Mit ihren Gedichten erfreut sie viele Fans
Zum 88. Geburtstag haben ihr Freunde eine gedruckte Sammlung ihrer Gedichte und Lieder verehrt. Welch große Fan-Gemeinde die in Bechlingen bei Tettnang geborene Tochter eines Zollbeamten hat, wurde bei der vom Bürgerbüro Ravensburg veranstalteten Geburtstags-Lesung im Mehrgenerationenhaus in der Herrenstraße deutlich, wo ständig zusätzliche Stühle herbeigeschleppt werden mussten. Das kommt nicht von ungefähr.
Sie war 60, als sie sich auf Drängen der Familie zwar aus dem Arbeitsleben zurückgezogen, die Hände aber nicht in den Schoß gelegt hat. Ehrenamtlich engagierte sich Gertrud Reissenegger in der Nachbarschaftshilfe, betreute sie für das Katholische Blindenwerk sieben Jahre lang eine Ravensburger Blindengruppe, wurde die "Apfelfrau" zur Helferin im Altenheim St. Meinrad. Ihre Spanisch-Sprachkenntnisse bringt sie bei einem regelmäßigen "Konversations"-Treff im Bürgerbüro ein. Und einmal im Monat heißt es bei einem Stammtisch im Gasthaus Engel: "Mir schwätzet schwäbisch."
"Ich erfreue mich am Leben"
"Ich erfreue mich auch heute noch am Leben und bin dankbar für die Gaben, die Gott mir gegeben hat", zieht die Mutter von vier Kindern und dreifache Oma in ihrer geräumigen Wohnung droben in der Weststadt zufrieden Bilanz. Dort lebt sie allein, aber nicht einsam. Nur kurz hat sie einmal erwogen, in ein Seniorenstift umzuziehen, den Gedanken aber rasch wieder verworfen. Dass sie mit ihren bald 90 Jahren ihr schönes Zuhause mit herrlichem Blick auf das Alpenpanorama nicht mehr ganz so schwäbisch-pikobello auf Vordermann bringen kann, nimmt sie dabei gelassen in Kauf. Und beim vielen Treppensteigen kommt ihr zugute, dass sie zwar menschlich als Schwergewicht einzuordnen ist, körperlich jedoch eher als Leichtgewicht.
Vielleicht hat es mit der Lage ihres Bechlinger Elternhauses direkt an der Bahnlinie zu tun, dass das temperamentvolle und lebenslustige "Lausmädle", sechstes von acht Kindern der Familie Günthör, zu einer weltoffenen und wagemutigen Frau heranwuchs. Schulzeit im "Klösterle", Ausbildung zur Säuglingsschwester im Kinderkrankenhaus St. Nikolaus und zur Diätassistentin in Würzburg. Im Herbst 1944 wurde die junge Frau von der Wehrmacht als Helferin in einem Prager Luftwaffen-Lazarett dienstverpflichtet. Nach Kriegsende gelang ihr die Flucht Richtung Westen, wurde aber von amerikanischen Soldaten aufgegriffen und in Pilsen festgesetzt.
In Chile beginnt ein neues Leben
Aber nach zehn Tagen schon ging es mit einem Transport ab nach Bayern und damit zurück in die Freiheit. Die junge Heimkehrerin fand auch alsbald Arbeit - als Bürokraft beim Landesarbeitsamt in Tübingen. Und dort reifte der Plan, in Chile ein neues Leben zu beginnen. Mit der Ausreisebewilligung und einer Zusage ihres künftigen Arbeitgebers in der Tasche reiste sie 1949 nach Übersee. In dem an der Pazifikküste gelegenen Hotel "El Tabo", fand die Migrantin aus Deutschland Arbeit und herzliche Aufnahme.
Nach vier Jahren Chile begegnet "Tante Gertrud" einem Deutsch-Chilenen namens Reissenegger. Man verliebt sich, heiratet. Vier Kinder kommen. Aber das Glück währt nicht ewig. "Chile ist ein wunderschönes Land. Es lag nicht an Chile, dass ich wieder nach Deutschland zurückgekehrt bin", deutet die tapfere Frau das Scheitern ihrer Ehe an.
Man schreibt das Jahr 1964, und mit den Kindern wagt das inzwischen 43-jährige "Lausmädle" aus Bechlingen wieder einmal einen Neubeginn, diesmal in der alten Heimat, in Oberschwaben, Ravensburg. Hier lebt die Mama, aber die Tochter hält es nicht lange. Schon eine Woche nach der Ankunft tritt sie ihren Dienst als Leiterin eines Erholungsheimes für Familien und Senioren in Schönwald im Schwarzwald an.
Immer wieder organisiert sie dort bunte Abende, trägt dazu ihre selbstgestrickten Gedichte und Lieder vor. Zur letzten Station im abwechslungsreichen Berufsleben wurde das renommierte Schwarzwald-Internat in Triberg, wo Gertrud Reissenegger als Hauswirtschaftsleiterin tätig war. Und über all die Jahre hinweg hatte sie ja noch die Pflichten und Lasten einer alleinerziehenden Mutter zu schultern.
Von den einst acht Kindern des Zollbeamten Günthör aus Bechlingen indessen leben heute noch vier. Einer von ihnen ist Benediktinerpater Anselm Günthör (98), der seinen Lebensabend im Kloster Weingarten verbringt. Dass der angesehene Moraltheologe, renommierte Prediger und Buchautor die Dichtkunst seiner zehn Jahre jüngeren "kleinen" Schwester ausdrücklich gelobt hat, ist für Gertrud Reissenegger natürlich ein ganz besonderer Ansporn, ihrem Werk noch viele weitere Lieder und Gedichte folgen zu lassen.
