Wir lassen uns unsere Unabhängigkeit nicht nehmen!
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
das hat gut getan: 32 von Ihnen haben mich am Mittwoch angerufen. Ihre Beiträge waren kritisch und konstruktiv, besorgt und aufbauend, ablehnend und zustimmend - doch allesamt waren sie fair und interessiert. Sie unterschieden sich - aus meiner Sicht - wohltuend von der organisierten Entrüstung, die mich in den Tagen zuvor vorwiegend per E-Mail erreichte. Es gab allerdings auch Empörung, zu der nicht erst per Flugblatt oder elektronischer Nachricht aufgerufen werden musste.
Die "Schwäbische Zeitung" nimmt die Sorgen und Ängste ihrer Leser ernst, sehr ernst. Jeder Anrufer, der am Mittwoch die Gelegenheit nutzte, sich aus erster Hand zu informieren, wird das sicherlich bestätigen, auch wenn nicht in allen Gesprächen letztlich Übereinstimmung zu erzielen war. Das war auch nicht zu erwarten, weil vor allem die Trennung von Gunther Dahinten - von außen betrachtet - vielleicht nur schwer nachvollziehbar ist. Die Meinungsverschiedenheiten der letzten Monate und die vergeblichen Aufforderungen, Unzulänglichkeiten abzustellen, sind natürlich nicht öffentlich diskutiert worden.
Bei den meisten Lesern stand aber nicht unsere Personalentscheidung im Mittelpunkt des Interesses. Ihnen war die Frage wichtig, wofür die "Schwäbische Zeitung" inhaltlich steht, welche Art von Journalismus von ihr zu erwarten ist. Deshalb hier eine etwas ausführlichere Antwort dazu, die vielen Spekulationen und Unterstellungen der letzten Tage den Boden entzieht.
Die verlegerischen Vorgaben finden Sie im Untertitel unserer Zeitung: Unabhängige Zeitung für christliche Kultur und Politik. Im Grunde ist damit zwar nicht alles, aber sehr viel gesagt. Die SZ präsentiert - gleichgültig, ob in Aalen, Lindau, Tuttlingen oder Biberach - einen Journalismus, der vom Chefredakteur und der Redaktion gestaltet wird und nicht von außen beeinflusst oder gar gelenkt ist. Wir haben die Unabhängigkeit, die es uns ermöglicht, die Maßstäbe und Regeln für uns selbst zu bestimmen. Der Journalismus, den wir meinen und wollen, ist kritisch, konstruktiv und fair.
Das Selbstverständnis der SZ-Redaktion ist eindeutig und ihr Selbstbewusstsein groß: Wir sind von keiner Partei abhängig, wir sind vor allem unseren Lesern verpflichtet. Und diese erwarten von uns, dass wir Missstände aufzeigen, Probleme ansprechen, Skandale aufdecken. Die Leser erwarten allerdings auch von uns, dass das, was wir ins Blatt rücken, gründlich recherchiert, richtig dargestellt ist und der Wahrheit entspricht.
Und bei der Wahrheit sind wir dann auch beim zweiten Teil unseres Untertitels. Die SZ ist den christlichen Grundwerten verpflichtet. Darunter ist sicherlich ein gewisser Werte-Konservatismus, aber auch ein großes soziales Engagement sowie eine kräftig ausgeprägte Liberalität zu verstehen. Alles Wertmaßstäbe, die in fast allen demokratischen Parteien vorhanden sind. Womit auch die Aussage des zweiten Teils unseres Untertitels eindeutig ist: Keine parteipolitische Zuordnung!
