Die Chefärzte rocken alles zu Brei
Sie sind ganz klar in der Unterzahl: Bands, die machen, was sie wollen, sich klar gegen Trends abgrenzen und dabei ihren Fans wirklich etwas bieten. Die Ärzte sind so eine Band. Seit mehr als 20 Jahren stehen Gitarrist Farin Urlaub, Schlagzeuger Bela B. und seit der Rock-Reunion 1993 auch Rodrigo Gonzales (Bass) als unverrückbarer Fels in der Brandung der deutschen Musiklandschaft, haben unzählige sogenannte Bands aufsteigen und verglühen sehen und zig Trends überlebt. Ihre Fans lieben sie dafür, dass sie extrem niveaulos sein können, um im nächsten Moment einen politischen Protestsong aus dem Sack zu lassen. Und natürlich für ihre Drei-Stunden-Konzerte mit subtil-anarchischen Ansagen und zerstörten Songs. All das haben die Rockdoktoren am Dienstagabend in Perfektion zelebriert.
Irgendwann kriegen sie jeden
Dass die Ärzte jede noch so große Halle ausverkaufen, liegt daran, dass sie irgendwann jeden kriegen. Das sieht man auch im Publikum: Langhaarige Metaller, bleiche Düsterrockerinnen, Indie-Kids und völlig "normal" aussehende Gestalten feiern friedlich gemeinsam ihre Helden ab. Jede Generation entdeckt die Berliner neu für sich. Der vermutlich jüngste Fan beim Konzert trägt den größten Irokesen des Abends: Janosch Joksch aus Salem-Beuren zieht mit seinen grünen 30-Zentimeter-Zacken auf dem Kopf sämtliche Blicke auf sich. Gestern feierte er seinen zwölften Geburtstag, das Konzertticket ist sein Geschenk. Janosch ist mit einem Freund seines Vaters da: André Stamsen aus Markdorf nimmt den kleinen Ärzte-Fan auf die Schultern, damit der etwas sieht. Es ist das erste Konzert des Nachwuchs-Punkrockers, der E-Gitarre lernt und sich über jeden Song lautstark freut, jede Zeile textsicher mitsingt. An seinem Nadelstreifen-Jacket machen Dutzende Buttons klar, wo Janosch musikalisch steht, Totenkopf- und Nietengürtel dürfen nicht fehlen. Eins steht fest: Es wird nicht das letzte Konzert der Ärzte sein, das Janosch am Dienstagabend erlebt. Die Band sitzt fest im Sattel und denkt nicht daran, in Rente zu gehen.
Auffällig wie immer: Live überzeugen die Ärzte noch mehr als auf Platte. Mit dem poppigen "Himmelblau" steigen "BelaFarinRod" in ihr Set ein, das unglaublich zündet. Die Songs des aktuellen Albums "Jazz ist anders" offenbaren live ihr ganzes musikalisches Potenzial, besonders das funkige "Deine Freundin (wäre mir zu anstrengend)" überzeugt. Dazwischen greifen die Rockfanatiker in die Klassikerkollektion ("Westerland", "Schrei nach Liebe") oder kramen Skurriles wie "Sie kratzt, sie stinkt, sie klebt" vom indizierten "Ab 18"-Album und Live-Raritäten wie "Mysteryland" aus. Die Ansagen bewegen sich durchgängig in herrlich hirnvertrockneten Regionen: "Wir haben in den 80ern in Clubs gespielt, die so klein waren wie mein Schlagzeug, und die waren nur zu zwei Drittel voll", kalauert Steh-Drummer Bela B. Die Niveaugrenze wird mit nicht jugendfreien Ansagen unterwandert.
Nach anderthalb Stunden ist Schluss - für eine Minute. Dann beginnt der "Zugabenblock". Der dauert bei den Ärzten nochmal eineinhalb Stunden. Wenn andere Bands sich in ihren Nightliner zurückziehen und Richtung nächste Stadt rollen, haben sich die Berliner gerade warm gespielt und rocken ihr Publikum weiter zu Brei. "Gebt mir ein B, gebt mir ein rei - wozu rocken wir Euch?" Was bei anderen Bands peinlich wirken würde, ironisieren die Rockgiganten bewusst. Die beste Band der Welt? Dazu müssten sie zuerst die Beatles meucheln. Aber das hat sich ja erledigt.
