Bienzle´s Geist wehte in Biberach
BIBERACH - Felix Huby, mit richtigem Namen Eberhard Hungerbühler (Huby war sein Kürzel in der "Spiegel"-Redaktion; es wurde später zum schriftstellerischen Pseudonym; Felix heißt sein Sohn) bot seinen zahlreichen Zuhörern in der Biberacher Stadthalle eine kurzweilige und spannende Stunde mit Beispielen aus seinem schriftstellerischen Schaffen.
Von unserem Mitarbeiter Günter Vogel
In seiner Begrüßung hatte Oberbürgermeister Thomas Fettback angeregt, ob Huby nicht auch einmal einen Polit-Krimi schreiben wolle, aktuelle Bezüge gäbe es genug, auch in Biberach...
Natürlich stand aber im Mittelpunkt der Lesung die von ihm bereits 1977 geschaffene Figur des Kommissars Ernst Bienzle, alter ego des Autors. Auch Bienzle ist 1938 in Dettenhausen bei Tübingen geboren, auch sein Vater war Lehrer wie der seines Schöpfers.
Aus einer Reihe von Romanen und bislang 14 Tatort-Folgen kennt man diesen Ermittler. In "Bienzle und der Biedermann" beschrieb Huby eine Begegnung zwischen seinem Kommissar und sich selbst. In dieser Episode betrachtet er sich und sein Gewerbe ironisch; er las jetzt, wie Bienzle sich an den Mann erinnerte, der "Bücher und Fernsehstücke mit der Geschwindigkeit eines wurffreudigen Karnickels" schrieb. Trotz dieses Tempos (Huby hat an einem Tag mal 60 Seiten produziert) ist seine Gestaltung von Szene und Menschen von atmosphärischer Dichte, erkennbar, nacherlebbar, wenngleich er seinen Bienzle zum Schriftsteller sagen lässt, dass seine Tat-orte und Romane "verdammt wenig mit der Wirklichkeit zu tun haben". Der stimmte zu: "Wenn ich realistisch schreibe, wird´s net spannend, und wenn ich spannend schreibe, kann´s nicht der Realität entsprechen. Aber natürlich muss eine Geschichte eine innere Realität haben. In sich muss sie stimmen..." Huby verstand es überdies, mit sprecherischer Präsenz, treffsicherer Diktion und mundartlicher Färbung eine eindringliche Atmos-phäre herzustellen, die die Vorstellungskraft der Zuhörer beflügelte.
Der Autor schreibt vieles schwäbisch: "Ich bin der Meinung, man kann im Dialekt unglaublich viel genauer schreiben, wenn man den Dialekt gut kennt, gerade das Schwäbische, das Wörter und Formulierungen bereit hält, die in Hochsprache nicht verwendet werden. Also wenn der Schwabe sagt, der furzt höher, als ihm der Arsch gewachsen ist, das ist so ein wunderbares Bild, das kann man nicht besser ausdrücken". Er hat dem Volk auf´s Maul geschaut. Und: man spürt in den Schilderungen die Liebe zur schwäbischen Landschaft, das gibt es dort so, dort war er, das kennt er, der Waldweg, den er beschreibt, ist Realität.
Huby über sich: "Also ich arbeite, weil ich eigentlich faul bin, und ich bin sehr fleißig, weil ich faul bin, weil ich Angst vor meiner eigenen Faulheit habe, das ist ja bei manchen Leuten ein Antrieb. Und wenn ich schreibe, dann ist Arbeit für mich das schiere Vergnügen. Ich arbeite ja so, wie ich lese, ich geh an den Schreibtisch, das fängt an mit einem Satz oder mit einer Figurenkonstellation und dann tun die was... die setzen sich in Bewegung, das ist anfänglich manchmal etwas mühsam, bis, wie wir Schwaben sagen, es den Pfropfen naushaut, und dann läuft es. Und dann ist es so, dass ich mit dem Schreiben nicht nachkomme, weil sich die Dinge so schnell entwickeln und dass ich auch an den Schreibtisch zurückkehre, um zu erfahren, wie es weitergeht. Und meine Figuren sagen manchmal Sachen, die wirklich zu meiner großen Überraschung kommen, die ich selber nie sagen würde."
Huby las noch eine weitere Episode aus "Bienzle und der Sündenbock": Der Kommissar fängt mit schwäbischer Gelassenheit einen jugendlichen Bankräuber, weil er erkennt, dass dieser immer kurz vor 18 Uhr sein Abendessen in einem Restaurant unterbricht, geschwind auf die andere Straßenseite zum Bankraub geht, danach weiter isst. Die spannende Lesestunde endete mit zwei Geschichten aus dem Buch "Der Eugen" mit knappen und treffsicheren Schilderungen schwäbischer Eigenarten. Mit lang anhaltendem Beifall bedankte sich das Publikum für diese außergewöhnliche literarische Stunde.
(Erschienen: 29.04.2002 22:33)








