Elfriede Roth: "Reinhold lebt in seiner eigenen Welt"
17. Juni 1990, Rijeka: Regen setzt ein beim 250er-Rennen des Großen Preises von Jugoslawien. In der 24. Runde kommt es zur furchtbaren Tragödie: Reinhold Roth, zweifacher Vizeweltmeister aus Amtzell, ist die Sicht auf den langsam am Streckenrand rollenden GP-Neuling Darren Milner verdeckt. Roth fährt auf den Australier auf, die Köpfe der beiden prallen mit voller Wucht aufeinander. Statt um den WM-Titel, ringt Reinhold Roth um sein Leben. Acht Minuten bleibt er ohne Sauerstoff. Mehrfache Schädelfraktur, Kieferbruch und Hirnblutung lautet die Diagnose. Sechs Monate Koma folgen.
"Reinhold wollte Weltmeister werden, die Zeit war reif", erzählt seine Frau Elfriede. Spätestens für 1991 stand das Karriereende, das "ganz normale Leben" auf dem Plan. Sohn Mathias, zu jenem Zeitpunkt kurz vor der Einschulung, sollte Geschwister bekommen. Auch der Bauplatz im heimischen Amtzell war bereits gekauft. Langsam, in ganz kleinen Schritten schreitet die Genesung voran. "Es hat Jahre gedauert, bis ich endgültig geglaubt und begriffen habe, meinen Reinhold von früher bekomme ich nicht mehr zurück." Die Hoffnung als Strohhalm, der nicht zum Anker werden wollte.
Reinhold Roth ist auch heute noch ein Pflegefall. Die Hirnverletzungen sind nicht folgenlos geblieben. Er sitzt im Rollstuhl und ist halbseitig gelähmt. Aufopferungsvoll hat sich Elfriede Roth all die Jahre um ihren Mann gekümmert und ist dabei selbst krank geworden: "Vor vier Jahren habe ich deshalb die Pflege tagsüber abgegeben." Seither kümmert sich ein Pflegedienstteam zwölf Stunden am Tag um den einstigen Rennfahrer. Nicht an jedem Tag der Woche ist Reinhold Roths Verfassung gleich. "Manchmal gibt er Antworten, wenn man Fragen stellt, ist er klarer. Manchmal ist er weiter weg. Er ist gefangen im eigenen Körper", beschreibt Elfriede Roth die Situation - und ist sich gleichzeitig sicher: "Er ist auf seine Weise glücklich. Er lebt in seiner eigenen Welt."
Hauseigenes Therapiezimmer
Dass diese "Welt" so angenehm, so schön wie möglich ist, dafür hat Elfriede Roth gesorgt und tut es noch immer. Im hauseigenen Therapiezimmer wird eifrig und stetig gearbeitet, auch wenn Mediziner und Krankenkasse Reinhold Roth für "austherapiert" halten. Es sind kleine, minimale Fortschritte, die Elfriede Roth beobachtet. Fortschritte, die Außenstehende vermutlich nicht wahrnehmen würden. Woher sie selbst die Kraft nimmt, das Schicksal ihrer Familie zu bewältigen? "Ich habe einen starken Glauben", sagt die 50-Jährige. Und weiter: "Ich habe so vieles, was wir erlebt haben, in meinen Erinnerungen gebunkert. Ich bin an dieser Aufgabe gewachsen, stark geworden und sehe das Leben mit ganz anderen Augen."
Vor ein paar Jahren ist Elfriede Roth auch wieder ins Berufsleben zurückgekehrt und arbeitet seither zweimal in der Woche im Einzelhandel.
Kontakte zu den einstigen Rennfahrerkollegen gibt es nicht mehr. Auch Darren Milner hat sich nie gemeldet. Diverse Rennsportfreunde und Fans haben den ehemaligen Honda-Werksfahrer dennoch nicht vergessen. Zu Weihnachten flattern Wünsche ins Haus und das Fest mit den Nachbarn hat inzwischen Tradition. "Das ist alles für mich", pflegt Reinhold Roth dann zu sagen und freut sich an der Geselligkeit. An guten Tagen. Die es auch nach dem 17. Juni 1990 noch immer gibt.
