Reisende frieren Stunden im eiskalten Zug
Von unserem Redakteur Ludger Möllers
Das Chaos nimmt seinen Lauf, als es in der Nacht von Sonntag auf Montag stark schneit. Seit Jahren hat es in der Region im April zwar immer wieder Schnee gegeben, doch selten so reichlich. Und der Schnee ist feucht. Morgens, zwischen 7 und 9 Uhr, halten viele Bäume dem Gewicht nicht mehr stand und knicken um. Manche fallen auf Straßen, manche auf die Schienen der Bahnstrecken im Landkreis Tuttlingen und im Schwarzwald-Baar-Kreis. Nacheinander sind die Höllentalbahn bei Döggingen, die Schwarzwaldbahn bei Immendingen und St. Georgen, die Donautalstrecke zwischen Sigmaringen und Mengen sowie zwischen Tuttlingen und Fridingen, die Gäubahn bei Wurmlingen und die Linie von Rottweil nach Villingen gesperrt. Hunderte von Bahnfahrern können ihre Reise nur mit Taxen oder Bussen fortsetzen.
Am heftigsten trifft es 60 Reisende, die im InterregioExpress 4740 von Konstanz nach Karlsruhe sitzen. Ihr Zug bremst um 8.42 Uhr auf offener Strecke kurz vor Immendingen: Ein Baum war auf die Oberleitung gefallen, hatte einen Kurzschluss ausgelöst. Nichts geht mehr. Heizung und Licht fallen aus. Der Lokführer setzt einen Notruf ab, so dass alle anderen Züge in der Region ebenfalls stoppen. Doch dann passiert stundenlang nichts. Gar nichts. Denn die Transportleitung in Karlsruhe beachtet den Notruf des Lokführers nicht weiter. Bei Temperaturen um drei Grad kühlt der Zug schnell aus.
Ägypten-Trip in Gefahr
In den Wagen macht sich Nervosität breit. Eine Reisende muss nach Frankfurt, um von dort aus gegen 15 Uhr nach Ägypten zu fliegen. Eine Gruppe spanischer Studenten auf dem Weg in den Osterurlaub fürchtet um den Anschluss in Karlsruhe. Auch die Berufspendler werden unruhig. Doch selbst die Zugbegleiter können nicht sagen, wie es weitergeht.
Um 10.22 Uhr, 100 Minuten nach dem Unfall, fällt den Verantwortlichen in Karlsruhe endlich auf, dass sich in Immendingen nichts bewegt. "Wir waren aber auch optimistisch, den Zug schneller wieder flott zu bekommen", begründet ein Bahnsprecher das Versäumnis. Dass die Bahn überfordert ist, sagt er nicht.
Ein Anruf bei der Rettungsleitstelle in Tuttlingen setzt die Immendinger Feuerwehr und das Rote Kreuz in Marsch. Schnell erkennen der Immendinger Kommandant Andreas Heizmann und Rettungsdienstleiter Marc Zisterer, dass die Reisenden in dem unwegsamen Gelände zwar nicht aus dem Zug geholt werden können, aber in den Wagons versorgt werden müssen. Die Schnell-Einsatz-Gruppe bringt wärmende Decken und Heißgetränke. Die Bahnfahrer sind dankbar für diese Hilfe, während die Bahn sich mit Informationen weiter zurückhält. "Alles ist wirr und chaotisch", schimpft Waldemar Karle aus Kissleg im Allgäu. Er wolle zwar nur nach Offenburg: "Aber so etwas habe ich in all den Jahren noch nie erlebt."
Hinter vorgehaltener Hand ist selbst von Bahnbediensteten zu erfahren, dass sich jetzt der rigorose Sparkurs des Unternehmens räche: Eine Ersatzlok, die den manövrierunfähigen Zug abschleppen könnte, muss erst aufgetrieben werden. Früher stand ständig eine Maschine in Singen bereit. Oder die Transportleitung: Heute wird der gesamte Verkehr auf der Schwarzwaldbahn von Karlsruhe aus gesteuert, vor Ort gibt es keine kompetenten Entscheidungsträger mehr. Früher war Immendingen ein großer Bahnknotenpunkt mit eigenen, handlungsfähigen Strukturen, wo heute nur ein Fahrkartenautomat steht.
