"Im blauen Sessel" geht es auch um Neosexualität
(RAVENSBURG/blö)"Wir haben das Thema gewählt, weil Familie zu einer riskanten Lebensform geworden ist", sagte Karin Nowak. Sie sprach im Eröffnungs-Salon, in der Städtischen Galerie stellvertretend für die acht Mitglieder der Bürgerinitiative. Ihnen ist es gelungen, Menschen zu engagieren, die das Thema am Freitagabend zum Leben und Funkeln brachten, mit ihren Vorträgen, Lesungen und als Gastgeber mit ihren zwölf "Salons". Wissenschaft ließ sich auf Modehaus und Wohnzimmer ein, Literatur auf den Sitzungssaal, und Moderator Michael Borrasch stellte in der Städtischen Galerie gleich zwölf Intellektuelle von Rang vor. Für den Büchner-Preisträger ländlicher Herkunft Arnold Stadler war das Anlass spontan zu äußern, er käme sich wie auf einer Viehauktion vor. Das Publikum war darüber teils vergnügt, teils erschrocken. Wer den Autor Stadler kennt, war vielleicht erstaunt wie gut er mit der feinen Rathausarchitektur aus dem 14. Jahrhundert harmonierte. Ins Bild passte, dass der 1954 Geborene das liebe Vieh ja gewissermaßen zur Familie zählt. Unter einem Dach mit ihm aufgewachsen sei er, erzählte Stadler. Das Dach sei im Jahr 1773 erbaut worden und er lebe zeitweise immer noch da. Er las aus seinem Roman "Komm, gehen wir". Da macht Roland mit seinem Freunde Jim einen Ausflug aufs Land. Bei den Nachbarn wird Blut gerührt, das Schwein hängt ausgenommen in zwei Hälften. "Die Stiftung Warentest hätte auch sie nicht als Familie durchgehen lassen", las Stadler, erntete trockene Lacher und fuhr später fort "… blutsverwandte Säugetiere, arme Schweine wie Sie". Von geordnetem Sex war ferner die Rede, "unmöglich, gab es etwas Ungeordneteres als Sex?". Dagegen war aus Sicht der Geschlechter-Expertin Friederike Kuster alles in Ordnung, wenn es einvernehmlich geschah. Sie hielt ihren Vortrag "Neosexualiäten" im gar nicht dekadenten Salon von Anke und Kai Sprenger. Dieter Lohr und Frau Stoll-Scheuerle spielten Salonmusik, ehe die Professorin die bürgerliche Familie unter die Lupe nahm: Die Rollen hätte man strikt normiert und auf naturgegebene Unterschiede zurückgeführt. Kuster beschrieb die bürgerliche Geschlechterordnung als ehelich, reproduktiv und heterosexuell. "Jetzt brechen die zur Natur verklärten Schalen des Geschlechts auf", zitierte sie den Soziologen Ulrich Beck. Das heißt, Homosexualität, außerehelicher Sex, Selbstbefriedigung und perverse Praktiken wären als individueller Lebensstil in Ordnung, geschähen sie freiwillig. Unter der Bohlendecke aus dem 15 Jahrhundert nahmen die Gäste das Revolutionäre gelassen. Ein Herr bemerkte, dies gelte doch nur für die westlich-abendländische Kultur, sei quasi ein Dekadenzphänomen. Die Professorin stimmte zu. Ja die Neosexualitäten seien Sumpfblüten. Selbstbestimmung sei anstrengend, aber auch schön.
(Erschienen: 05.04.2009 19:00)
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