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Nach 22 Jahren schafft er den Ausstieg

BIBERACH - Ludwig B. ist 13 Jahre alt gewesen, als er zum Alkoholiker wurde. Wie es genau dazu gekommen ist, kann er nicht mehr sagen.

Bier ist für Ludwig B. (Name von der Redaktion geändert) nach dem ersten Schluck schnell ein Genussmittel geworden. Dann dauerte es nicht lange, und er konnte sich ein Leben ohne Alkohol nicht mehr vorstellen. "Wie das Biertrinken zur Sucht geworden ist, kann ich heute nicht mehr nachvollziehen", sagt er. Immer wieder spricht er von Kontrollverlust: "Man weiß nicht mehr, was man tut und trinkt weiter."

Seine Eltern haben das mit der Sucht nicht mitbekommen, meint Ludwig B., oder "zumindest haben sie es nicht gesehen, wenn ich getrunken habe". Denn wer in der Sucht lebt, lebt nur mit Heimlichkeiten und Verstecken und Lügen, sagt er. Schließlich wollte B. nicht, dass andere aus seinem Umfeld von seinem Trinken erfahren. Und die Freunde? "Die hat man sich zurecht gesucht, und die haben auch alle getrunken." Doch während der Arbeit war für den Maschinisten das Trinken tabu, weil er wusste, wenn er die Flasche ansetzt, kann er nicht aufhören. Und eine Flasche folgt auf die nächste.

Seine Frau hat er während seiner Alkoholsucht kennengelernt. An Fasnet. "Klar, sie wusste schon, dass ich gerne trinke, aber dass ich in einem solchen großen Ausmaß trinke, wusste sie sicherlich nicht."

Das konnte Ludwig B. verheimlichen. Er ging immer "einkehren", wie er es nennt, und trank Bier, die ganze Nacht. Spät nachts kam er dann betrunken nach Hause. Stolperte die Treppe nach oben. Weckte die Kinder auf. Ein Familienleben hatte B. nie, obwohl er eine Familie hatte, sagt er. Tagsüber war er arbeiten, zu Hause war er nur noch, um seine Arbeitstasche abzustellen. Dann ging es schnurstracks in die nächste Kneipe.

Es gab immer was zu streiten

"Dadurch gab es immer mehr Spannungen in der Familie", erzählt er. Seine Frau und seine Kinder waren unzufrieden. Ob er geschlagen hat? "Zu Hause nie, aber wenn ich mal wieder einkehren war, gab"s schon mal Händeleien. Da gab"s immer ein Thema zum Streiten. Umso mehr Bier man getrunken hat, umso mehr hatte jeder Recht." Je länger der Abend wurde, desto eher wurde geschlagen. Seinen Führerschein durfte er erst mit 24 Jahren machen, weil er schon unter 18 schwarz gefahren ist. Und erwischte ihn die Polizei, war er betrunken. Durch die MPU (Medizisch-Psychologische Untersuchung oder auch als Idiotentest geläufig) hat er sich durchgeschmuggelt. "Man hat einfach gelogen und sich geschickt angestellt." Das Hauptziel war immer der Führerschein, so konnte er wieder mit dem Auto ins Gasthaus fahren.

Gemerkt hat er seine Alkoholsucht erst in der Familie. Als er die Treppe nicht mehr hochgegangen, sondern gestolpert ist. "Dann wusste ich, dass sich was ändern muss. Es war einfach kein Miteinander in der Familie mehr." B. wollte weg vom Alkohol und seine Familie hat ihn dabei unterstützt. "Mein Schwager hat mir den Tipp mit einer Beratungsstelle gegeben, und dann habe ich mal in der Zeitung geschaut. So bin ich zum Blauen Kreuz gekommen." Der Schritt zum Blauen Kreuz war für den Alkoholiker nicht leicht. "Drei Wochen habe ich den Telefonhörer in der Hand gehabt und immer wieder angerufen - und wieder aufgelegt", sagt der 41-Jährige. Warum dieser Schritt für ihn so schwierig war, liegt daran, sagt er, dass man sich die Sucht mit dem ersten Schritt eingesteht, denn der bedeutet: "Helft mir, ich bin alkoholsüchtig."

Die Leute brauchen Vertrauen

Bei seinem ersten Telefonat mit Ingrid Müller, der ersten Vorsitzenden des Ortsvereins Biberach, hat er dann ein Einzelgespräch geführt. "Wir versuchen mit den ersten Gesprächen, einen Überblick in den einzelnen Fall zu bekommen. Weil da sieht jeder anders aus." Die Leute müssten erst einmal Vertrauen haben, bevor sie in die Gruppen kommen, so Müller, die früher selbst getrunken hat. Dann kam Ludwig B. in die Infogruppe, wo es allgemeine Informationen zur Alkoholsucht gab.

In den wöchentlichen Gruppenstunden traf B. Menschen, die die selben Probleme haben. "Das ist wichtig, dass man seine Erfahrungen austauschen kann." Die Gruppen sind immer gemischt, das heißt, es gibt Leute, die schon nah an der Abstinenz sind, und Leute, die erst frisch dazu gekommen sind. "So kann man von den anderen lernen", sagt Ingrid Müller. "Beim Blauen Kreuz ist zufriedene Abstinenz das Ziel, und dazu braucht es den christlichen Glauben, worum es in unseren Gruppen auch geht." Wichtig ist, dass alles, was in der Gruppe besprochen wird, nicht nach außen getragen wird.

Seit sechs Jahren ist Ludwig B. trocken und hilft im Blauen Kreuz als Suchthelfer, Alkoholsüchtigen einen Ausweg aus der Sucht zu finden. "Sie können aus meinen Erfahrungen nur lernen", sagt Ludwig B. und ist ein wenig stolz, auf das, was er geschafft hat.

(Erschienen: 15.04.2009 00:06)

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