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Die seltsamen Methoden des Dr. M.

Alissa Walser
Alissa Walser

(LEUTKIRCH/wk) Alissa Walser hat ihren ersten Roman vorgelegt. Er heißt „Am Anfang war die Nacht Musik“. Im Mittelpunkt steht mit Franz Anton Mesmer eine Figur aus dem 18. Jahrhundert: von den einen wegen seiner Heilmethoden als Scharlatan geschmäht, von den anderen als Mitbegründer der Hypnose verehrt.

Von unserer RedakteurinBarbara Miller

Sprößling berühmter Eltern zu sein, ist Fluch und Segen. Also gleich raus damit: Ja, Alissa Walser ist eine der vier klugen Töchter von Martin Walser. Und sie verfügt über mehrere Talente: Sie malt, sie übersetzt, sie schreibt. Es gehört kein geringer Mut dazu, in derselben Profession wie der berühmte Vater reüssieren zu wollen. Denn natürlich wird verglichen. Das ist der Fluch des großen Namens. Aber es gibt auch den Segen: Nicht jedem Debütanten wird die geballte Aufmerk-samkeit der Feuilletons von FAZ bis Spiegel zuteil.

Wobei Alissa Walser mit ihren 48 Jahren keine Debütantin im reinen Sinn mehr ist: „Am Anfang war die Nacht Musik“ ist nicht ihre erste Veröffentlichung. Als sie vor 17 Jahren beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb erstmals in der literarischen Öffentlichkeit auftrat, tat sie es mit einem Paukenschlag: Mit einer Kurzgeschichte über ein inzestiöses Verhältnis machte sie Furore -- und regte die Phantasie an. Dass die damals 31-Jährige bewusst mit einer komplizierten Vater-Tochter-Beziehung spielte, ging in der Aufregnung fast unter. „Geschenkt“, so der Titel des Klagenfurter Siegertexts, fand Eingang in ihren Erzählband „Dies ist nicht meine ganze Geschichte“. Der erschien 1996. Vier Jahre später legte Alissa Walser mit „Die kleinere Hälfte der Welt“ eine weitere Sammlung von Kurzprosa vor.

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Nun also ein Roman. Im Mittelpunkt steht Franz Anton Mesmer, Begründer einer nach ihm benannten Lehre, wonach Menschen mit Magneten geheilt werden können. Walser erzählt nun nicht einfach die Lebensgeschichte des Mannes, der 1734 in Iznang am Bodensee geboren wurde und in Meersburg begraben ist. Sie beleuchtet eine entscheidende Episode im Leben deseigensinnigen Theologen und Arztes, der nur eines wollte: die Anerkennung der Wissenschaft.

Wie die Wahrheit klingt

Mesmer lebt nach langen Studienjahren in Wien, ist mit einer reichen Frau verheiratet und spaltet die Wiener Gesellschaft in glühende Anhänger und scharfe Kritiker seiner seltsamen Methoden. Da wird ihm die 17-jährige Sängerin und Pianistin Maria Theresia Paradis vorgeführt -- Tochter eines Wiener Höflings und blind seit ihrem dritten Lebensjahr. In 18 Kapiteln geht es um diese Begegnung zu Beginn des Jahres 1777, aber eben nicht nur darum: Der Titel „Am Anfang war die Nacht Musik“ mag zu gewollt, zu sperrig wirken, weist aber doch den Weg in eine Welt, in der es nicht nur um die Beschreibung eines umstrittenen medizinischen Phänomens geht, sondern um mehr: Was ist wahr? Was wir sehen oder was wir fühlen? Die kleine Paradis gewinnt zwar kurzzeitig ihre Sehkraft zurück, verliert aber die Kraft zu Musizieren.

Alissa Walser schreibt anschaulich und zieht den Leser hinein in die Geschichte dieses spannenden 18. Jahrhunderts, in dem sich in Wissenschaft wie Gesellschaft so viel bewegt hat. Sie lässt Mozart auftreten und die Kaiserin Maria Theresia und zitiert in einem Nebensatz einen anderen Schwaben auf die Bühne des Geschehens, Mesmers Freund, den Bildhauer Franz Xaver Messerschmidt. Das alles geschieht mit leichter Hand. Dabei bedient sich die Autorin einer nicht unproblematischen Technik: Die Gedanken Mesmers, die Gefühle der Jungfer Paradis, die Zornesausbrüche der temperamentvollen Gattin werden in erlebter Rede erzählt. Könnte auf die Dauer ermüden, tut es aber nicht. Die 250 Seiten sind schnell durchgelesen. Und fast ist man ein wenig traurig, wenn sich Mesmer und Paradis im Pariser Frühling des Jahres 1784 ein letztes Mal begegnen.

(Erschienen: 11.01.2010 19:10)


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