Ein Leben in zwei Welten
Von unserem Redakteur Achim Zepp
"Tschüss Kumpel" heißt der Film, mit dem Barbara Sieroslawski Verbindungen sichtbar gemacht hat zwischen Polen und Deutschland. Sie dokumentiert darin den europaweiten Abschied vom Kohlebergbau beispielhaft in einer sterbenden Zeche Oberschlesiens und in Bottrop, wo zu dieser Zeit längst alles vorbei ist. Bilder zweier Welten, die zeitversetzt austauschbar waren. Der Film veranschaulicht, dass Europa Jahre vor der EU-Erweiterung unterirdisch längst zusammengewachsen war.
In diesen beiden Welten, im Polnischen wie im Deutschen, ist Barbara Sieroslawski zuhause. Sie ist in Biberach aufgewachsen als Tochter einer polnisch stämmigen Arztfamilie. Der Vater sprach Deutsch mit den Kindern, die Mutter Polnisch. Ihre Muttersprache, sagt sie, sei Deutsch. Und schwäbisch, behauptet sie, beherrsche sie auch noch. Man mag es ihr kaum glauben.
Nach dem Abitur am Wieland-Gymnasium studiert Barbara Sieroslawski Theaterwissenschaften und Publizistik an der Freien Universität Berlin. Ihre Magisterarbeit über polnisches Theater führt sie nach Breslau, wo sie ihre erste eigene Inszenierung erlebt. "Damit begann mein Leben zwischen Deutschland und Polen", sagt sie. Nach dem Studium arbeitet sie zunächst am Theater. 1996 erhält sie vom Süddeutschen Rundfunk den Auftrag für ein Papstporträt Johannes Pauls II.: "Petrus aus Polen". Der Dokumentarfilm und das Theater bleiben bis heute Barbara Sieroslawskis "große Leidenschaft". Das wirkliche und das inszenierte Leben - nebeneinander. Polen und Deutschland nebeneinander. Sie lebt in Warschau, in Berlin und auch in Biberach. "Ich bin Biberacherin", sagt sie so beiläufig wie selbstverständlich. Zwei eigene Welten, die unabhängig voneinander existieren.
Polnische Milchbar
Bei den Biberacher Filmfestspielen ist Barbara Sieroslawski schon zum vierten Mal vertreten. 1999 zeigte sie eine Dokumentation über "1000 Jahre Danzig", 2001 "Tschüss Kumpel", den sie im Auftrag des ZDF gedreht hatte, und 2002 "Bestzeit": Ein Film über das harte Schwimmtraining eines blinden polnischen Jungen, dessen sehnlichster Wunsch die Teilnahme an den Paralympics in Griechenland ist. Der inzwischen 18-Jährige hat seinen Traum tatsächlich verwirklicht und im Sommer in Athen über 100 Meter Rücken den fünften Platz erreicht. "Das hat mich im Nachhinein wahnsinnig gefreut", sagt die Dokumentarfilmerin.
In diesem Jahr zeigt Barbara Sieroslawski beim Biberacher Filmfest "Pierogi! Pierogi!". Die Musik dazu schrieb der aus Biberach stammende und in Bern lehrende Immanuel Brockhaus. "Pierogi! Pierogi!" zeigt die unterschiedlichsten Leute in einer polnischen Milchbar, 15 Minuten lang, mit deutschen Untertiteln. Ein winziger Splitter polnischen Alltags, ein spaltbreit Einblick in polnisches Lebensgefühl. Hinter dem Film steckt übrigens eine sehr kühne Idee. Man wird sehen...
(Erschienen: 06.11.2004 00:18)








