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An der Bürokratie krankt es am allermeisten

FRIEDRICHSHAFEN - Schlechte Bezahlung, zu viele arztfremde Tätigkeiten, zu wenig Anerkennung und zu viele Überstunden: Der Frust bei den jungen Klinikärzten nimmt zu. "Uns geht die Luft aus", klagen viele von ihnen. Eine Tagschicht in der zentralen Aufnahmestation des Klinikums Friedrichshafen.

Von unserer Redakteurin Hildegard Nagler

Mitten in der Nacht hat sich Frau S. mit dem Krankenwagen ins Klinikum Friedrichshafen bringen lassen. Ein Notfall? Keineswegs. Chefarzt Dr. Detlev Jäger und zwei Assistenzärztinnen beugen sich bei der morgendlichen Visite über die Akte von Frau S.. Alle drei sind sich einig: Frau S. gehört nicht ins Krankenhaus, und im Sinne des Sozialgesetzbuchs ist es nicht richtig, dass sie sich selbst einweist, nachdem sie der Hausarzt mit Antidepressiva versorgt und heimgeschickt hatte. Also wird Frau S. entlassen. Bis zum nächsten Wiedersehen im Krankenhaus in der zentralen Aufnahmestation, in der man sich überwiegend internistischen Problemen widmet.

Seit einem Jahr arbeitet Assistenzärztin Katrin Scherer im Klinikum Friedrichshafen, einem Lehrkrankenhaus der Universität Tübingen. Um 7.30 Uhr hat die Stationsärztin ihren Dienst begonnen. Ein paar der maximal 18 Betten für Kurzlieger sind in der Nacht belegt worden. Jetzt, am Morgen, gilt es in Absprache mit dem Chefarzt und dem zuständigen Oberarzt zu entscheiden, wer längerfristig behandelt und verlegt werden muss.

Die meiste Zeit am Schreibtisch

Die Medizinerin kämpft an diesem wie an jedem Tag mit einem "leidigen Problem", wie sie sagt: dem Bürokratiekrieg. Mehr als die Hälfte der Zeit verbringt sie am Schreibtisch. Verschiedene Therapien müssen mit Hilfe von verschiedenen Formularen angewiesen werden. Herr N. wird entlassen. Die Assistenzärztin diktiert den dafür erforderlichen Entlassbrief, eilt mit der Kassette in der Hand um die Ecke ins krankenhauseigene Schreibbüro. Die Krankenkasse will, dass die Diagnose verschlüsselt wird. Also füllt Schneider Formulare am Computer aus, ergänzt sie mit eigenen Bemerkungen. Sie und ihre Kollegin Cornelia Grieb sagen: "Wir sind nicht Ärztinnen geworden, weil wir bis über die Ohren mit Bürokratie eingedeckt sein wollen. Wir sind Ärztinnen geworden, weil wir Menschen helfen wollen."

Die Gelegenheit gibt es, wenn Neuaufnahmen anstehen. Bis zu 23 in 24 Stunden weist das Aufnahmebuch aus. Die Bandbreite reicht vom echten Notfall bis hin zum Husten. Eine halbe Stunde pro Patient und Arzt rechnet Chefarzt Jäger für eine Neuaufnahme. "Da kann es an manchen Tagen ganz schön heiß hergehen."

Immer wieder Überstunden

Vor allem wenn Menschen mit Beschwerden wie Schnupfen in die zentrale Aufnahmestation kommen, fühlen sich die Mediziner ausgenutzt. "Diese Leute sind beim Hausarzt genauso gut aufgehoben. Zu uns kommen sie, weil sie sagen, bei Euch müssen wir nicht so lange warten", sagt eine junge Medizinerin. Ein Problem dabei: Solche Patienten kosten Zeit, die dann oft für echte Notfälle fehlt.

Überhaupt ärgern sich die jungen Ärzte über den zunehmenden Anspruch und zu wenig Anerkennung seitens der Patienten: "Die Leute fordern immer mehr von uns", sagt Assistenzärztin Grieb. "Einige sind aber gar nicht bereit, unseren Ratschlägen zu folgen." Und Überstunden? Die stehen immer wieder auf dem Programm. Wenn beispielsweise eine Fortbildung wie die Tumorkonferenz ansteht, in der einmal im Monat Fälle vorgestellt werden.

Keine Frage: Ohne Assistenzärzte könnte kein Krankenhausbetrieb aufrecht erhalten werden. In Friedrichshafen arbeiten acht für die Medizinische Klinik I, die Gastro-Enterologie (Magen) unter zwei Oberärzten. In der Medizinischen Klinik II, der Kardiologie (Herz), Angiologie (Gefäße) und Pulmologie (Lunge) gibt es drei Oberärzte und zehn Assistenzärzte. Wobei dort drei Stellen derzeit nicht besetzt sind.

Abwanderung ins Ausland

Und die Bezahlung von Assistenzärzten? Mancher Mediziner hat Verständnis für die Kollegen, die in die Pharmazie oder ins Ausland abwandern, weil sie dort besser verdienen. Auch Chefarzt Jäger räumt ein, dass der Verdienst der jungen Ärzte nicht hoch ist. "Man vergleicht ihn mit dem eines Fliesenlegers in Deutschland", sagt der Mediziner. "Doch ich bin lieber Arzt als Fliesenleger. Meine Arbeit ist sicherlich spannender."}

Privatdozent Dr. Detlev Jäger, Chefarzt Medizinische Klinik II am Klinikum Friedrichshafen, bespricht sich während der morgendlichen Visite mit seinen Assistenzärztinnen Katrin Scherer und Cornelia Grieb. SZ-Foto: Hildegard Nagler}

Sorge um genügend Ärzte

Der Marburger Bund, eine 1947 in Marburg gegründete Interessengemeinschaft der Ärzte, befürchtet aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen, "massenhafter Überstunden" und zu geringer Vergütung eine weitere Demotivation der Ärzte und zudem einen Ärztemangel in Deutschland.

Kaum Verständnis hat der Friedrichshafener Chefarzt Detlev Jäger für diejenigen Kollegen in Deutschland, die grundsätzlich über Überstunden klagen. "Wenn man unter 40 ist, steckt man ein paar Stunden mehr locker weg." In den Überstunden, so seine Argumentation, erwerben junge Ärzte Technik- und Erfahrungskapital. Allerdings, ergänzt Jäger, sollten die Überstunden angemessen bezahlt werden.

Die Sorge um genügend Ärzte treibt den Chefarzt aber sehr wohl um. "Wenn kommendes Jahr die EU-Regelung greift, wonach Stunden, die man nachts im Krankenhaus verbringt, Arbeitszeit sind, haben wir ein echtes Problem. Zum einen brauchen wir mehr Leute, die es sowieso nicht gibt, zum anderen müssen wir mit erheblichen Einkommensverlusten rechnen."

Probleme sieht der Chefarzt auch, wenn ein Mediziner aus juristischen Gründen nach einem Dienst nach Hause gehen muss. Dies bringe einen Informationsverlust und eine Qualitätsminderung für die Patienten mit sich.

Die zunehmende Demotivation kann der Friedrichshafener Chefarzt nachvollziehen. "Es ist aber nicht die viele ärztliche Arbeit, die demotiviert, sondern die Zunahme administrativer Tätigkeiten und die Behinderung durch gesetzliche Vorgaben." (hin)

(Erschienen: 05.10.2005 00:16)

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