Nun sind in der aktuellen Biberacher Diskussion Zweifel an der Unabhängigkeit der SZ-Redaktion aufgekommen - niemand weiß zwar Genaues, aber es wird immer wieder gerne kolportiert. Sicher wurden diese Gerüchte auch durch die eine oder andere Äußerung von Politikern erst angestoßen. Doch auch hier noch einmal zur Klarstellung: Was die Politiker - wer auch immer - sagen, ist das eine; wie die Chefredaktion der "Schwäbischen Zeitung" darauf reagiert, das ist das andere. Und die lässt sich ihre Unabhängigkeit nicht nehmen. Dafür kämpft sie. Gerade auch in diesen Tagen. Denn was wollen die, die jetzt den öffentlichen Druck auf die SZ organisieren? Sie wollen doch das, was sie anderen unterstellen: Einfluss auf die SZ nehmen! Es geht auch dabei um unsere Unabhängigkeit! Und wir werden uns nicht anders verhalten als vorher. Wir werden sie verteidigen!
Die Stimmung in Biberach ist derzeit ohne Zweifel aufgewühlt. Vor allem wegen des fortdauernden Wahlkampfes. Obwohl Landtagswahl und OB-Wahl ausgestanden sind, gibt es auf politischer Ebene nach wie vor die Unart, bei allen Bewertungen und Stellungnahmen erst einmal zu sondieren, welchen politischen Nutzen man für sich selbst und seine Partei daraus ziehen kann. Letztlich ist das eine Stimmungslage, die nicht zum Wohle der Stadt und der Menschen ist, die in ihr leben. Die "Schwäbische Zeitung" wird auf der Seite derjenigen sein, die diese überholten Rituale aufbrechen, die in dieser Stadt - ohne Ansehen des Parteibuches - etwas positiv verändern wollen.
Die "Schwäbische Zeitung" ist in diesen Tagen nicht nur in Biberach in der Diskussion gewesen - sie war auch im Fokus anderer Medien. Und einiges, was da so geschrieben und gesendet wurde, ist eine Blamage für die Branche.
Beispiele: Was ist von einer Straßenbefragung des SWR-Fernsehens zu halten, wenn vorher über E-Mails in ausgewählten Kreisen aufgefordert wird, auch ja zu einem bestimmten Zeitpunkt auf dem Marktplatz zu sein? Ein objektives Bild? Sicher nicht.
Was ist von einer Tageszeitung aus der Landeshauptstadt ("Stuttgarter Nachrichten") zu halten, die kritisch anmerkt, dass "auch freie Mitarbeiter gehen müssen"? Gemeint ist die ein Jahr alte Vorgabe der SZ-Chefredaktion, keine Parteifunktionäre als freie Mitarbeiter zu beschäftigen. Gleichzeitig erklärt jedoch Jürgen Offenbach, Chefredakteur der "Stuttgarter Nachrichten", auf Nachfrage, dass für ihn der Einsatz von aktiven Parteigängern als Mitarbeiter "absolut unvertretbar" sei. Und weiter: "Jede Redaktion tut gut daran, das nicht zuzulassen." Ach, was! Doch warum mokiert sich seine Redaktion dann über ein Haus, das genau das tut? Stuttgarter Geheimnisse!
Und was ist von einer Gewerkschaft (ver.di) zu halten, die ihre Mitglieder zu einer Versammlung zum Thema SZ-Biberach aufruft, aber den betroffenen Chefredakteur, der sich angeboten hat zu informieren, nicht dabei haben will? Diesmal getreu dem Motto: Ich lasse mir meine Meinung doch nicht durch andere Informationen kaputtmachen.
Die "Schwäbische Zeitung" hat keinen Grund, sich irgendwelchen Diskussionen zu entziehen. Trotzdem wird sie sich mit dem heutigen Tag wieder weniger mit Gerüchten und Unterstellungen von Außenstehenden beschäftigen. Wir werden unsere ganze Kraft darauf konzentrieren, für unsere Leser ein interessantes Blatt zu machen. Tag für Tag. Darauf haben Sie einen Anspruch. Wir werden ihn erfüllen.
Joachim Umbach
styletyp0 Chefredakteur der "Schwäbischen Zeitung"
(Erschienen: 22.03.2002 22:38)