(Erschienen: 03.06.2009 06:08)
Zum 88. Geburtstag haben ihr Freunde eine gedruckte Sammlung ihrer Gedichte und Lieder verehrt. Welch große Fan-Gemeinde die in Bechlingen bei Tettnang geborene Tochter eines Zollbeamten hat, wurde bei der vom Bürgerbüro Ravensburg veranstalteten Geburtstags-Lesung im Mehrgenerationenhaus in der Herrenstraße deutlich, wo ständig zusätzliche Stühle herbeigeschleppt werden mussten. Das kommt nicht von ungefähr.
Sie war 60, als sie sich auf Drängen der Familie zwar aus dem Arbeitsleben zurückgezogen, die Hände aber nicht in den Schoß gelegt hat. Ehrenamtlich engagierte sich Gertrud Reissenegger in der Nachbarschaftshilfe, betreute sie für das Katholische Blindenwerk sieben Jahre lang eine Ravensburger Blindengruppe, wurde die "Apfelfrau" zur Helferin im Altenheim St. Meinrad. Ihre Spanisch-Sprachkenntnisse bringt sie bei einem regelmäßigen "Konversations"-Treff im Bürgerbüro ein. Und einmal im Monat heißt es bei einem Stammtisch im Gasthaus Engel: "Mir schwätzet schwäbisch."
"Ich erfreue mich am Leben"
"Ich erfreue mich auch heute noch am Leben und bin dankbar für die Gaben, die Gott mir gegeben hat", zieht die Mutter von vier Kindern und dreifache Oma in ihrer geräumigen Wohnung droben in der Weststadt zufrieden Bilanz. Dort lebt sie allein, aber nicht einsam. Nur kurz hat sie einmal erwogen, in ein Seniorenstift umzuziehen, den Gedanken aber rasch wieder verworfen. Dass sie mit ihren bald 90 Jahren ihr schönes Zuhause mit herrlichem Blick auf das Alpenpanorama nicht mehr ganz so schwäbisch-pikobello auf Vordermann bringen kann, nimmt sie dabei gelassen in Kauf. Und beim vielen Treppensteigen kommt ihr zugute, dass sie zwar menschlich als Schwergewicht einzuordnen ist, körperlich jedoch eher als Leichtgewicht.
Vielleicht hat es mit der Lage ihres Bechlinger Elternhauses direkt an der Bahnlinie zu tun, dass das temperamentvolle und lebenslustige "Lausmädle", sechstes von acht Kindern der Familie Günthör, zu einer weltoffenen und wagemutigen Frau heranwuchs. Schulzeit im "Klösterle", Ausbildung zur Säuglingsschwester im Kinderkrankenhaus St. Nikolaus und zur Diätassistentin in Würzburg. Im Herbst 1944 wurde die junge Frau von der Wehrmacht als Helferin in einem Prager Luftwaffen-Lazarett dienstverpflichtet. Nach Kriegsende gelang ihr die Flucht Richtung Westen, wurde aber von amerikanischen Soldaten aufgegriffen und in Pilsen festgesetzt.
In Chile beginnt ein neues Leben
Aber nach zehn Tagen schon ging es mit einem Transport ab nach Bayern und damit zurück in die Freiheit. Die junge Heimkehrerin fand auch alsbald Arbeit - als Bürokraft beim Landesarbeitsamt in Tübingen. Und dort reifte der Plan, in Chile ein neues Leben zu beginnen. Mit der Ausreisebewilligung und einer Zusage ihres künftigen Arbeitgebers in der Tasche reiste sie 1949 nach Übersee. In dem an der Pazifikküste gelegenen Hotel "El Tabo", fand die Migrantin aus Deutschland Arbeit und herzliche Aufnahme.
Nach vier Jahren Chile begegnet "Tante Gertrud" einem Deutsch-Chilenen namens Reissenegger. Man verliebt sich, heiratet. Vier Kinder kommen. Aber das Glück währt nicht ewig. "Chile ist ein wunderschönes Land. Es lag nicht an Chile, dass ich wieder nach Deutschland zurückgekehrt bin", deutet die tapfere Frau das Scheitern ihrer Ehe an.
Man schreibt das Jahr 1964, und mit den Kindern wagt das inzwischen 43-jährige "Lausmädle" aus Bechlingen wieder einmal einen Neubeginn, diesmal in der alten Heimat, in Oberschwaben, Ravensburg. Hier lebt die Mama, aber die Tochter hält es nicht lange. Schon eine Woche nach der Ankunft tritt sie ihren Dienst als Leiterin eines Erholungsheimes für Familien und Senioren in Schönwald im Schwarzwald an.
Immer wieder organisiert sie dort bunte Abende, trägt dazu ihre selbstgestrickten Gedichte und Lieder vor. Zur letzten Station im abwechslungsreichen Berufsleben wurde das renommierte Schwarzwald-Internat in Triberg, wo Gertrud Reissenegger als Hauswirtschaftsleiterin tätig war. Und über all die Jahre hinweg hatte sie ja noch die Pflichten und Lasten einer alleinerziehenden Mutter zu schultern.
Von den einst acht Kindern des Zollbeamten Günthör aus Bechlingen indessen leben heute noch vier. Einer von ihnen ist Benediktinerpater Anselm Günthör (98), der seinen Lebensabend im Kloster Weingarten verbringt. Dass der angesehene Moraltheologe, renommierte Prediger und Buchautor die Dichtkunst seiner zehn Jahre jüngeren "kleinen" Schwester ausdrücklich gelobt hat, ist für Gertrud Reissenegger natürlich ein ganz besonderer Ansporn, ihrem Werk noch viele weitere Lieder und Gedichte folgen zu lassen.
(Erschienen: 03.06.2009 06:08)





























































