Demonstranten "ehren" Diana Raedler
Diana Raedler war in der gestrigen Sitzung nicht da - nicht zuletzt, weil sie normalerweise eher im Sozialausschuss anzutreffen ist. Außerdem hat sie Urlaub. Dies hielt die mit weißen Masken und roten Kapuzenpullis ausstaffierten Demonstranten, die sich "Die Überflüssigen" nennen, nicht davon ab, Flugblätter zu verteilen und eine Rede auf die Chefin der sozialen Angelegenheiten im Landkreis zu halten. Da weder Landrat Kurt Widmaier noch seine Stellvertreterin Eva-Maria Meschenmoser Anstalten machten, die fragwürdige Trophäe, einen "goldenen Meterstab", stellvertretend entgegenzunehmen, stellte die Gruppe das Stück schließlich auf einem der Tische ab.
Hinter den Masken verbergen sich nach Auskunft des Veranstalters, der sich vor der Aktion mit der "Schwäbischen Zeitung" in Verbindung gesetzt hatte, Menschen aus dem Raum Ravensburg, die ihren Protest gegen "soziale Kälte" des Landratsamtes zum Ausdruck bringen wollen. Anlass war ein Bericht in der SZ über einen 60-jährigen Hartz-IV-Empfänger aus Ravensburg, der aus seiner 55-Quadratmeter-Wohnung ausziehen sollte, weil sie nach Ansicht des Amtes zehn Quadratmeter zu groß für ihn sei.
Daher auch die Verleihung des "goldenen Meterstabes": "Wer nicht bereit ist, seine Existenz auf ein Minimalmaß zurückzustutzen, wird gemaßregelt, dem wird die Unterstützung gekürzt, es wird deutlich gemacht, wo man seinen neuen Platz in der Gesellschaft zu suchen hat: ganz unten", heißt es in dem Flugblatt zur Aktion. "Ravensburg als Wohlstandsmetropole macht da keine Ausnahme: Wer aus dem Kreis der Verwertbaren fällt, wird vom Landratsamt Ravensburg mit der gleichen Zuverlässigkeit gegängelt wie im Rest der Republik." Derart herausragende Pflichterfüllung, formulieren die "Überflüssigen" im Flugblatt ironisch weiter, werde mit einer besonderen Trophäe, eben dem goldenen Meterstab, belohnt.
Menschen ohne Gesicht
Die weißen Masken sollen jene Menschen symbolisieren, die für das Amt kein Gesicht haben, also nur ein anonymer Fall sind, erklärt ein Aktivist der "Schwäbischen Zeitung". In mehreren Städten Deutschlands sind die "Überflüssigen" schon aufgetreten. Beim Prozess gegen Peter Hartz schafften sie es zum Teil auf die Titelseiten der Zeitungen. Ihr Ziel sei es, mit spektakulären Aktionen auf soziale Missstände hinzuweisen und Kapitalismuskritik zu üben. "Die Überflüssigen" sind Menschen aus verschiedenen Orten, die unter gleichem Namen Aktionsformen des sozialen oder zivilen Ungehorsams praktizieren. Der Name wurde gewählt, weil sie sich als Menschen verstehen, die in einem "profitfanatischen" System überflüssig gemacht werden.
Landrat Widmaier reagierte gelassen. In den Gremien des Landkreises sei man es gewohnt, "mit offenem Visier" zu kämpfen, erklärte er der Gruppe und außerdem, dass dem Landkreis nichts übrig bleibe, als sich an die Gesetze - so auch die Hartz IV-Gesetze - zu halten. Die Gruppe hörte brav zu - eine junge Frau rief noch in den Raum, bevor sie die Tür hinter sich zuzog: "Sie kämpfen eben nicht mit offenem Visier". Widmaier: "Doch".
(Erschienen: 14.03.2007 00:08)
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