"Meer Lärer": 1500 Studis protestieren
Die Revolution trägt Gelb und überflutet die Innenstadt von Weingarten. In grelle T-Shirts gekleidet, mit Trillerpfeifen, Megafonen und Transparenten ("Meer Lärer") ausgestattet, ziehen die Demonstranten am späten Mittag von den Hochschulgebäuden an der Basilika ins Stadtzentrum. "Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut", schallt es durch die Straßen. Den wenigen Passanten bisweilen zu laut, die den Einfall ihrer jungen Mitbürger sichtlich erstaunt verfolgen.
Mit 200 Teilnehmern hatten die Veranstalter, die Arbeitsgruppe Bildungsstreik Weingarten, im Vorfeld gerechnet, nun sind es nach Angaben der Polizei etwa achtmal so viele.
Darunter Steven Wottrich (30), der seiner neun Monate alten Tochter Maja einen Aufkleber auf den Strampelanzug gesteckt hat mit der Botschaft: "Selbstbestimmtes Lernen". "Natürlich gehe ich auch auf die Straße, damit es meine Tochter später einmal besser hat als ich", sagt der Student. Wottrich zahlt nach eigenen Angaben alleine an Gebühren insgesamt rund 600 Euro pro Semester. Da die Regelstudienzeit mit sechs Semestern sehr eng bemessen sei, bekommt er kein Bafög, muss also neben dem Studium im Baumarkt "OBI" arbeiten, um Familie und Karriereplanung am Leben zu halten. Was Wottrich besonders ärgert: Trotz Studiengebühren muss er die Seminarunterlagen selber bezahlen - wozu dann Studiengebühren? Wottrich fordert: "Weg mit den Studiengebühren."
Eine andere Forderung der Studenten artikulieren die Redner bei der Kundgebung auf dem Löwenplatz: "Bildung darf nicht zur Ware werden. Wir wollen uns als Menschen frei entfalten", tönt es unter Beifall aus den Lautsprechern. Sprich die Fächerkombinationen selber wählen, das Studium flexibel gestalten. Steven Wott- rich nickt: "Ich studiere Technik, Chemie und Mathe. Mathe muss ich studieren - obwohl mir Naturwissenschaften mehr liegen."
Berauschende Resonanz
Die schon berauschende Resonanz auf die Proteste im Rahmen der bundesweiten Aktionswoche ("Bildungsstreik 2009") erklärt sich auch mit der Unterstützung der Studierenden durch die Hochschulleitung in Weingarten. "Wir sind in Not, weil die notwendigen Investitionen in der Bildung ausbleiben", ruft Professor Bernd Reinhoffer seinen Studenten zu. Ein Trillerpfeifenkonzert signalisiert Zustimmung.
Besonderes Problem in Weingarten: Durch die Geschwisterregel sind die Einnahmen durch Studiengebühren an der Pädagogischen Hochschule um 45 Prozent eingebrochen. Mehr als anderswo, weil in der Region die Familien vergleichsweise kinderreich sind. "Wir werden in Oberschwaben für unsere Familienfreundlichkeit auch noch bestraft", sagt Reinhoffer. Die Trillerpfeifen gehen wieder zum Mund.
Viel Ärger entlädt sich also an diesem heißen Tag, der jedoch durchweg friedlich verläuft und wegen der hohen Anzahl an weiblichen Protestlern (gemäß ihrem Anteil an der Hochschule) einen unverkennbaren Charme besitzt. Eine kurze Sitzblockade auf der Wolfegger Straße löst sich dann auch ohne Probleme auf.