(Erschienen: 06.08.2008 00:07)
17. Juni 1990, Rijeka: Regen setzt ein beim 250er-Rennen des Großen Preises von Jugoslawien. In der 24. Runde kommt es zur furchtbaren Tragödie: Reinhold Roth, zweifacher Vizeweltmeister aus Amtzell, ist die Sicht auf den langsam am Streckenrand rollenden GP-Neuling Darren Milner verdeckt. Roth fährt auf den Australier auf, die Köpfe der beiden prallen mit voller Wucht aufeinander. Statt um den WM-Titel, ringt Reinhold Roth um sein Leben. Acht Minuten bleibt er ohne Sauerstoff. Mehrfache Schädelfraktur, Kieferbruch und Hirnblutung lautet die Diagnose. Sechs Monate Koma folgen.
"Reinhold wollte Weltmeister werden, die Zeit war reif", erzählt seine Frau Elfriede. Spätestens für 1991 stand das Karriereende, das "ganz normale Leben" auf dem Plan. Sohn Mathias, zu jenem Zeitpunkt kurz vor der Einschulung, sollte Geschwister bekommen. Auch der Bauplatz im heimischen Amtzell war bereits gekauft. Langsam, in ganz kleinen Schritten schreitet die Genesung voran. "Es hat Jahre gedauert, bis ich endgültig geglaubt und begriffen habe, meinen Reinhold von früher bekomme ich nicht mehr zurück." Die Hoffnung als Strohhalm, der nicht zum Anker werden wollte.
Reinhold Roth ist auch heute noch ein Pflegefall. Die Hirnverletzungen sind nicht folgenlos geblieben. Er sitzt im Rollstuhl und ist halbseitig gelähmt. Aufopferungsvoll hat sich Elfriede Roth all die Jahre um ihren Mann gekümmert und ist dabei selbst krank geworden: "Vor vier Jahren habe ich deshalb die Pflege tagsüber abgegeben." Seither kümmert sich ein Pflegedienstteam zwölf Stunden am Tag um den einstigen Rennfahrer. Nicht an jedem Tag der Woche ist Reinhold Roths Verfassung gleich. "Manchmal gibt er Antworten, wenn man Fragen stellt, ist er klarer. Manchmal ist er weiter weg. Er ist gefangen im eigenen Körper", beschreibt Elfriede Roth die Situation - und ist sich gleichzeitig sicher: "Er ist auf seine Weise glücklich. Er lebt in seiner eigenen Welt."
Hauseigenes Therapiezimmer
Dass diese "Welt" so angenehm, so schön wie möglich ist, dafür hat Elfriede Roth gesorgt und tut es noch immer. Im hauseigenen Therapiezimmer wird eifrig und stetig gearbeitet, auch wenn Mediziner und Krankenkasse Reinhold Roth für "austherapiert" halten. Es sind kleine, minimale Fortschritte, die Elfriede Roth beobachtet. Fortschritte, die Außenstehende vermutlich nicht wahrnehmen würden. Woher sie selbst die Kraft nimmt, das Schicksal ihrer Familie zu bewältigen? "Ich habe einen starken Glauben", sagt die 50-Jährige. Und weiter: "Ich habe so vieles, was wir erlebt haben, in meinen Erinnerungen gebunkert. Ich bin an dieser Aufgabe gewachsen, stark geworden und sehe das Leben mit ganz anderen Augen."
Vor ein paar Jahren ist Elfriede Roth auch wieder ins Berufsleben zurückgekehrt und arbeitet seither zweimal in der Woche im Einzelhandel.
Kontakte zu den einstigen Rennfahrerkollegen gibt es nicht mehr. Auch Darren Milner hat sich nie gemeldet. Diverse Rennsportfreunde und Fans haben den ehemaligen Honda-Werksfahrer dennoch nicht vergessen. Zu Weihnachten flattern Wünsche ins Haus und das Fest mit den Nachbarn hat inzwischen Tradition. "Das ist alles für mich", pflegt Reinhold Roth dann zu sagen und freut sich an der Geselligkeit. An guten Tagen. Die es auch nach dem 17. Juni 1990 noch immer gibt.
(Erschienen: 06.08.2008 00:07)
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