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Die Grünen im Kreis werden zweitstärkste Kraft

FRIEDRICHSHAFEN - Die Europawahl hat der CDU im Bodenseekreis dramatische Stimmenverluste beschert. Von 50,9 Prozent bei der Wahl 2004 ist sie auf 41,1 Prozent abgesackt. Damit ist sie zwar nach wie vor stärkste Kraft, aber der Trend zeigt eindeutig nach unten.

Die Wahlbeteiligung lag kreisweit bei 52,3 Prozent, gut zwei Prozent unter der vor fünf Jahren. Richtig glücklich haben sich gestern nur zwei Kreisvorsitzende angehört: Hans-Peter Wetzel von der FDP und Matthias Klemm von den Grünen. Die Freien Demokraten haben kreisweit von 6,8 auf 14,9 Prozent zugelegt. "Das ist geradezu sensationell", freut der Kreisvorsitzende. Die FDP sei eben "außerordentlich verlässlich", was man von der CDU nicht sagen könne. Sie sei zu weit nach links gerutscht, meint Wetzel. Gut erwischt haben es auch die Grünen. Sie sind mit 16 Prozent im Kreis jetzt zweitstärkste Kraft nach der CDU. "Damit sind wir mehr als zufrieden", sagt Klemm. Diesen Sprung haben sie mit einem Zugewinn von nur 0,8 Prozent geschafft. Dass die SPD noch tiefer als 2004 gefallen ist, und das nicht mal zugunsten der Linken, macht sogar dem Grünen Sorgen. Richtig glücklich ist Klemm darüber, dass die Europa-Skeptiker praktisch keine Rolle mehr spielen. Die Republikaner sind mit 1,1 Prozent zur Bedeutungslosigkeit geschrumpft (2004 hatten sie noch 2,6 Prozent).

CDU-Kreisvorsitzende Sylvia Zwiesler (Tettnang) ist ziemlich ratlos. Dass es schwer sein würde, das Ergebnis von 2004 zu halten, habe sie gewusst. Dass es aber so dick kommen würde, hätte sie nicht gedacht. Für eine Analyse sei es zu früh. Nur so viel: Sie könne sich vorstellen, dass viele CDU-Wähler diesmal der FDP ihre Stimme gegeben haben. Die Freien Demokraten hätten es offensichtlich besser verstanden, ihre Spitzenkandidatin herauszustellen. Die CDU müsse sich überlegen, wie sie ihre Ziele und Personen besser rüber-bringt, und vor allem ihre Wählerschichten mobilisiert. Eine Verschiebung der Parteienlandschaft sei ja generell zu beobachten. Ob die Turbulenzen der Kreis-CDU rund um die Bundestagsnominierung bei dieser Wahl eine Rolle gespielt hat, bezweifelt Zwiesler. Für sie gelte es, jetzt nach vorne zu schauen. In 111 Tagen ist Bundestagswahl. "Bis dahin müssen wir dem Wähler noch deutlicher sagen, wo wir stehen und was wir wollen."

Jehle: Jetzt geht"s in die Vollen

Richtig enttäuscht ist Jochen Jehle. Der SPD-Kreisvorsitzende konnte es gestern Abend kaum fassen, dass seine Partei nach den dramatischen Verlusten vor fünf Jahren (minus sieben Prozent im Bodenseekreis) noch einmal um zwei Prozent abgesackt ist. "Ich dachte, wir hätten den Boden erreicht - leider ging"s noch eine Stufe runter." Von 16 auf 14,1 Prozent. Damit sind die Sozialdemokraten erstmals hinter den Grünen und der FDP nur noch viertstärkste Kraft.

Schöne Plakate, bunte Broschüren, Wahlveranstaltungen - all das reiche nicht. "Unsere Kampagne hat nicht funktioniert", sagt Jehle. Die SPD habe als Regierungspartei versucht, einen Oppositionswahlkampf zu führen. Das habe nicht funktioniert. Ein bisschen tröstet ihn das CDU-Debakel. Die Vorherrschaft der Christdemokraten im Bodenseekreis sei erstmals gebrochen. Doch Jehle macht sich nichts vor: Es handle sich im wesentlichen um einen Austausch im bürgerlichen Lager. Was die CDU verloren hat, habe die FDP dazugewonnen.

Jehle gibt sich aber keineswegs verzagt, will er doch für die SPD nicht nur als Kreisvorsitzender, sondern auch als Bundestagskandidat wieder Land, das heißt Menschen, gewinnen. "Jetzt geht"s für mich in die Vollen. Ich werde mich in den kommenden Wochen und Monaten kräftig reinhängen", verspricht Jehle.

Schaut man sich das Ergebnis der einzelnen Kreisgemeinden an, so fällt auf, dass die Verluste der CDU zwischen sechs Prozent (Bermatingen) und 16,5 Prozent (Hagnau) schwanken. Demgegenüber gewinnt die FDP zwischen fünf Prozent (Deggenhaustertal) und 16 Prozent (Hagnau). Die CDU hat in keiner der 23 Städte und Gemeinden des Bodenseekreises mehr die 50-Prozent-Marke geschafft. 2004 hatte sie immerhin in 13 Kommunen mehr als die Hälfte der Stimmen bekommen. Die SPD hat - wohl dank Jochen Jehle - im Deggenhausertal fast um ein Prozent zugelegt, in allen anderen Gemeinden jedoch bis zu vier Prozent verloren. Als Gewinner darf sich auch die Linke fühlen, von 0.9 auf 2,6 Prozent ist ein ansehlicher Sprung.

(Erschienen: 08.06.2009 00:09)

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