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CD Kritik

Seachange: Jenseits der Hipness

(Hamburg/dpa) Gut zwei Jahre nach ihrem sehr hörenswerten Debüt «Lay Of The Land» veröffentlicht die englische Band Seachange ein neues Album. Es hat sich viel verändert für den Act aus Nottingham, aber eines ist beim Alten geblieben: Seachange zählen nach wie vor zu den interessantesten neueren Indierockbands und ihre neue Platte «On Fire, With Love» zu den potenziellen Lieblingsalben des Jahres.

Wer Seachanges Debüt-Album kennt und nun den Nachfolger «On Fire, With Love» zum ersten Mal hört, der wird wahrscheinlich zunächst eine Lücke wahrnehmen. Die Violine fehlt in den meisten Stücken und mit ihr das Element, das Seachange innerhalb des weiten Feldes Indierock so besonders machte. Violinistin Johanna ist Ende letzten Jahres Mutter geworden und hat die Band vorerst verlassen. Unverwechselbar sind Seachange dennoch geblieben, auch wenn das neue Bandmitglied Neil (Savoy Grand, Escapologists) kein Streichinstrument, sonder das herkömmliche Rock- und Pop-Instrumentarium bedient.

Die Änderungen im Line-up haben Seachange nicht in die Gewöhnlichkeit abdriften lassen. Im Gegenteil: Auf «On Fire, With Love» klingt die Band ausgereifter und selbstsicherer als zuvor, obwohl oder vielleicht auch weil diese Platte eine schwere Geburt war. Seachanges altes Label Matador ließ die Band und deren erste Version des neuen Albums fallen. Schließlich entschied man sich, «On Fire, With Love» neu aufzunehmen und fand bei Glitterhouse, dem Label, das schon die ersten Seachange-Singles veröffentlicht hatte, eine neue alte Heimat.

War «Lay Of The Land» eine dynamisch-ungestüme, zuweilen fast garstige Angelegenheit, so klingt «On Fire, With Love» versöhnlicher und harmonischer, aber dabei trotzdem intensiv und poetisch. Wo es sich auf dem alten Album, aufgenommen übrigens in einem Spukhaus, dunkel und karg anfühlte, geht es nun wärmer und etwas wohliger zu; griffiger, aber noch lange nicht in einem gefälligen Sinne anschmiegsam.

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Es scheint, als gingen Seachange mehr auf Tuchfühlung mit dem Hörer. Der allerdings sollte nach wie vor gewillt sein, sich auch im Kantigen wohlzufühlen, denn nach allzu offensichtlichen Zugeständnissen an Mainstream-Moden und Trend-Sounds sucht man auf «On Fire, With Love» vergeblich. An dieser Stelle wird deutlich, dass sich die Band weder an den Wünschen einer Plattenfirma orientieren musste noch einem Umfeld voller Hipness-Zwänge entstammt. Auf angenehme und sympathische Weise handelt es sich hier um Musik aus der Provinz, genau dem Ort, an dem sich Herzensangelegenheiten pur und unverfälscht verwirklichen lassen.

Die Mischung aus Melodie und Noise, Melancholie und Wut, die Seachange ohne jede abgeschmackte Emo-Rock-Attitüde auf den Punkt bringen, entzieht sich der nüchternen Beschreibung vehement. Tatsächlich hört man «On Fire, With Love» an, dass es um noch viel mehr als nur große Gefühle geht, eigentlich nämlich um das Fortbestehen der Band, also um alles. Seachange haben alles bekommen - fast alles, denn in Großbritannien wird ihr Album nicht erscheinen - und geben an ihre Hörer dafür jeden Tropfen Herzblut, der in dieser Platte steckt, mit Kusshand weiter. Danke.

www.seachangemusic.com

www.glitterhouse.com

(Erschienen: 13.06.2006 11:51)


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