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Ärzte: Im Zweifel Beikonsum tolerieren

RAVENSBURG - Die Psychiatrie in Weißenau (ZfP) schlägt Alarm: Wenn es keine Ärzte mehr gibt, die Drogenabhängigen Methadon geben, rutschten immer mehr Abhängige in die offene Szene ab. Das ZfP wirbt für den Aufbau einer Schwerpunktpraxis. Die Staatsanwaltschaft betonte gestern, dass sie das Methadonprogramm befürworte.

Von unserem Redakteur Stefan Hilser

" Die Substitution Drogenabhängiger mit Ersatzstoffen wie Methadon ist eine wissenschaftlich anerkannte Behandlungsmethode. In vielen Studien wurde nachgewiesen, dass sie zu Verbesserungen der körperlichen und seelischen Gesundheit und der sozialen Situation von Drogenabhängigen führt." Das betonte gestern Oberarzt Dr. Markus Leibfarth vom ZfP in einer Reaktion auf die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen mehrere Ravensburger Ärzte (wir berichteten).

Professor Dr. Paul-Otto Schmidt-Michel, Ärztlicher Direktor des Zentrums für Psychiatrie, und Oberarzt Dr. Markus Leibfarth von der Drogenentzugsstation Mariatal sehen die Versorgung schwer Drogenabhängiger mit Substitutionsmitteln in Gefahr, wenn niedergelassene Ärzte nicht mehr bereit sind, das Mittel zu verschreiben. Der Ravensburger Allgemeinmediziner Dr. Dietmar Hawran kündigte an, sich aus dem Substitutionsprogramm zurückzuziehen, nachdem die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen ihn aufgenommen hatte.

Herbert Heister, Leitender Oberstaatsanwalt, betonte nach der Presseveröffentlichung, dass die Staatsanwaltschaft die Abgabe der Mittel für sinnvoll halte. Bei unzuverlässigen Patienten, die weiterhin Betäubungsmittel konsumieren (Beikonsum), müsse die Vergabe aber eingestellt werden - oder müsse die Methadoneinnahme in der ärztlichen Praxis unter Aufsicht erfolgen.

Schaden begrenzen

Die Ärzte des Zentrums für Psychiatrie zeichnen in ihrer Pressemitteilung von gestern dieses Bild: "Es gibt nur sehr wenige Drogenabhängige, die innerhalb einer Substitutionsbehandlung nie Alkohol oder andere Drogen zu sich nehmen." Für die Ärzte, die beispielsweise bei Urinkontrollen einen Beikonsum feststellen, stelle sich häufig die Frage, wie sie die Gefahr für ihre Patienten kleiner halten: wenn sie unter bestimmten Bedingungen die Behandlung weiterführen oder wenn sie die Substitution beenden. "In vielen Fällen müssen sie dann zu dem Ergebnis kommen, dass eine Weiterbehandlung zu weniger Schaden führt", sagt Paul-Otto Schmidt-Michel.

Während in größeren Städten die Substitutionsbehandlung überwiegend in Schwerpunktpraxen erfolgt, übernehmen im ländlichen Raum in erster Linie niedergelassene Ärzte diese Aufgabe. Für die Ärzte sei diese Aufgabe unattraktiv, erklärt Markus Leibfarth vom ZfP. "Es handelt sich häufig um schwer führbare Patienten, der Dokumentationsaufwand ist erheblich. Der für eine gute Substitution zu betreibende Zeitaufwand steht in keinem Verhältnis zur Vergütung."

"Es besteht ein dringender Handlungsbedarf. Der drohenden Verelendung Drogenabhängiger und Bildung offener Szenen durch Wegbrechen der Substitutionsbehandlung gilt es entschieden entgegen zu wirken", teilt Schmidt-Michel mit. Mit der Einrichtung einer Schwerpunktpraxis im Raum Ravensburg könne die aktuelle Notsituation entschärft werden.

(Erschienen: 27.10.2006 00:17)

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