(Erschienen: 06.12.2007 00:11)
Sie sind ganz klar in der Unterzahl: Bands, die machen, was sie wollen, sich klar gegen Trends abgrenzen und dabei ihren Fans wirklich etwas bieten. Die Ärzte sind so eine Band. Seit mehr als 20 Jahren stehen Gitarrist Farin Urlaub, Schlagzeuger Bela B. und seit der Rock-Reunion 1993 auch Rodrigo Gonzales (Bass) als unverrückbarer Fels in der Brandung der deutschen Musiklandschaft, haben unzählige sogenannte Bands aufsteigen und verglühen sehen und zig Trends überlebt. Ihre Fans lieben sie dafür, dass sie extrem niveaulos sein können, um im nächsten Moment einen politischen Protestsong aus dem Sack zu lassen. Und natürlich für ihre Drei-Stunden-Konzerte mit subtil-anarchischen Ansagen und zerstörten Songs. All das haben die Rockdoktoren am Dienstagabend in Perfektion zelebriert.
Irgendwann kriegen sie jeden
Dass die Ärzte jede noch so große Halle ausverkaufen, liegt daran, dass sie irgendwann jeden kriegen. Das sieht man auch im Publikum: Langhaarige Metaller, bleiche Düsterrockerinnen, Indie-Kids und völlig "normal" aussehende Gestalten feiern friedlich gemeinsam ihre Helden ab. Jede Generation entdeckt die Berliner neu für sich. Der vermutlich jüngste Fan beim Konzert trägt den größten Irokesen des Abends: Janosch Joksch aus Salem-Beuren zieht mit seinen grünen 30-Zentimeter-Zacken auf dem Kopf sämtliche Blicke auf sich. Gestern feierte er seinen zwölften Geburtstag, das Konzertticket ist sein Geschenk. Janosch ist mit einem Freund seines Vaters da: André Stamsen aus Markdorf nimmt den kleinen Ärzte-Fan auf die Schultern, damit der etwas sieht. Es ist das erste Konzert des Nachwuchs-Punkrockers, der E-Gitarre lernt und sich über jeden Song lautstark freut, jede Zeile textsicher mitsingt. An seinem Nadelstreifen-Jacket machen Dutzende Buttons klar, wo Janosch musikalisch steht, Totenkopf- und Nietengürtel dürfen nicht fehlen. Eins steht fest: Es wird nicht das letzte Konzert der Ärzte sein, das Janosch am Dienstagabend erlebt. Die Band sitzt fest im Sattel und denkt nicht daran, in Rente zu gehen.
Auffällig wie immer: Live überzeugen die Ärzte noch mehr als auf Platte. Mit dem poppigen "Himmelblau" steigen "BelaFarinRod" in ihr Set ein, das unglaublich zündet. Die Songs des aktuellen Albums "Jazz ist anders" offenbaren live ihr ganzes musikalisches Potenzial, besonders das funkige "Deine Freundin (wäre mir zu anstrengend)" überzeugt. Dazwischen greifen die Rockfanatiker in die Klassikerkollektion ("Westerland", "Schrei nach Liebe") oder kramen Skurriles wie "Sie kratzt, sie stinkt, sie klebt" vom indizierten "Ab 18"-Album und Live-Raritäten wie "Mysteryland" aus. Die Ansagen bewegen sich durchgängig in herrlich hirnvertrockneten Regionen: "Wir haben in den 80ern in Clubs gespielt, die so klein waren wie mein Schlagzeug, und die waren nur zu zwei Drittel voll", kalauert Steh-Drummer Bela B. Die Niveaugrenze wird mit nicht jugendfreien Ansagen unterwandert.
Nach anderthalb Stunden ist Schluss - für eine Minute. Dann beginnt der "Zugabenblock". Der dauert bei den Ärzten nochmal eineinhalb Stunden. Wenn andere Bands sich in ihren Nightliner zurückziehen und Richtung nächste Stadt rollen, haben sich die Berliner gerade warm gespielt und rocken ihr Publikum weiter zu Brei. "Gebt mir ein B, gebt mir ein rei - wozu rocken wir Euch?" Was bei anderen Bands peinlich wirken würde, ironisieren die Rockgiganten bewusst. Die beste Band der Welt? Dazu müssten sie zuerst die Beatles meucheln. Aber das hat sich ja erledigt.
(Erschienen: 06.12.2007 00:11)
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