So bleibt die Strecke stundenlang und viel länger als notwendig gesperrt, weil niemand das Kommando übernimmt. Die Paradezüge der Bahn, InterCity und ICE, bleiben mit hunderten Passagieren in Engen und Tuttlingen hängen, bis gegen 11 Uhr zwei Dieselloks an der Unfallstelle auftauchen und den Unglückszug abschleppen. Eine knappe Stunde später läuft IRE 4704 in Immendingen ein. Doch für die Reisenden fängt das Chaos erst richtig an.
Keine Ersatzbusse
Denn weder stehen Ersatzbusse bereit noch hat die Bahn Taxen bestellt. Einzig Teamleiter Manfred Oberg behält den Überblick und verteilt die Reisenden auf Ringzug-Triebwagen. Doch es hilft nichts: Die Ägypten-Urlauberin ruft ihre Gruppe an und teilt mit tränenerstickter Stimme mit, dass sie nicht rechtzeitig in Frankfurt sein werde. Die Spanier bleiben cool und entscheiden sich für den Trip über Singen und Basel nach Karlsruhe.
Um 12.30 Uhr, als der vor vier Stunden plötzlich gestoppte Unfallzug und alle Reisenden Immendingen verlassen haben, taucht ein Ersatzbus auf: "Fahr' nach Donaueschingen, dort sind noch gestrandete Reisende", lautet der überflüssige Tipp an den FahrerÉ
(Erschienen: 11.04.2006 00:16)
Von unserem Redakteur Ludger Möllers
Das Chaos nimmt seinen Lauf, als es in der Nacht von Sonntag auf Montag stark schneit. Seit Jahren hat es in der Region im April zwar immer wieder Schnee gegeben, doch selten so reichlich. Und der Schnee ist feucht. Morgens, zwischen 7 und 9 Uhr, halten viele Bäume dem Gewicht nicht mehr stand und knicken um. Manche fallen auf Straßen, manche auf die Schienen der Bahnstrecken im Landkreis Tuttlingen und im Schwarzwald-Baar-Kreis. Nacheinander sind die Höllentalbahn bei Döggingen, die Schwarzwaldbahn bei Immendingen und St. Georgen, die Donautalstrecke zwischen Sigmaringen und Mengen sowie zwischen Tuttlingen und Fridingen, die Gäubahn bei Wurmlingen und die Linie von Rottweil nach Villingen gesperrt. Hunderte von Bahnfahrern können ihre Reise nur mit Taxen oder Bussen fortsetzen.
Am heftigsten trifft es 60 Reisende, die im InterregioExpress 4740 von Konstanz nach Karlsruhe sitzen. Ihr Zug bremst um 8.42 Uhr auf offener Strecke kurz vor Immendingen: Ein Baum war auf die Oberleitung gefallen, hatte einen Kurzschluss ausgelöst. Nichts geht mehr. Heizung und Licht fallen aus. Der Lokführer setzt einen Notruf ab, so dass alle anderen Züge in der Region ebenfalls stoppen. Doch dann passiert stundenlang nichts. Gar nichts. Denn die Transportleitung in Karlsruhe beachtet den Notruf des Lokführers nicht weiter. Bei Temperaturen um drei Grad kühlt der Zug schnell aus.
Ägypten-Trip in Gefahr
In den Wagen macht sich Nervosität breit. Eine Reisende muss nach Frankfurt, um von dort aus gegen 15 Uhr nach Ägypten zu fliegen. Eine Gruppe spanischer Studenten auf dem Weg in den Osterurlaub fürchtet um den Anschluss in Karlsruhe. Auch die Berufspendler werden unruhig. Doch selbst die Zugbegleiter können nicht sagen, wie es weitergeht.
