, ein weiteres Drittel sei zumindest nicht dagegen, und ein drittes Drittel habe sich noch etwas Bedenkzeit ausgebeten, um sich mit dem Gedanken anzufreunden. Die Gedenktafel in der Grüner-Turm-Straße erinnere übrigens nicht an die Nazi-Opfer, sondern an ein Pogrom in den 1430er-Jahren, sagte Schmauder. Nach einem Ritualmord an einem christlichen Jungen seien damals alle Ravensburger Juden vertrieben oder ermordet worden, ihre Synagoge in der Grüner-Turm-Straße, der damaligen "Judengasse", zerstört. Es sollte fast vier Jahrhunderte dauern, bis sich 1802 wieder jüdische Kaufleute in der Stadt ansiedelten.
Als Hitler die Macht übernahm, lebten acht jüdische Familien in der Türmestadt. 28 Männer, Frauen und Kinder. Die Familie Sondermann etwa führte ein Schuhhaus an der Kirchstraße (heute Keckeisen), die Familie Landauer ein Kaufhaus am Marienplatz (heute Zentralapotheke), die Familie Erlanger den Burachhof, ein landwirtschaftliches Mustergut. Nach 1933 wurden sie diskriminiert, verfolgt, ihres Eigentums beraubt. Wer nicht rechtzeitig emigrierte oder untertauchte, wurde ins KZ deportiert, fünf wurden umgebracht.
Alle Fraktionen im Gemeinderat sprachen sich für das Projekt aus. Dessen Initiator, Wilfried Krauss, sagte mit wenigen Worten sehr viel. "Es gibt hierzulande eine offizielle Gedenkkultur, eine organisierte «Trauerarbeit", die einerseits «entlastet" und andererseits echte Erinnerung oft nachhaltig verhindert. So verschwinden Menschen hinter Analysen, Theorien, Statistiken, erscheinen nur noch als anonyme Objekte der Verfolgung, als passive Opfer. Mit den Stolpersteinen in Ravensburg holen wir die vertriebenen und ermordeten jüdischen Mitbürger aus der Anonymität zurück, sie werden wieder Individuen, ihre schon fast vergessenen Namen kehren in das kollektive Gedächtnis der Stadt und ihrer Bewohner zurück. Der Terror, sagen die Stolpersteine, begann hier, in dieser Straße, in diesem Haus."
Pinchas Erlanger, der mit seiner Familie 1939 zwangsweise ausgewandert ist und heute in Israel lebt, will zur Verlegung des ersten Stolpersteines am 13. September nach Ravensburg kommen.
(Erschienen: 06.07.2006 00:15)
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