Forscher geben der Steinzeit ein Gesicht
Gesichtsrekonstruktionen helfen nicht nur bei aktuellen Kriminalfällen, sondern bieten auch die einzigartige Möglichkeit, vor Jahrtausenden verstorbenen Menschen von Angesicht zu Angesicht wieder zu begegnen. Von der Zeichnung und Computertechnik über den Schädelabguss bis hin zur Aufmodellierung konnten die Besucher miterleben, wie ein Schädel ein Gesicht bekommt.
Dr. Martin Menninger, Anthropologe und Archäologe an der Universität Tübingen, demonstrierte mit seinen Helferinnen die einzelnen Schritte. "Zuerst macht man eine grundsätzliche Bestimmung, zum Beispiel über Alter, Abstammung und Geschlecht", erklärt Menninger. Dann wird mit Hilfe von 'Landmarks' (definierte, anatomische Punkte) auf dem Schädel die Weichteildicke bestimmt. Diese gibt die Grundform des Gesichts vor. "Die anatomischen Details geben die individuellen Gesichtszüge wieder." Die weitere Ausarbeitung und Verfeinerung ist sehr zeitintensiv. "Pro Schädel benötigen wir zwischen 40 und 100 Stunden, je nachdem, wie detailgenau gearbeitet werden soll."
"Lebendige Archäologie"
Allerdings sei die Entsprechung der Rekonstruktion zur Realität nicht immer absolut, "da wir ja nicht wissen, ob dieser Mensch zum Beispiel dick oder dünn war, was natürlich die Gesichtszüge verändert." Auch Haut-, Haar- oder Augenfarbe können nur durch bestimmte Rassemerkmale vermutet werden. "Wir wissen nicht sicher, ob der steinzeitliche Mensch in unserer Region hell- oder dunkelhäutig war", erläutert der Experte weiter.
Claudia Malecki-Maleitzke, Pressesprecherin des Federsee-Museums, erklärt: "Eine lebendige und aktive Archäologie ist Ziel dieser Aktion." Durch Fachspezialisten soll die Arbeits- und Entstehungsweise vom Besucher miterlebt werden können.
"Das Skelett ist ein Archiv des Lebens", sagt der Anthropologe, denn darin schlagen sich die Lebensweise und -bedingungen eines Menschen nieder. Anthropologie ist menschenfokussiert - und mit das charakteristischste, was der Mensch zu bieten hat, ist sein Gesicht. "Darüber erhalten wir einen Zugang zu denen, die schon lange verstorben sind", sagt Martin Menninger. "Auch die Zähne geben Aufschluss über Ernährung und Gesundheit und über den Stand innerhalb einer Sippe."
Noch den ganzen Tag über erläuterte der Experte ausführlich den Besuchern sein interessantes Arbeitsfeld und brachte ihnen sehr anschaulich eine spannende Wissenschaft nahe.
(Erschienen: 16.06.2008 00:07)