Um 10.22 Uhr, 100 Minuten nach dem Unfall, fällt den Verantwortlichen in Karlsruhe endlich auf, dass sich in Immendingen nichts bewegt. "Wir waren aber auch optimistisch, den Zug schneller wieder flott zu bekommen", begründet ein Bahnsprecher das Versäumnis. Dass die Bahn überfordert ist, sagt er nicht.
Ein Anruf bei der Rettungsleitstelle in Tuttlingen setzt die Immendinger Feuerwehr und das Rote Kreuz in Marsch. Schnell erkennen der Immendinger Kommandant Andreas Heizmann und Rettungsdienstleiter Marc Zisterer, dass die Reisenden in dem unwegsamen Gelände zwar nicht aus dem Zug geholt werden können, aber in den Wagons versorgt werden müssen. Die Schnell-Einsatz-Gruppe bringt wärmende Decken und Heißgetränke. Die Bahnfahrer sind dankbar für diese Hilfe, während die Bahn sich mit Informationen weiter zurückhält. "Alles ist wirr und chaotisch", schimpft Waldemar Karle aus Kissleg im Allgäu. Er wolle zwar nur nach Offenburg: "Aber so etwas habe ich in all den Jahren noch nie erlebt."
Hinter vorgehaltener Hand ist selbst von Bahnbediensteten zu erfahren, dass sich jetzt der rigorose Sparkurs des Unternehmens räche: Eine Ersatzlok, die den manövrierunfähigen Zug abschleppen könnte, muss erst aufgetrieben werden. Früher stand ständig eine Maschine in Singen bereit. Oder die Transportleitung: Heute wird der gesamte Verkehr auf der Schwarzwaldbahn von Karlsruhe aus gesteuert, vor Ort gibt es keine kompetenten Entscheidungsträger mehr. Früher war Immendingen ein großer Bahnknotenpunkt mit eigenen, handlungsfähigen Strukturen, wo heute nur ein Fahrkartenautomat steht.
So bleibt die Strecke stundenlang und viel länger als notwendig gesperrt, weil niemand das Kommando übernimmt. Die Paradezüge der Bahn, InterCity und ICE, bleiben mit hunderten Passagieren in Engen und Tuttlingen hängen, bis gegen 11 Uhr zwei Dieselloks an der Unfallstelle auftauchen und den Unglückszug abschleppen. Eine knappe Stunde später läuft IRE 4704 in Immendingen ein. Doch für die Reisenden fängt das Chaos erst richtig an.
Keine Ersatzbusse
Denn weder stehen Ersatzbusse bereit noch hat die Bahn Taxen bestellt. Einzig Teamleiter Manfred Oberg behält den Überblick und verteilt die Reisenden auf Ringzug-Triebwagen. Doch es hilft nichts: Die Ägypten-Urlauberin ruft ihre Gruppe an und teilt mit tränenerstickter Stimme mit, dass sie nicht rechtzeitig in Frankfurt sein werde. Die Spanier bleiben cool und entscheiden sich für den Trip über Singen und Basel nach Karlsruhe.
Um 12.30 Uhr, als der vor vier Stunden plötzlich gestoppte Unfallzug und alle Reisenden Immendingen verlassen haben, taucht ein Ersatzbus auf: "Fahr' nach Donaueschingen, dort sind noch gestrandete Reisende", lautet der überflüssige Tipp an den FahrerÉ
(Erschienen: 11.04.2006 00:16)
Häufig besucht
Jetzt Bild hochladen...

Fasnet

Und es geht schon wieder los!
Der Süden sucht das Super-Tier

Jetzt Bild hochladen...
Die letzten Leserkommentare
(entschieden - Heute um 05:21 Uhr)

























































