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"Der Drogentherapie fehlt die Lobby"

TUTTLINGEN - Dr. Jürgen Mentzel ist der einzige Arzt im Landkreis, der aufgrund einer Zusatzqualifikation Heroinabhängige mit legalen Ersatzdrogen therapieren darf. Wir haben mit dem Allgemeinmediziner über Gegenwart und Zukunft der Drogensubstitution im Landkreis gesprochen.

Von Sven Kauffelt

Herr Dr. Mentzel, wie fühlt man sich als Einzelkämpfer bei der Therapie von Drogensüchtigen?

Der einzige bin ich ja nicht. Ich betreue noch zwei Kollegen in Tuttlingen und Spaichingen konsiliarisch, das heißt, sie substituieren unter meiner Aufsicht. Das ist vom Gesetzgeber so vorgeschrieben, wenn ein Arzt nicht die Zusatzbezeichnung "Substitutionsmedizin" erworben hat. Die beiden Kollegen dürfen dann mit mir als Konsiliararzt jeweils bis zu drei drogenabhängige Patienten behandeln.

Wie viele Plätze zur Substitution gibt es denn im Landkreis?

Derzeit sind es neun Patienten, die mit Ersatzstoffen behandelt werden. Zumindest offiziell. Wie viele Patienten in einer Grauzone substituiert werden, weiß ich nicht. Es war früher durchaus üblich, dass Kollegen gegen Bares unter der Hand substituiert haben. Aber das ist natürlich ein Straftatbestand.

Reichen neun Plätze für den ganzen Landkreis?

Nein, nicht ansatzweise. Wir bräuchten 30 bis 40 Plätze, aber es fehlen dafür einfach die Ärzte, die dazu bereit sind. Ein Kollege in Spaichingen ist jetzt seit Jahren mal wieder der Erste, der einsteigt, weil er einen Patienten therapiert. Aber das reicht nicht.

Warum scheuen Ärzte davor, Heroinabhängige zu behandeln?

Das hat mehrere Gründe. Mal abgesehen davon, dass es keine einfache Klientel ist, gibt es hohe bürokratische Hürden. Nehmen wir den härtesten Fall: Wenn ein Drogentoter gefunden wird, der von mir substituiert wurde, dann steht schnell die Staatsanwaltschaft bei mir in der Praxis und beschlagnahmt die Patientenunterlagen. Wenn das ein Patient ist, dem ich take-home-Dosen mitgegeben habe, also etwa Subotex für mehrere Tage, dann habe ich schnell ein Problem, wenn ich nicht haargenau auf die sehr bürokratischen Vorschriften achte.

Und wenn man diese Ersatzstoffe ausschließlich in der Praxis verabreicht?

Dann weniger, aber im Alltag ist das oft nicht machbar. Denn dazu muss der Patient jeden Tag in die Praxis kommen - auch samstags und sonntags. Bei jemandem, sagen wir, aus Böttingen, der berufstätig ist, ist das nicht machbar. Da geht es gar nicht anders, als dass ich ihm eine so genannte take-home-Dosis mitgebe. Die Standarddosis ist eine Tablette Subotex pro Tag. Nun sind aber die Probleme, die daraus resultieren können, vielschichtig.

Inwiefern?

Wie gesagt, ist es keine einfache Klientel. Es gibt Patienten, die verkaufen das. Eine Tablette ist auf dem Markt etwa 20 Euro wert. Dafür kaufen sie dann "echte" Drogen oder bestreiten davon ihren Lebensunterhalt. Oder was ist, wenn ein Patient kommt und sagt: 'Ich hab meine Dosis verloren." Glaube ich ihm das oder nicht? Wenn nicht und ich gebe ihm keinen Ersatz, nehme ich mitunter in Kauf, dass er sich Heroin besorgt. Das kann natürlich nicht die Lösung sein.

Kann man Missbrauch zu Beginn einer Therapie ausschließen?

