Gedichte von Leben, Liebe und Tod
Von unserem Mitarbeiter Ingo Selle
Selbst eine begnadete Schauspielerin und Regisseurin, gab sie viel Privates und Persönliches preis. "Wir haben uns geliebt, wir haben uns gestritten, wir haben ein Land miteinander verlassen", bekannte Katharina Thalbach, die schon mit zwölf Jahren einen Meisterschülerinnenvertrag bei der Brecht-Witwe Helene Weigel bekam und 1969 die Hauptrolle der Polly in Brechts Dreigroschenoper spielte, über ihr Leben mit Thomas Brasch.
Nach Knast wegen "staatsfeindlicher Hetze" und Publikationsverbot wird dem 1945 in England als Sohn des zeitweiligen DDR-Kultusministers Horst Brasch im Dezember 1976 eine "einmalige Ausreise zwecks Übersiedlung aus der DDR " aufgezwungen. Thomas Brasch und Katharina Thalbach gehen am 12. Dezember 1976 nach Westberlin. Im Jahr 1977 erscheint sein Prosaband "Vor den Vätern sterben die Söhne". Viele seiner folgenden Arbeiten werden mit höchsten Literaturpreisen gekrönt.
Als sich Thomas Brasch anlässlich der Verleihung des Bayerischen Filmpreises für "Engel aus Eisen" bei der Filmhochschule der DDR für seine Ausbildung bedankt, ist er bei Franz Josef Strauß, dem "Freistaat Bayern", aber auch bei vielen westdeutschen Feuilletonisten "unten durch". "Staat macht Angst- und Angst macht dumm", kontert Thomas Brasch in einem seiner Werke.
Unter die Haut, ins Herz
In Pfullendorf begann der fantastische Vortrag von Katharina Thalbach mit einer Lesung aus dem Nachlass-Gedichtband "Wer durch mein Leben will, muss durch mein Zimmer". Fasziniert erlebten die Zuhörerinnen und Zuhörer hautnah von Gedicht zu Gedicht und auch in den Prosa-Passagen die Wandlungsfähigkeit in Modulation, Ausdruck und Stimme einer großen Schauspielerin, die es allein durch ihre Präsenz fertig brachte, dass vieles so unter die Haut und ins Herz ging, wie es beim eigenen Lesen im "stillen Kämmerlein" gar nicht möglich sein kann.
Was mach' ich mit - der Liebe?
"Wie man mit Liebe eigentlich umgehen könnte", ist eines der zentralen Themen in dem facettenreichen Werk des Autors, der auch als Shakespeare-Übersetzer Großes hinterlassen hat. "In der Schule lernst du nicht, was dir nach der Schule nützt, dass keiner, wenn dein Rückgrat bricht, dich stützt", heißt es in seinem Gedicht für Tochter "Anna, die in die Schule muss", das mit den Worten endet: "Sag nicht, du hast es nicht gewusst."
Mehr als eine Dichterlesung
Mit einer "Liebeserklärung von Thomas an Shakespeare und an das Theater, die mir selber sehr am Herzen liegt", dem "Prolog vor dem Theater", beendete Katharina Thalbach den Abend, der weit mehr, als nur eine "Dichterlesung" war.
Ob Leben, Liebe oder Tod, in ihrer weit über einstündigen Hommage gab Katharina Thalbach auch menschlich ganz intensive Einblicke in das Werk von Thomas Brasch, der am 3. November 2001 an einem Herzleiden verstarb.
Nach dem Schlussapplaus der bewegt-begeisterten Zuhörer, ließ Kulturmacher André Heygster keinen Zweifel am Stellenwert von Thomas Brasch: "Einem der sehr Bedeutenden" im Kunst- und Kulturschaffen des 20. Jahrhunderts.
(Erschienen: 08.10.2004 00:19)








