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"Ich wollte einfach den Coolen spielen"

FELDSTETTEN - Über das Projekt "Seehaus Leonberg" hat Tobias Merckle in Feldstetten im Gemeindehaus referiert. Das Projekt stellt eine Alternative zur Jugendvollzugsanstalt dar, bei dem die Jugendlichen in einem Familienverbund leben und in einem straff organisierten Alltag und mit Schul- und Berufsausbildung zurück in die Gesellschaft finden sollen. Von unserer Mitarbeiterin Sarah Sporys Auf die Idee, Tobias Merckle nach Feldstetten einzuladen und dort das seit 2003 laufende Projekt "Seehaus Leonberg" vorzustellen, ist Traugott Schmid gekommen.

Von unserer Mitarbeiterin Sarah Sporys

Auf die Idee, Tobias Merckle nach Feldstetten einzuladen und dort das seit 2003 laufende Projekt "Seehaus Leonberg" vorzustellen, ist Traugott Schmid gekommen. Schmid ist Jugendarbeiter der evangelischen Kirche und kennt Merckle schon seit seiner Kindheit, denn sie waren zusammen in Bühlenhausen in den Jugendkreis gegangen. Den Jugendlichen sollte bei diesem Vortrag klar werden, dass nicht jedes Kind aus einer glücklichen Familie kommt, die einem Rückhalt gibt. Schmid wollte erreichen, dass der Blick der Jugendlichen geweitet wird und sie auch mal über ihren eigenen Tellerrand hinausschauen.

Zu Beginn des Vortrags zeigte Tobias Merckle einen kurzen Film über das "Seehaus Leonberg", der auch schon im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Jedoch war Merckle nicht alleine gekommen, sondern hatte einen Jugendlichen aus dem Seehaus mitgebracht, der von seinem Leben berichtete: Andreas ist 18 Jahre alt und kommt aus der Gegend um Esslingen. Er kam mit drei Jahren mit seinen Eltern aus Russland nach Deutschland, wo er seinen Hauptschulabschluss gemacht hat.

Andreas zeigte sein Schicksal auf: Er hat irgendwann begonnen, Alkohol zu trinken. Er ist in die falschen Kreise abgerutscht. Er hat Fahrerflucht begangen und Schlägereien angefangen. Er selbst sagt, dass er den Coolen spielen wollte. "Der Grund für meine Gefängnisstrafe war eine Schlägerei, bei der ich mit zwei weiteren Jungen einen anderen verprügelte, der danach mehrere Tage auf der Intensivstation lag", so der Jugendliche.

Andreas wurde wegen versuchten Totschlags verurteilt. Im Gefängnis hat er einen Prospekt des Seehauses gelesen und sich dann für dieses Projekt beworben. Er wurde nach einigen Bewerbungsgesprächen auch angenommen. Im Seehaus habe er sich dann um 180 Grad gedreht und gelernt, seine Probleme mit Worten zu lösen.

Tobias Merckle und Andreas stellten das Projekt noch genauer vor. Es ist für Jungen von 14 bis 21 Jahren, die zu einer Freiheitsstrafe verurteilt wurden, jedoch gibt es bei der Auswahl klare Beschränkungen. So sind Sexualtäter, Mörder, starke Drogenabhängige und Wiederholungstäter nicht zugelassen. Im Seehaus steht das positive Verhalten im Vordergrund, die Jungen sollen einander helfen.

Das Verhalten wird bewertet

So wird ihr Verhalten in einem Phasensystem bewertet. Es gibt fünf Phasen: Je höher die Jungen steigen, je mehr Verantwortung bekommen sie, und auch ein Kontakt zu der Familie und Freunden wird dann gestattet. Weiterhin gibt es auch ein Bewertungssystem, in dem die Jungen jeden Tag Noten für Pünktlichkeit oder Sozial-verhalten bekommen. Die Jungen leben im Seehaus in Familien und können dort auch einen Hauptschulabschluss machen. Sie werden auf die Zeit nach dem Aufenthalt im Seehaus vorbereitet, so dass nicht mehr die Gefahr besteht, in ihre alten Kreise abzurutschen. Die anwesenden Jugendlichen staunten über den straffen Zeitplan der Jugendlichen im Seehaus, in dem es auch am Wochenende kein Ausschlafen gibt. Bemerkenswert fanden sie es auch, dass dort kein Fernseher vorhanden ist.

(Erschienen: 23.04.2008 00:07)

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