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Ein Hühnerhof probt den Aufstand

OBERURBACH - "Die Aktion ist durchs Internet gerauscht wie kei-ne andere": Andreas Becker und Horst Fallenbeck sind selbst überrascht, wie sehr ihre "Hühner-De-mo" eingeschlagen hat. Tierschützer aus ganz Deutschland werden am Sonntag in Oberurbach erwartet. Mit von der Partie ist auch die Schauspielerin Barbara Rütting.

Von unserem Redakteur Michael Kaiser

Der Countdown läuft: Am kommenden Sonntag steigt in Oberurbach die große "Hühner-Demo" - auch wenn Horst Fallenbeck und Andreas Becker ihre 7000 Tiere nun wieder ganz legal ins Freie entlassen können. Just als der Reporter von der "Schwäbischen" die beiden Betreiber des Hühner-Freilandhofs in Oberurbach besuchte, kam der "goldene Brief". Per (gelber) Post-Zustellungsurkunde übermittelte das Landratsamt die Befreiung von der Aufstallungspflicht. In dürren Worten teilt das Veterinäramt mit, dass "Ihnen auf Ihren Antrag (É) in stets widerruflicher Weise (É) eine Ausnahmegenehmigung von dem Verbot, Geflügel ausschließlich in geschlossenen Ställen zu halten, erteilt wird".

Horst Fallenbeck und Andreas Becker sehen die Quasi-Legalisierung ihres ursprünglichen Vorhabens mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Einem lachenden, weil ihnen natürlich auch wohler dabei ist, wenn ihr "Tag des zivilen Ungehorsams gegenüber staatlicher Willkür" nun zu einer ganz normalen Demonstration für Tierschutz und gegen Käfighaltung wird und sie nicht mit Sanktionen rechnen müssen. Und mit einem weinenden, weil "die uns mit der Genehmigung den Wind aus den Segeln nehmen wollen", wie die etwas anders gestrickten Urbacher Hühnerhalter mutmaßen. Doch da sind Horst Seehofers Veterinäre an die Falschen geraten. "Jetzt erst recht", ist die Devise von Horst Fallenbeck, der am Demonstrationssonntag auch noch seinen 35. Geburtstag feiert. Und das Zehnjährige des Hühnerhofs: Am 17. Mai 1996 nahmen Andreas Becker und Horst Fallenbeck ihre ersten Junghennen in Empfang. In Oberurbach sind sie seit fünf Jahren.

"Menschenkäfig" aus Hamburg

Während sich der Mensch von der Zeitung ein Bild vom Stand der Vorbereitungen macht, läutet das Telefon ein ums andere Mal. Ein Arzt aus Wangen kündigt seinen Besuch an und verspricht, noch zwölf Kollegen zur Demonstration mitzubringen. Eine Tierschutzorganisation aus Hamburg will mit einem "Menschenkäfig" an der Demonstration teilnehmen. Ein Virologe, der bei der Kundgebung reden wird, will wissen, ob auch ein Mikrofon zur Verfügung steht (ja). Die Grünen aus Bad Waldsee fragen an, ob sie einen Sonnenschirm aufstellen dürfen. In Köln organisieren Tierschützer einen Bus. Schließlich eine Stimme aus Niedersachsen. Die Anruferin, Frau eines Großgeflügelzüchters aus der Gegend um Paderborn, sagt, dass die Aktion für sie "zu spät kommt". Ihr Mann habe sich umgebracht. Er sah angesichts der Aufstallungspflicht keine Zukunft mehr für seinen Betrieb. Andere Anrufer sprechen den Organisatoren der "Hühner-Demo" einfach Mut zu.

Im Internet gibt"s mittlerweile regelrechte "Hühnerforen", wo sich Tierschützer austauschen, ihre Theorien ausbreiten und Mitfahrgelegenheiten zur Demo suchen oder anbieten. Auch das Gästebuch des Urbacher Freilandhofes hat es in sich. Seitenweise Solidaritätsadressen. Eine Sabine Meinhold-Kraus, die gerade Flugblätter druckt, ist "ganz von den Socken von Eurer super Idee. Endlich mal Leute, die gegen diesen Irrsinn was machen." Das Wörtchen machen schreibt sie in Großbuchstaben. Manuel Herrmann hat "das Rumgeeiere unseres Herrn Ministers endgültig satt". Er will seine Tiere "spätestens am 15. Mai in die Freiheit lassen". Auch Inge Laukien aus Friedrichshafen "kann es einfach nicht mehr mit meinem Gewissen vereinbaren, meine Hühner einzusperren". Sie will am Sonntag auf jeden Fall mit dabei sein. Ganze Familien wollen ihren Muttertagsausflug nach Oberurbach verlegen. Mindestens 1000 Leute erwarten Horst Fallenbeck und Andreas Becker am Sonntag auf ihrem Hof. Auch mehrere Fernsehanstalten haben sich angesagt. Und die Bild-Zeitung.

Demo wurde zum Selbstläufer

"Die Aktion ist zu einem Selbstläufer geworden", freuen sich die Initiatoren. Trotz der Ausnahmegenehmigung für ihren Betrieb haben sie keinen Gedanken daran verschwendet, die Aktion abzublasen. "Das wäre egoistisch", sagt Horst Fallenbeck. Und eine Enttäuschung für die vielen Menschen, die ihre Hoffnungen in die beiden Urbacher Hühnerhalter setzen.

Denen geht es längst nicht mehr nur um die Vogelgrippe. "Die Sache ist doch ein Politikum", sagt Horst Fallenbeck und meint damit auch die Entscheidung des Bundesrates, die Legebatterien für weitere zwei Jahre zu erlauben, ehe dann der nur wenig größere "Großraumkäfig" kommen soll. Und Andreas Becker ergänzt: "20 Jahre haben Tierschützer für ein Käfigverbot gekämpft. Die Große Koalition macht in einem halben Jahr alles zunichte." Deshalb müsse jetzt der "Kampf gegen den Großraumkäfig" beginnen. Kreisrundschau

(Erschienen: 12.05.2006 00:16)

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