Bei einem Zwischenstopp zuvor auf dem Münsterplatz drehen sich die Gelbgekleideten immer wieder um, weil der Menschentross die Basilikatreppe hinunter nicht abreißen will. "Wahnsinn", sagt eine Studentin. Viele knipsten Erinnerungsfotos an einem denkwürdigen Tag ihrer Studienzeit. Weingarten
(Erschienen: 18.06.2009 00:08)
Die Revolution trägt Gelb und überflutet die Innenstadt von Weingarten. In grelle T-Shirts gekleidet, mit Trillerpfeifen, Megafonen und Transparenten ("Meer Lärer") ausgestattet, ziehen die Demonstranten am späten Mittag von den Hochschulgebäuden an der Basilika ins Stadtzentrum. "Wir sind hier, wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut", schallt es durch die Straßen. Den wenigen Passanten bisweilen zu laut, die den Einfall ihrer jungen Mitbürger sichtlich erstaunt verfolgen.
Mit 200 Teilnehmern hatten die Veranstalter, die Arbeitsgruppe Bildungsstreik Weingarten, im Vorfeld gerechnet, nun sind es nach Angaben der Polizei etwa achtmal so viele.
Darunter Steven Wottrich (30), der seiner neun Monate alten Tochter Maja einen Aufkleber auf den Strampelanzug gesteckt hat mit der Botschaft: "Selbstbestimmtes Lernen". "Natürlich gehe ich auch auf die Straße, damit es meine Tochter später einmal besser hat als ich", sagt der Student. Wottrich zahlt nach eigenen Angaben alleine an Gebühren insgesamt rund 600 Euro pro Semester. Da die Regelstudienzeit mit sechs Semestern sehr eng bemessen sei, bekommt er kein Bafög, muss also neben dem Studium im Baumarkt "OBI" arbeiten, um Familie und Karriereplanung am Leben zu halten. Was Wottrich besonders ärgert: Trotz Studiengebühren muss er die Seminarunterlagen selber bezahlen - wozu dann Studiengebühren? Wottrich fordert: "Weg mit den Studiengebühren."
Eine andere Forderung der Studenten artikulieren die Redner bei der Kundgebung auf dem Löwenplatz: "Bildung darf nicht zur Ware werden. Wir wollen uns als Menschen frei entfalten", tönt es unter Beifall aus den Lautsprechern. Sprich die Fächerkombinationen selber wählen, das Studium flexibel gestalten. Steven Wott- rich nickt: "Ich studiere Technik, Chemie und Mathe. Mathe muss ich studieren - obwohl mir Naturwissenschaften mehr liegen."
Berauschende Resonanz
Die schon berauschende Resonanz auf die Proteste im Rahmen der bundesweiten Aktionswoche ("Bildungsstreik 2009") erklärt sich auch mit der Unterstützung der Studierenden durch die Hochschulleitung in Weingarten. "Wir sind in Not, weil die notwendigen Investitionen in der Bildung ausbleiben", ruft Professor Bernd Reinhoffer seinen Studenten zu. Ein Trillerpfeifenkonzert signalisiert Zustimmung.
Besonderes Problem in Weingarten: Durch die Geschwisterregel sind die Einnahmen durch Studiengebühren an der Pädagogischen Hochschule um 45 Prozent eingebrochen. Mehr als anderswo, weil in der Region die Familien vergleichsweise kinderreich sind. "Wir werden in Oberschwaben für unsere Familienfreundlichkeit auch noch bestraft", sagt Reinhoffer. Die Trillerpfeifen gehen wieder zum Mund.
Viel Ärger entlädt sich also an diesem heißen Tag, der jedoch durchweg friedlich verläuft und wegen der hohen Anzahl an weiblichen Protestlern (gemäß ihrem Anteil an der Hochschule) einen unverkennbaren Charme besitzt. Eine kurze Sitzblockade auf der Wolfegger Straße löst sich dann auch ohne Probleme auf.
Bei einem Zwischenstopp zuvor auf dem Münsterplatz drehen sich die Gelbgekleideten immer wieder um, weil der Menschentross die Basilikatreppe hinunter nicht abreißen will. "Wahnsinn", sagt eine Studentin. Viele knipsten Erinnerungsfotos an einem denkwürdigen Tag ihrer Studienzeit. Weingarten
(Erschienen: 18.06.2009 00:08)
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