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Chatroboter simulieren Menschen

Hamburg / dpa/gms Wer sich mit ihm unterhält, könnte ihn glatt für lebendig halten: Barkeeper Leo gesteht Beziehungsprobleme und philosophiert über die Geschmäcker von Menschen, während er einen Drink mixt. Doch Leo ist anders als seine Kollegen: Er ist nicht aus Fleisch und Blut sondern lediglich ein Chatroboter. Auf zahlreichen Internetseiten stehen derartige virtuelle Berater und Verkäufer heute Kunden zu Diensten.

Auf zahlreichen Internetseiten stehen derartige virtuelle Berater und Verkäufer heute Kunden zu Diensten. Sie beantworten Fragen und unterhalten in Chaträumen einsame Nachtschwärmer. Mitunter sind die künstlichen Plappermäuler sogar schlagfertig, besitzen Humor und zeigen Gefühle.

"Chatroboter werden dem Menschen in der Unterhaltung immer ähnlicher", erklärt Karl-Ludwig von Wendt, Geschäftsführer der Firma Kiwilogic in Hamburg. Die virtuellen Kundenberater des Unternehmens beantworten derzeit auf mehr als 60 Webseiten Fragen von Kunden oder führen durch das Internetportal. Die Kunstgeschöpfe, auch Lingubots genannt, haben nicht nur Fachwissen gelernt: So erzählt der Bausparfuchs von Schwäbisch Hall auch gerne über sein Familienleben und sein Lieblingsessen. "Auch die Unterhaltung mit einer Maschine kann Spaß machen - deswegen geben wir den Figuren auch eine Menge Persönliches mit auf den Weg", sagt von Wendt.

Lingubots erhalten nach Angaben von Alexander Richter, Inhaber der Firma Parsimony mit Sitz in Breisau (Baden-Würrttemberg), ihr Wissen aus angebundenen Foren und Chats, sodass sie die Gesprächsthemen des Nutzerkreises kennen. Zusätzlich beziehen sie tagesaktuelle Informationen aus Newstickern im Internet. Richter zufolge haben sich Nutzer in Freizeit-Foren auch schon einmal eine Stunde lang mit einem Chatroboter beschäftigt. Viele probierten die Maschinen aus Langeweile oder Neugier aus, wenn in anderen Chaträumen nichts mehr los sei.

Andere machten sich einen Spaß daraus, den Roboter wüst zu beschimpfen - unter Jugendlichen sei das geradezu eine Kultbetätigung, so Richter. Einige Anwender würden das künstliche Gegenüber aber nicht einmal erkennen, erklärt er. Daher würde sein Unternehmen, dessen Chatroboter auf mehr als 400 Internetseiten für Unterhaltung sorgen, die virtuellen Plaudertaschen stets als solche kennzeichnen. Richter zufolge sind einfache Lingubots leicht auszutricksen. Nuzter sollten sie nach dem Wetter vor Ort fragen oder ihnen eine Rechenaufgabe stellen.

Den Inhalt einer Unterhaltung könnten Lingubots nicht verstehen, erklärt Bernhard Jung, der sich an der Uni Bielefeld mit künstlicher Intelligenz beschäftigt. Die Programme verfügten lediglich über eine Datenbank mit dem passenden Vokabular und ein Sprachsystem, das die Sätze auf ihre interne logische Struktur hin analysiert und nach Schlüsselwörtern sucht. So könne ein Sprachroboter zum Beispiel erkennen, dass so verschiedene Sätze wie "Was kostet das?" und "Wie teuer ist das?" dasselbe bedeuten. Dazu vergleicht er Sprachmuster aus seinem Speicher.

Dieses Prinzip entwickelte bereits im Jahr 1965 der von Deutschland in die USA emigrierte Wissenschaftler Joseph Weizenbaum: Sein Chat-Modul "Eliza" simulierte erfolgreich ein Therapiegespräch zwischen Psychiater und Patienten. Laut Bernhard Jung verfügen die Gesprächssimulatoren heute lediglich über größere Datenbanken und animierte Gesichter - so könnten sie witzig und gefühlvoll wirken.

Das große Ziel der Programmierer hat bislang aber noch keine Maschine erreicht: den Turing-Test zu bestehen. Der britische Mathematiker Alan Turing entwickelte 1950 einen Test, um zu prüfen, ob eine Maschine im Chat für einen Menschen gehalten werden könnte. In diesem Sinne treten jedes Jahr Gesprächssimulatoren beim "Chatterbox Challenge" und im Kampf um den "Loebner-Preis" gegeneinander an. Sie versuchen dabei, eine Fachjury hinters Licht zu führen - noch immer ohne Erfolg. "In der Geschichte der Chatroboter gab es bislang nur Trostpreise", so Jung.

Das Streben der Entwickler nach menschenähnlichen Maschinen treibt bisweilen aber kuriose Stilblüten: Das John Lennon Artificial Intelligence Project beispielsweise hat 1999 den toten Beatles-Star wieder zum Leben erweckt - mit einem Chatroboter, der die typischen Phrasen des Sängers benutzt. Dass der chattende Lennon nicht echt war, nahmen die Fans gerne in Kauf - immerhin konnten sie sich wenigstens auf diese Art einmal mit ihrem Idol unterhalten.

Informationen im Internet: Weitere Informationen sowie eine Liste von Chatrobotern finden sich im Internet:

http://www.chatterbots.net

http://www.abenteuermedien.de/jabberwock/faq_de.html

http://www.chatterboxchallenge.com

(Erschienen: 09.07.2003 10:34)

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