Nein, das kann man nicht. Da wir schon immer eine begrenzte Zahl von Therapieplätzen hatten, setze ich die Schwelle bei neuen Patienten sehr hoch, weil ich Leute will, die entsprechend motiviert sind, den Entzug auch zu schaffen. Wobei es sehr schwierig ist, jemanden allein durch Ersatzstoffe zu entwöhnen. Das kommt eher selten vor. Die meisten werden nach einem Versuch, den Ersatzstoff abzusetzen, wieder rückfällig. Aber es gibt auch andere Beispiele. Gerade jetzt habe ich einen Patienten, bei dem wir Subotex absetzen, und ich habe die Hoffnung, dass er das schafft.

Wenn die Erfolgsaussichten so gering sind, warum soll man denn überhaupt substituieren?

Weil die Therapie in vielerlei Hinsicht erfolgreich ist. Man darf nicht vergessen, dass es diese Form der Therapie erst seit zwölf, fünfzehn Jahren gibt. Die Therapie zieht die Leute von der Straße, bindet sie an die Praxis. Und vor allem nimmt sie ihnen den Beschaffungsdruck. Wenn nicht therapiert wird, besorgen sie sich ihre harten Drogen mit allen Konsequenzen: Beschaffungskriminalität, Drogentote. Die Substitution leistet da eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe.

Sie, wie auch die Mitarbeiter der Fachstelle der Sucht, setzten große Hoffnungen in eine ambulante Entzugsklinik. Die kommt jetzt, aber nur für Alkoholerkrankungen.

Ja, das ist sehr schade. Ich habe meine Hoffnungen in diese Klinik gesetzt, weil es eine wirkliche Hilfe für unsere Arbeit gewesen wäre. Als die Vinzenz-von-Paul-Kliniken aus Rottenmünster die Trägerschaft übernommen haben, war klar, dass keine Konsumenten harter Drogen in der neuen Tagesklinik in Spaichingen behandelt werden. Mit der Klinik Reichenau wären wir einen Schritt weiter gewesen.

Fühlen Sie sich also nicht ausreichend unterstützt?

Nein, aus mehreren Gründen nicht. Dass so wenig Ärzte substituieren, hängt in erster Linie daran, dass wir bei den niedergelassenen Ärzten ja überhaupt keinen Nachwuchs mehr haben. Da wäre dann sicher der ein oder andere dabei, der substituieren würde. Für bestehende Ärzte wäre das Honorar ein Anreiz, ist es aber nicht. Ich bekomme für die Abgabe des Ersatzstoffes vier Euro am Tag. Für eine längere Beratung nochmal zwölf Euro. Das steht in keinem Verhältnis zum Aufwand. Dass es niemand machen will, zeigt doch am besten, dass es zu schlecht bezahlt wird. Der Substitution fehlt einfach die Lobby.

Wie meinen Sie das?

Der Vergleich hinkt zwar etwas, aber im Prinzip kann man das mit der Behandlung von Typ-2-Diabetikern mit starkem Übergewicht vergleichen. Da käme auch niemand auf die Idee, Insulin zu verweigern, obwohl sie an ihrem Gewichtsproblem nichts ändern. Es käme auch niemand auf die Idee, einen Supermarkt der Dealerei zu bezichtigen, weil sich ein Typ-2-Diabetiker dort Süßigkeiten kauft.

Wie beurteilen Sie die Zukunft der Substitutionstherapie?

Schlecht. Von der Qualität und dem Therapieerfolg her ist es deutlich besser geworden, weil man jetzt auf Erfahrungen zurückgreifen kann. Die Leute werden, auch durch die umfangreiche Arbeit der Fachstelle Sucht, gut betreut. Die Gesamtsituation wird aber immer schlechter, weil es kaum noch ein Arzt machen will. Wenn ich meine Praxis schließen würde, wäre die Substitution im Landkreis von einem Tag auf den anderen ziemlich erledigt.

(Erschienen: 25.02.2009 00:06)

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