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Die Welt offen sehen

WEINGARTEN / sz Den Professor sieht man dem 84-jährigen Joseph Weizenbaum nicht an. Mit seinen langen grauen Haaren könnte er glatt als Künstler durchgehen. Rund 250 Zuhörer kamen ins Naturwissenschaftliche Zentrum der Hochschule Ravensburg-Weingarten, um den Computerpionier und Gesellschaftskritiker zu erleben.

An Joseph Weizenbaum wird deutsche Geschichte anschaulich. Geboren 1923 in Berlin, hätte er wahrscheinlich eine "normale" deutsche Kindheit erlebt, wäre er nicht jüdisch gewesen. 1936 wanderte Familie Weizenbaum in die USA aus. Dort machte der junge Mann als Wissenschaftler Furore. 25 Jahre lang lehrte er als Informatikprofessor am weltweit berühmten Massachusetts Institute of Technology (MIT).

Weizenbaum erschien in Weingarten auf Einladung der Fakultät für Elektrotechnik und Informatik gewissermaßen zweimal. Zuerst stand er im Mittelpunkt eines Dokumentarfilm. Der Film erzählt, wie es im Untertitel heißt, von einem "Rebel at Work". Denn Weizenbaums uneingeschränkte Begeisterung für Computer und Software änderte sich schnell, zumindest in Gedanken wurde er zum Rebellen. Auf der einen Seite stellte er irritiert fest, dass dem Computer menschliche Eigenschaften zugeschrieben werden, auf der anderen Seite kritisierte er, dass der Mensch nur als Maschine zur Verarbeitung von Information, also als Computer, angesehen wird. Darüber kam es zum Streit mit seinen Kollegen, viele Jahre später wandte sich Weizenbaum auch von den USA ab. Seit 1996 wohnt er wieder in Berlin.

Nach dem Film erschien der Meister persönlich und brillierte mit Humor und Gedankenschärfe. Ob bei Schülern oder Wissenschaftlern - Weizenbaum fordert die Fähigkeit des kritischen Denkens. Die Schwierigkeiten, in denen wir uns befänden, seien keine Frage des fehlenden Wissens. Nötig sei es jedoch, die Welt offen und ehrlich zu sehen und auch Zivilcourage zu zeigen. Die Weingartener Professoren auf dem Podium hatten es da nicht leicht, was nicht an ihrer fehlenden Redekunst lag. Professor Dr. Hans Walz als langjähriger Ethikbeauftragter der Hochschule Ravensburg-Weingarten gilt ohnehin als das gute Gewissen der Hochschule und teilte die wesentlichen Positionen Weizenbaums. Und auch Professor Dr. Wolfgang Ertel, der die Künstliche Intelligenz und die Robotik vertrat, will mit seinen Robotern nicht Gott spielen und den künstlichen Menschen erschaffen, wie es einige US-amerikanische Kollegen Weizenbaums allen Ernstes beabsichtigen.

(Erschienen: 12.04.2007 00:06)

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